Grosjeans unwirkliche Wiedergeburt

Sport / 30.11.2020 • 19:31 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Grosjeans unwirkliche Wiedergeburt

Formel-1-Pilot soll heute das Krankenhaus verlassen.

Sakhir Romain Grosjeans Videogruß vom Krankenbett hatte etwas von der Schlussszene eines Action-Films. Der Held, auf unglaubliche Weise einem gewaltigen Feuerball entronnen, präsentiert seine beiden Handverbände und scheint bereit für die nächste Mission. Bei Grosjean allerdings lag zwischen „halb so wild“ und dem grausamen Flammentod nur eine Winzigkeit. Eine solche Erfahrung sorgt für Reue und Dankbarkeit. „Vor ein paar Jahren war ich nicht für den Halo, aber ich denke, er ist das Beste, was der Formel 1 passiert ist. Ohne ihn könnte ich jetzt nicht zu euch sprechen. Also danke“, sagte der Franzose und scherzte angesichts seiner Brandwunden zweiten Grades an den Händen, dass er erstmal keine Textnachrichten beantworten kann.

Auch in ein Formel-1-Auto steigt der Familienvater erst einmal nicht, beim vorletzten Saisonrennen am Sonntag wird er von Pietro Fittipaldi, Enkel von Emerson Fittipaldi, vertreten.

Dass Grosjean nur Stunden nach seinem Unfall wieder Witze machen konnte, grenzt an ein Wunder. „Zum Glück hat der Cockpitschutz funktioniert, zum Glück hat die Leitplanke ihm nicht den Kopf abgeschnitten“, kommentierte Rennsieger Lewis Hamilton das Inferno, das Erinnerungen an den Nürburgring-Unfall Niki Laudas 1976 weckte. „Es ist erschreckend zu sehen, wie das Auto in zwei Teile gerissen wurde. Es zeigt, wie gefährlich dieser Sport ist und wie wichtig die Sicherheitsstandards sind“, führte der Rekord-Weltmeister aus.

Die Eckdaten des Unfalls nach Kollision mit dem AlphaTauri von Daniil Kwjat lassen einen unwillkürlich erschaudern. Grosjeans Bolide schlug mit 221 km/h in der Leitplanke ein und schlitzte diese wie ein Messer auf, das 53-Fache der Erdbeschleunigung wirkte angeblich auf Mensch und Material.Der Wagen wurde zweigeteilt, fing sofort Feuer. Grosjean war in seiner stabilen Überlebenszelle dem Inferno ausgesetzt, ehe er sich nach 26 Sekunden befreien konnte. Seine feuerfeste Kleidung schützte ihn, auch wenn der Helm angekokelt und das Visier dahingeschmolzen war.

In der früheren Geschichte der Formel 1 verliefen Unfälle, bei denen nur ein Teil dieser Faktoren eintrat, in der Regel tödlich – Gros­jean hingegen konnte sein Wrack in Bahrain aus eigener Kraft verlassen. Den enormen Sicherheitsstandards sei Dank, die Ayrton Senna, François Cevert und Jules Bianchi, 2015 der letzte tödlich verunglückte Formel-1-Fahrer, nicht genossen.

Bianchis Mutter rührte am Sonntagabend die Zuschauer im französischen Fernsehen. „Sie haben den Halo nach dem Tod meines Sohnes eingeführt, heute hat der Halo Romains Leben gerettet. Das ist großartig“, schrieb Christine Bianchi in einer SMS, die der Moderator mit Tränen in den Augen verlas.

Der 2018 unter dem Murren zahlreicher Protagonisten und Puristen eingeführte Cockpitschutz Halo nahm an Grosjeans Haas zwar Schaden, er hielt der Belastung aber stand und schützte den Kopf des Franzosen. Der 34-Jährige wird mindestens ein Rennen aussetzen müssen, vielleicht zwei, ehe sein Vertrag bei Haas ohnehin ausläuft.

Viel Arbeit, wenig Zeit

Auf die Formel 1 wartet aber nun jede Menge Arbeit. „Die Leitplanke darf nicht nachgeben, und das Auto darf kein Feuer fangen“, kritisierte Ferrari-Pilot Sebastian Vettel. Formel-1-Sportdirektor Ross Brawn kündigte eine Untersuchung an, immerhin soll schon kommenden Sonntag (18.10 Uhr MEZ) erneut in Bahrain gefahren werden – auf einem noch schnelleren Streckenlayout, dessen Wahl ausgerechnet Grosjean im Vorfeld wiederholt als „Wahnsinn“ bezeichnet hatte.

Grosjean ist wie Vettel Vizepräsident der Fahrervereinigung GPDA. Diese hat seit Mitte der 1990er-Jahre gemeinsam mit dem Weltverband FIA die Standards radikal erhöht. Das Erreichte ist enorm, doch vollkommene Sicherheit wird es in der Formel 1 niemals geben.

Aufhören dürfte trotz der bedrückenden Bilder und der zum Greifen nahen Tragödie keiner von Grosjeans Kollegen. „Ich habe keine Angst“, sagte Hamilton stellvertretend: „Das ist es, was wir tun müssen, denn sonst besiegt dich der Typ neben dir.“

„Das zeigt, wie gefährlich dieser Sport ist und wie wichtig Sicherheitsstandards sind.“

Noch aus dem Krankenhaus meldete sich Romain Grosjean mit einer beruhigenden Botschaft für seine Fans.VN
Noch aus dem Krankenhaus meldete sich Romain Grosjean mit einer beruhigenden Botschaft für seine Fans.VN

Die Welt „Grosjean entgeht nur knapp einer Katastrophe. Formel 1 durchlebt bange Sekunden. Dann taucht der Fahrer wie durch ein Wunder aus dem Inferno auf.“

The Guardian „Romain Grosjean, der aus einem lodernden Feuerball und dem verbogenen Wrack seines Wagens kletterte, gelang im Grand Prix von Bahrain eine Flucht, die man als ein Wunder bezeichnen könnte. Das eindringliche, heftige und entsetzliche Ausmaß des Unfalls war scheußlich, und doch blieb der Franzose relativ unversehrt, ein bemerkenswertes Zeugnis für das unermüdliche Sicherheitsstreben des Sports.“

La Repubblica „Technologie, Reaktionsfähigkeit und Glück: So hat Grosjean bei einem fürchterlichen Brand, der an jene von Peterson und Lauda erinnert, sein Leben gerettet. Für diejenigen, die glauben, geschehen Wunder – oder es war einfach nur Glückssache. Grosjean kommt mit Brandwunden an den Händen davon.“

The Telegraph „Romain Grosjeans Unfallinferno erinnert daran, dass der Tod nur eine Sekunde entfernt ist.“

L‘Equipe „Romain Grosjean kommt auf wundersame Weise beinahe unversehrt aus einem schrecklichen Unfall heraus. Die Bildregie wechselte schnell zu den anderen Autos auf der Strecke, wie üblich bei einem potenziell tödlichen Unfall. Aber der Feuerball setzte sich in den Köpfen fest.“

Marca „Der Halo, ein Schutzengel.“

Berner Zeitung „Das Wunder von Bahrain – Grosjeans Horrorunfall. Der französische Pilot des Haas-Teams entstieg seinem Wagen im drittletzten Saisonrennen fast unverletzt. Lewis Hamiltons Sieg verkam zur Randnotiz.“

Blick „Dass Romain Grosjean nach seinem Horror-Unfall am 1. Advent nur mit leichten Verletzungen davonkommt, darf durchaus als Wunder bezeichnet werden.“

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.