„Nach den Sternen greife ich nicht mehr“

Sport / 19.11.2020 • 22:26 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Michael Liendl hatte trotz Corona in den letzten Wochen auch viel zu jubeln. reuters
Michael Liendl hatte trotz Corona in den letzten Wochen auch viel zu jubeln. reuters

Vor der Partie in Altach spricht Michael Liendl über Corona-Erkrankung, Rekorde und Zukunft.

Wolfsberg Der in Thüringen aufgewachsene Michael Liendl gastiert mit dem WAC am Samstag (17 Uhr) beim SCR Altach. Hätte der mittlerweile 35-jährige Mittelfeldregisseur in den letzten Wochen nicht eine Hochschaubahn der Gefühle erlebt, wäre es wohl eine Bundesligapartie wie jede andere – ist es aber nicht.

Herr Liendl, der Corona-Teufel hat beim WAC gewütet und auch Sie getroffen. Wie geht es Ihnen heute?

Liendl Corona hat wirklich hart zugeschlagen bei uns. Am Ende waren es wohl nur zwei oder drei Spieler, die sich den Virus nicht eingefangen haben. Ich hatte nicht das Glück. Heute geht es mir richtig gut. Ich bin seit Montag wieder im Training. Aber die Covid Infektion hat mich zwei Tage mit Fieber ans Bett gefesselt. Zudem hatte ich ziemlich heftige Rücken -und Gliederschmerzen. Dann hat es auch noch meine Frau erwischt. Zum Glück zeigten meine beiden Kinder keine Symptome. So verbrachten wir die zehntägige Quarantäne eben als Familie zuhause.

Weiß man schon, wo sich die Mannschaft angesteckt hat?

Liendl Keine Ahnung. Wir vermuten, dass es auf der Reise nach Holland und dem anschließenden zweitägigen Aufenthalt in Wien passiert sein kann. Wobei wir alle rätseln, weil wir ja immer in einer „Blase“ waren.

Sie sprechen Holland an. Unterschiedlicher kann es nicht laufen: Bei Feyenoord Rotterdam einen Hattrick machen und ein paar Tage später mit Covid im Bett liegen. Ganz schön viel, auch für einen „alten Fuchs“ wie Sie.

Liendl (lacht) Auch wenn mich Covid erwischt hat, ich bin ja jetzt wieder gesund, gewinne ich den letzten Wochen sehr viel Tolles ab. Vor allem der Sieg in der Europa League gegen Feyenoord war schon ein sehr besonderes Erlebnis für mich. Aber weil Sie mein Alter ansprechen: Ich bin eben in einem, wo ich nicht mehr nach den Sternen greife. Daher kann ich meine Leistung auch sehr gut einschätzen. Und vor allem genießen. Oft wird mir das wohl nicht mehr gelingen – aber wer weiß. (Liendl ist der drittälteste Spieler der Europa League-Historie, dem drei Tore in einem Spiel gelangen. Älter waren nur Zlatan Ibrahimovic und Bilbao-Legende Aritz Aduriz. Anm. d. Red.)

Gibt es ein Geheimnis für Ihre starken Leistungen im hohen Fußballalter?

Liendl Mein Credo: Man muss dem Körper geben, was er braucht (lacht). Aber Formel dafür habe ich nicht. Ich möchte nur sagen, dass ich mental immer schon stark war, sprich ich hatte immer einen sehr guten Fokus auf mein Leben als Fußballer. Aber das wohl wichtigste ist, dass ich in meiner Laufbahn nie schwer verletzt war. Da gehört auch eine Portion Glück dazu.

Haben Sie Ihr Karriereende schon im Kopf?

Liendl Mit 35 Jahren gibt man keine Prognosen mehr ab. Ich bin froh darüber, sagen zu können, dass ich jeden Tag mit viel Spaß zum Training gehe. Das nun schon seit vielen Jahren. Und solange dies der Fall ist, möchte ich weiterspielen. Mein Vertrag endet im Sommer 2021 und ich bin für alles offen.

Schluss beim WAC oder doch woanders? Eventuell beim GAK, wo für Sie alles begann?

Liendl Ich habe keinen expliziten Wunsch, wo meine Karriere zu Ende gehen soll. Wenn es beim WAC passiert bin ich froh, weil ich mich hier sehr wohl fühle. Beim GAK? Da würde sich der Kreis schließen, denn dort habe ich meine professionelle Laufbahn beginnen können. Aber ich sehe der Zukunft entspannt entgegen.

Nahe Zukunft bedeutet Bundesliga in Altach. Was erwarten Sie vom Comeback Ihrer Mannschaft in der Liga nach Corona?

Liendl Die Vorfreude ist richtig groß auf das Spiel. Von der tabellarischen Ausgangssituation gesehen, würde ich sagen: Da ist Zunder und viel Spannung drinnen. Ich glaube es hängt von uns ab. Wie lange und wie intensiv können wir unser Spiel durchziehen, um zu gewinnen? Die Antwort liegt am Platz. Aber es ist für beide Teams ein richtungsweisendes Spiel.

Auch weil Wolfsberg einen unüblich schwachen Saisonstart hatte.

Liendl Absolut. Umgekehrt muss ich sagen, wir hatten zu Beginn der Saison auch harte Brocken, gegen die man verlieren kann. Aber das ist mittlerweile nicht mehr der Anspruch in Wolfsberg. Wir wollen jeden in der Liga besiegen. Das konnten wir schon oft beweisen. Zudem haben wir auch international gezeigt, was wir draufhaben. Diese Erfolge haben uns Spieler hungrig werden und dadurch eine Siegermentalität bei uns wachsen lassen. Die in meinen Augen das Wichtigste überhaupt ist für ein erfolgreiches Team – und auch für einen persönlich.

Sieht man durch diese Gewinnermentalität aktuell den besten Liendl?

Liendl Ich glaube nicht. In meinen Jahren bei 1860 München und Fortuna Düsseldorf war ich schon auch sehr gut drauf. Aber klar, die tollen Spiele mit dem WAC in der letzten Saison verleiten einen gerne zu dieser Frage. Die letzten Jahre, bis auf mein Engagement bei Twente Enschede (207/18), waren in Summe richtig gut. Da entwickelt man natürlich Selbstvertrauen in sein Spiel. Fakt: Es läuft richtig gut und das nehme ich mit.

Vier Tore in der Europa League, in der Liga zwei und bereits drei Assists – und keine Fans, die das live im Stadion sehen konnten. Wie bitter?

Liendl Sehr bitter. Fußball wird für die Fans gespielt. Und die dürfen derzeit leider nicht ins Stadion. Das schmerzt mich sehr. Klar habe ich mich mittlerweile damit arrangiert, vor leeren Rängen zu spielen. Aber ehrlich: Ich will mich gar nicht daran gewöhnen ohne Fans zu spielen. Und das werde ich auch nicht.

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