Schon nach 20 Sekunden hieß es ein erstes Mal “Delay”

Sport / 21.07.2021 • 07:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Schon nach 20 Sekunden hieß es ein erstes Mal "Delay"
Viel neue Technik und neue Abläufe rund um die Leitung eines Bundesligaspiels, im Bild Daniel Pfister, warten auf die Fans ab Samstag in der Altacher Cashpoint Arena. VN/STIPLOVSEK

Erster richtiger VAR-Stadiontest in Altach verlief gut und aufschlussreich. Mit Anel Beganovic war auch ein Assistant Video Assistant Referee (AVAR) im Einsatz.

Altach Für einmal war das Ergebnis nebensächlich, vielmehr waren die Augen auf das Schiedsrichterteam und das Team dahinter gerichtet. Beim Testspiel zwischen dem 1b von Altach und SW Bregenz wurde in Vorarlberg erstmals der Einsatz des Video Assistant Referee (VAR) getestet. Mit dabei auch Anel Beganovic, der in dieser Bundesliga-Saison einer von 28 Schiedsrichtern ist, die als VAR oder als AVAR (Assistant Video Assistant Referee) bei den Spielen dabei sein werden. Und der 31-jährige Jungvater zog ein durchaus zufriedenes Resümee nach den etwas mehr als 90 Minuten. Denn schon nach 20 Sekunden gab es von ihm das knappe Kommando „Delay, delay“ an Referee Daniel Pfister. Beganovic hatte nach einem Steilpass der Bregenzer ein Abseits erkannt, ließ regelkonform den Angriff zu Ende spielen und zeigte dann das Vergehen an. Und so wurde das Tor der Schwarz-Weißen noch einmal auf eine mögliche Abseitssituation überprüft. Bis zur Entscheidung „Abseits“ dauerte der erste Check zwar etwas länger, danach aber lief alles in den richtigen Bahnen. Dies sowohl was die Kommunikation auf dem Feld betraf, als auch jene mit der VAR-Zentrale. Nach vielen Seminaren, auch mit praktischen Übungen garniert und zwei Vorbereitunsspielen, war der erste Test im Stadion vor allem für den Check der Technik, inklusive der Verbindung nach Wien und der Anzeige auf der Videowall gedacht. Dafür waren im Vorfeld in der Cashpoint Arena meterweise Glasfaserkabel verlegt worden.

„Wichtig ist, dass es für die Mannschaften fairer wird, nicht wie sich die Schiedsrichter fühlen.“

Anel Beganovic über die Einführung des VAR

Video Assistant Referee

Der Video Assistant Referee (VAR) – was er kann, was er nicht darf

„Minimaler Eingriff ins Spiel, maximaler Nutzen“, lautet der Grundsatz. Ein Abriss über die wichtigsten Regeln hinter der Technologie: Der Einsatzbereich des VAR ist auf vier Situationen beschränkt: Tore, Elfmeter, Rote Karten und Identitätsfeststellungen bei Gelben/Roten Karten.

1. Der VAR kontrolliert jedes Tor („Check“) und hilft dem Schiedsrichter, mögliche Vergehen wie Abseits oder Fouls zu erkennen, aufgrund derer ein Tor nicht zu geben ist. Gegebene Elfmeter werden überprüft, über fälschlicherweise nicht gegebene wird der Schiedsrichter informiert.

2. Jede Szene, die nach Sicht des Unparteiischen einen Rot-Ausschluss zur Folge hat, wird ebenfalls überprüft. Rotwürdige Spielszenen, die der Schiedsrichter nicht wahrgenommen hat, werden ihm mitgeteilt. Beim Verteilen von Gelben und Roten Karten wird ständig überprüft, ob der richtige Spieler sanktioniert wird. Dadurch wird vermieden, dass der falsche Spieler für ein Vergehen bestraft wird.

