Hamilton im Siegestaumel, ­Verstappen im Spital

Sport / 18.07.2021 • 21:29 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vom Start weg lieferten sich Max Verstappen (vorne) und Lewis Hamilton (hinten) gefährliche Rad-an-Rad-Duelle.Reuters
Vom Start weg lieferten sich Max Verstappen (vorne) und Lewis Hamilton (hinten) gefährliche Rad-an-Rad-Duelle.Reuters

Kollision in Runde eins zwischen WM-Titelverteidiger und WM-Leader heizt Stimmung an.

Silverstone Es war ein Grand Prix wie aus einem Hollywood-Drehbuch, so „heimisch“ mussten sich die Filmstars Harrison Ford und Tom Cruise Sonntag unter den 140.000 Fans in Silverstone fühlen. Doch Lewis Hamiltons achter Sieg hier in der Heimat, gleichzeitig das Comeback von ihm und Mercedes in den WM-Rennen, hatte eine Kontroverse als Ausgang, die auch zur Katastrophe hätte werden können. Denn nach einem Rad-an-Rad-Duell ab dem Start kam es noch in der ersten Runde, in der superschnellen Copse-Rechtskurve, zur Kollision zwischen Pole-Sitter Max Verstappen (als Sieger des Sprint-Qualifyings) und Hamilton.

Der Niederländer war außen und eine Wagenlänge voran, der Brite stach innen spitz in die Kurve und touchierte das rechte Hinterrad des Red-Bull-Boliden, der fast ungebremst mit 250 km/h seitwärts in die sechsfach gestapelten Reifen krachte. Die Sensoren ergaben eine Aufprallverzögerung von 51 g – normalerweise für einen menschlichen Körper kaum ertragbar. Ein benommener Verstappen kletterte jedoch selbständig aus dem völlig zerstörten RB16b und wurde von den Rennärzten in der Ambulanz betreut, später ins Streckenspital und dann weiter in eine Klinik für genauere Checks überstellt. Nach ersten Meldungen klagte der 23-Jährige über Schwindel, schien aber sonst unverletzt.

Für die Bergung des Wracks und die Reparatur wurde das Rennen für 35 Minuten unterbrochen. Mit Charles Leclerc, der beim Unfall auch Hamilton überholt hatte, gab es vom Neustart bis zur 50. von 52 Runden einen Überraschungsleader. Hamilton erhielt als Verursacher der Kollision von den Stewards eine Zehnsekundenstrafe, die er beim Reifenwechsel in Runde 28 „absaß“. Von Platz fünf weg startete der Lokalmatador die Aufholjagd, in der Carlos Sainz, Lando Norris, dann Teamkollege Valtteri Bottas und am Ende Leclerc keinen Widerstand leisten konnten.

Red Bull überlegt Berufung

Hamilton, in der WM nur noch acht Punkte hinter Verstappen, jubelte mit dem Union Jack in Händen vor den vollen Tribünen, „den besten Fans von allen, denen ich wie meinem Team nur für die Unterstützung danken kann. Ich habe dieses Wochenende alles gegeben.“ Das seit Wochen mehr als getrübte Verhältnis zwischen den Rivalen Red Bull und Mercedes erreichte jedoch einen Tiefpunkt: Während die Red-Bull-Bosse Christian Horner und Helmut Marko die Strafe für Hamilton als viel zu gering kritisierten, nahm Mercedes-Chef Toto Wolff Hamilton natürlich in Schutz: „Das sind zwei Fahrer, die um jeden Zentimeter kämpfen, das gehört zum Rennfahren. Wir müssen die Strafe akzeptieren, auch wenn sie im Regelbuch in diesem Fall nicht vorgesehen ist.“ Horner sah das völlig konträr: „Das war heute ein frustrierender Tag für uns. Kein Fahrer würde so einen Angriff in einer der schnellsten Kurven des ganzen Jahres wagen. Es zeigt die Verzweiflung von Lewis, dass er als siebenfacher Weltmeister so ein Risiko eingeht und einen Konkurrenten ins Spital schickt. Es war der schwerste Unfall in Max‘ Laufbahn, ein enormer Crash.“ Bei Red Bull überlegt man nun, gegen die Zehnsekunden-Strafe zu berufen – was im Fall des Erfolgs vor dem FIA-Berufungsgericht wohl eine Sperre von Hamilton zur Folge hätte.

In der Konstrukteurs-WM ist Mercedes nun bis auf vier Punkte an Red Bull dran. Der knapp vor dem Ziel überholte Leclerc wusste nach dem Rennen nicht, ob er dem Sieg nachtrauern oder sich über seinen ersten Podestplatz in dieser Saison und Ferraris steigende Form freuen sollte. Und Bottas als Dritter und williger Helfer für Hamilton wird sich wohl mit dem Abschied vom Mercedes-Team, bei dem George Russell immer lauter anklopft, vertraut machen müssen.