„Die Reise hört hier nicht auf“

Sport / 11.07.2021 • 21:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dieser Wimbledonsieg schmeckte Novak Djokovic besonders süß, als er nach dem sechsten Triumph auf dem Londoner Rasen genüsslich einen ausgerissenen Grashalm kaute.AFP/4
Dieser Wimbledonsieg schmeckte Novak Djokovic besonders süß, als er nach dem sechsten Triumph auf dem Londoner Rasen genüsslich einen ausgerissenen Grashalm kaute.AFP/4

Djokovic hat mit 20. Grand-Slam-Titel mit den Rekordhaltern Federer und Nadal gleichgezogen.

London Wie vom Blitz getroffen sank Novak Djokovic auf den heiligen Rasen zusammen und streckte erleichtert alle Viere von sich. Mit seiner furiosen Rekordjagd hat der Serbe in Wimbledon einen historischen Meilenstein erreicht und zog mit seinem 20. Grand-Slam-Titel auf der obersten Stufe der ewigen Bestenliste mit seinen großen Rivalen Roger Federer und Rafael Nadal gleich. Als er dem edlen Challenge Cup ein inniges Küsschen gab, nahm er auch den Golden Slam endgültig ins Visier. „Die vergangenen zehn Jahre waren eine unglaubliche Reise, die hier nicht aufhört“, sagte Djokovic nach dem 6:7(4), 6:4, 6:4, 6:3 gegen den Finaldebütanten Matteo Berrettini, der als erster Italiener überhaupt im Wimbledon-Endspiel stand: „Ein siebenjähriger Junge in Serbien hat einst mit improvisierten Materialien eine Wimbledon-Trophäe gebaut. Und jetzt steht er hier mit seinem sechsten Titel.“

Glückwünsche von Federer

Der Weltranglistenerste würdigte nach seinem dritten Sieg in Folge beim Rasenklassiker aber auch Federer und Nadal, die ihn auf seiner Rekordjagd antreiben. „Sie sind Legenden unseres Sports“, sagte der 34-Jährige: „Sie sind der Grund, warum ich überhaupt an diesem Punkt bin.“ Und Federer gratulierte umgehend. „Ich bin stolz, in dieser speziellen Ära von Tennischampions spielen zu können“, twitterte der Schweizer: „Eine wundervolle Leistung, gut gemacht.“

Nach dem besten Saisonstart seit 52 Jahren ist für Djokovic auf einmal sogar scheinbar Unerreichbares greifbar nah. Seit der australischen Ikone Rod Laver 1969 ist es keinem Spieler mehr gelungen, die ersten drei Major-Turniere eines Jahres für sich zu entscheiden. Mit einem Sieg bei den US Open kann Djokovic wie damals Laver den legendären Grand Slam perfekt machen. „Ich werde es versuchen. Ich bin in großartiger Form“, sagte er. Und mit Olympia-Gold in Tokio ist sogar der Golden Slam wie einst 1988 bei Steffi Graf drin.

Die Erfahrung sprach in seinem 30. Major-Endspiel ganz klar für Djokovic – und doch schien die Aussicht auf den historischen Titelgewinn selbst das Mentalmonster anfangs zu beeinflussen. Mit einem Doppelfehler startete der Topfavorit in sein siebtes Wimbledon-Endspiel, zwei weitere folgten. Aber sein Gegenüber war nicht weniger wackelig, Berrettini war der Druck deutlich anzumerken. Schließlich waren die Augen seines ganzen Heimatlandes nach London gerichtet – Berrettini sollte die passende Ouvertüre für das EM-Finale der Fußballer liefern.

Nur langsam schraubten beide Spieler vor 15.000 Zuschauern ihre Fehlerquote nach unten. Berrettini kam immer besser ins Match und drehte den ersten Satz damit noch nach 2:5-Rückstand. Und das Publikum witterte die Sensation.

An diesem geschichtsträchtigen Tag sorgten auch die Organisatoren in Wimbledon für ein Novum. Als erste Frau überhaupt leitete die kroatische Schiedsrichterin Marija Cicak das Herrenfinale im All England Club. Und wie Herzogin Kate in der Royal Box sah sie, dass sich Djokovic vom Rückstand nicht beeindrucken ließ. Er legte zwei schnelle Breaks vor und wehrte mit dem 6:4 im zweiten Durchgang das erneute Aufbäumen Berrettinis souverän ab.

Bester Rückschläger der Welt

Der Serbe bewies nun eindrucksvoll, warum er als bester Rückschläger in der Tennisszene gilt und Berrettini gab auch im dritten Satz früh den Aufschlag ab. Mit entschlossenem Blick tippte sich der Djoker an die Schläfe – vor allem dank seiner beeindruckenden mentalen Stärke jagt er von Rekord zu Rekord und holte sich die vorentscheidende 2:1-Satzführung.

Angefeuert von den Fans kämpfte Berrettini weiter unermüdlich, mit tollen Ballwechseln rissen die Kontrahenten das Publikum von den Sitzen. Doch Djokovic nützte das Momentum und ließ sich die begehrte Siegertrophäe nicht mehr entreißen.

Freudentaumel mit Coach Goran Ivanisevic.
Freudentaumel mit Coach Goran Ivanisevic.
Das obligate Küsschen des Siegers für den edlen Challenge Cup.
Das obligate Küsschen des Siegers für den edlen Challenge Cup.
Eine junge Zuschauerin erziehlt das Racket.
Eine junge Zuschauerin erziehlt das Racket.