3. Der VAR leitet nur dann einen aktiven Eingriff ins Spiel ein, wenn der Verdacht auf eine klare Fehlentscheidung besteht. Damit der Schiedsrichter daraufhin tätig werden kann, braucht es eine Spielunterbrechung. Gibt es die nicht sowieso, müsste der Schiedsrichter das Spiel zeitnah stoppen. Anschließend entscheidet er, ob er eine offizielle Überprüfung („Review“) zulässt oder sich bei seiner Entscheidung sicher ist. Wenn er sie zulässt, zeigt er das an, indem er mit den Händen ein Rechteck signalisiert.

4. Der Video-Assistent überprüft jetzt alle ihm zur Verfügung stehenden Aufnahmen und teilt dem Hauptschiedsrichter seine Empfehlung mit. Der kann das befolgen oder nicht, sich die betreffende Szene aber auch selbst anschauen („On-field Review“). Dazu gibt es klare Richtlinien: Wenn eine Entscheidung subjektiv ist – etwa ob es ein Foul war oder nicht – sollen die Schiedsrichter zum Monitor gehen. Bei faktischen Entscheidungen – wenn es um die Position des Fouls in Bezug zum Strafraum oder Abseits geht – sollen die Schiedsrichter dem VAR vertrauen („VAR-only Review“). Seine endgültige Entscheidung teilt der Schiedsrichter per Handzeichen mit. Er kann dabei dem Rat des Video-Assistenten folgen oder nicht, ihm bleibt immer das letzte Wort. Der Schiedsrichter kann den Review-Prozess auch selbst starten, wenn er sich bei einer Entscheidung unsicher ist, und den VAR informieren, dass er eine Überprüfung möchte. Dafür darf er das Spiel unterbrechen – allerdings nicht, wenn sich eine Mannschaft in einer guten Angriffsposition befindet.

5. Bei Toren, Elferverdacht und Roten Karten wegen Verhinderns einer klaren Torchance ist nicht nur das Ereignis selbst, sondern die Entstehungsgeschichte relevant. Laut Regelwerk muss die ganze Angriffsphase („Attacking Phase of Play“) überprüft werden. Bei heiklen Szenen kann ein Regelverstoß in der Entstehung entscheidend sein: ein anderes Foul, eine Abseitsstellung, ein Hands, ein sich außerhalb des Spielfelds bewegender Ball. Wenn das Tor einer Standardsituation entsprang, wird deren Vorgeschichte hingegen nicht mehr aufgerollt. Die Angriffsphase beginnt dann erst mit dem Kicken des ruhenden Balls. Ob der jeweilige Freistoß oder Eckball zurecht gegeben wurde, oder nicht, spielt keine Rolle. Anders behandelt wird der Elfer, der immer gecheckt wird.

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Für Beganovic und seine Kollegen war es ein intensiver Nachmittag, mit Besprechungen mit Mitarbeitern des Technologie-Anbieters Hawk-Eye, dessen System in der Bundesliga zum Einsatz kommt, einem internen Austausch und einer Nachbesprechung. Am Ende, so der Vorarlberger, der schon mit Robert Schörgenhofer in einem EL-Qualispiel im Einsatz war, sei es aber nicht so wichtig, wie sich der Schiedsrichter fühlt: „Natürlich sind wir froh über den Einsatz des VAR, doch wichtiger ist, dass der Fußball für die Mannschaften fairer wird.“ Davon ist er nach all der Vorbereitungszeit auch überzeugt.
Seitens der Bundesliga-Klubs werden die Kosten für eine Saison – 1,5 Millionen Euro – prozentual mitgetragen. Allein der Kostenaufwand für die Vorbereitung verschlang eine zusätzliche Million, die vom ÖFB finanziert wurde. Als oberste Prämisse gilt: Der VAR soll nicht Fehler finden, sondern den Schiedsrichter bei offensichtlichen Fehlern unterstützen. Wie zuletzt in Altach, wo das 1b der Gastgeber am Ende als Sieger (1:0) vom Platz ging.