“Es wird ein schwieriges Jahr”

Sport / 22.07.2021 • 21:05 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
"Es wird ein schwieriges Jahr"
Er ist zurück als Trainer im österreichischen Fußball: Eric Orie möchte mit dem FC Dornbirn ein schwieriges Jahr gut hinter sich bringen. GEPA

Dornbirns Neotrainer Eric Orie (53) spricht im Interview über seine neue Arbeit, die Mannschaft und darüber, dass er sich auf die bevorstehenden Derbys besonders freut.

Schwarzach Mit dem Auswärtsspiel gegen Vorjahresmeister Blau Weiß Linz startet der FC Mohren Dornbirn 1913 am Samstagabend in die 2. Liga. Die VN baten Neo-Trainer Eric Orie – welcher nicht nur als Vorgänger, sondern auch als Nachfolger von Ex-Coach Mader geholt wurde – vor dem Saisonauftakt zum Gespräch. Und dabei bewies der 53-jährige, gebürtige Holländer auch sehr viel Humor.

In Dornbirn waren Sie 2016/17 Trainer, Cotrainer Klaus Stocker kennen Sie von Ihrer Zeit auf der Trainerbank vom FC Lustenau bestens. Fühlt es sich ein bisschen an wie eine Reise in alte Zeiten?

Ein bisschen Heimkommen ist es schon. Die Verantwortlichen wie Peter Handle und Andreas Genser kenne ich noch vom letzten Mal. Wir haben auch damals zusammen die Pläne entwickelt, um mit Amateurmitteln aufzusteigen. Du kennst natürlich auch alle Mitarbeiter – also ja, es ist ein bisschen wie Heimkommen.

Sie sagen, es ist vieles gleichgeblieben. Hat sich auch etwas verändert?

Ja: Die Spieler. Es sind nur noch vier Spieler von damals da – Domig, Kircher, Gurschler und Lang. Und Joppi, aber der war damals lange verletzt. Und auch in der Organisation hat es Veränderungen gegeben, wir können jetzt zweimal am Tag trainieren. In der Infrastruktur wurden auch einige Maßnahmen getroffen.

Aber im Grundkern, der Verein ist…

Gleich geblieben.

Was aber auch nicht schlecht ist, oder?

Nein, ich denke nicht. Dornbirn hat eine eigene Identität. Es ist so ein bisschen die Mischform zwischen durchstrukturiert auf der einen und einem Amateurklub auf der anderen Seite. Das ist so ein bisschen die Identität, die sie angenommen haben, da fühlt sich der Verein wohl. Zum Wachsen gehört dann natürlich wieder etwas anderes dazu.

Wenn man sich ihre Trainerkarriere anschaut: Sie waren nach Ihrer Zeit in Dornbirn lange Co-Trainer von Damir Canadi, zuerst in Athen, dann in Nürnberg. War es jemals ein Thema, dass sie Co-Trainer von Canadi in Altach werden könnten?

Naja, das hat sich damit erledigt, dass ich beim zweiten Mal nicht zu Atromitos mitgegangen bin. Meine Situation war damals nicht perfekt dafür, ich hatte zwei kleine Kinder, in Covid-Zeiten wäre das auch für meine Frau nicht einfach gewesen, alleine mit Zwillingen. Da hat Nürnberg schon gut in meine persönliche Planung gepasst. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, im Vertrag zu bleiben, der damals noch eineinhalb Jahre gegangen ist. Dadurch ist ein anderer Assistent nach Athen mitgegangen, da ist es logisch, wenn der auch weiter mitarbeitet. Von daher ist das schon in Ordnung.

Lange ist ja bei jedem offenen Job in Fußball-Vorarlberg Ihr Name genannt worden, zum Beispiel beim offenen Sportdirektorposten in Altach. Was hat Sie dann schlussendlich davon überzeugt, als Cheftrainer nach Dornbirn zurückzugehen?

Mit Altach ist es nie konkret geworden, sie haben sich für Werner Grabherr entschieden – was sicher eine gute Wahl ist. In Dornbirn kann man gut selbstständig arbeiten, die Pläne vom Verein haben mir gefallen: Dass man jungen Spielern Möglichkeiten gibt, im Profifußball Fuß zu fassen. Die ersten Schritte von solchen Spielern zu begleiten ist eine interessante Aufgabe. Die Qualität der Mannschaft hat mich auch überzeugt. Insgesamt war das ein interessantes Projekt, ich wohne schon eine Ewigkeit in Dornbirn. Meine Familie ist hier, die Kinder gehen hier in die Schule – es hat alles zusammengepasst.

Aber das Ganze war am Ende doch recht kurzfristig, weil eben auch der Abgang von Markus Mader sehr kurzfristig war.

Den habe ich nicht kommen sehen, wahrscheinlich niemand. Dornbirn hat mich dann schnell kontaktiert, der Rest ist jetzt Geschichte.

Ist es schön, nach der Zeit als Co-Trainer wieder selber das Sagen zu haben?

Auf jeden Fall. Da kann man seine eigenen Ideen wieder mehr einbringen – wobei ich mit Damir fußballerisch sicher auf einer Längenwelle war. Aber da warst du halt nie endverantwortlich, jetzt schon.

Ein letztes Mal noch zu deinen vorherigen Stationen: Man hört ja ganz oft, dass Auslandsstationen Spieler und Trainer weiterbringen. Inwiefern hat das den Trainer Orie verändert?

Geprägt, weil wir auf einem hohen Niveau waren. Mit Atromitos haben wir den Europacup erreicht, hatten mehrere Nationalspieler. Das Niveau war hoch – da musst du dich natürlich daran anpassen. Das war sehr lehrreich. Und in Nürnberg sowieso. Das ist ein unfassbar großer Verein, in dem Emotionen eine große Rolle spielen. Die 2. Deutsche Bundesliga ist natürlich schon eine andere Welt – auch von den Zuschauern her. Ich glaube, dass ich in den letzten 3-4 Jahren als Trainer die größten Sprünge gemacht habe. Und als Mensch.

Das wäre nämlich meine nächste Frage gewesen: Inwiefern prägt das als Mensch?

Ich bin sowieso eher ein Weltenbummler, habe in vier Ländern gewohnt. In Holland habe ich gespielt, dann war ich in Österreich, in Italien, in England – und am Ende wieder hierher zurück. Du nimmst überall etwas mit, das prägt als Mensch. Du lernst verschiedene Mentalitäten kennen und schätzen.

Also so ganz vom Tisch wäre ein weiteres Auslandsabenteuer irgendwann einmal nicht?

Wenn man in meinen Lebenslauf schaut, nicht (lacht). Das ist aber eher ein Thema, wenn die Kinder die Schule abgeschlossen haben. Aber im Fußball weiß man nie, wie es läuft. In drei Wochen kann die Welt da anders ausschauen.

Sie haben die 2. Liga auch in letzter Zeit verfolgt, waren öfters auf der Birkenwiese zu Gast. Was ist Ihr Gesamteindruck von der Spielklasse?

Es ist eine harte Liga. Viele gut ausgebildete Spieler aus den Akademien versuchen, Fuß zu fassen. Man sieht, dass da viele – auch gute Trainer – am Werk sind. Es ist jede Woche ein Kampf um Punkte. Wenn man sich das letzte Jahr ansieht: BW Linz war nicht unbedingt als Meister vorherzusehen. Das Level zwischen den Vereinen ist nicht so groß, dass man nicht immer eine Chance hätte, zu gewinnen – aber auch zu verlieren. Das macht es schon hart, Woche für Woche.

Für Dornbirn ist es jetzt die dritte 2.-Liga-Saison nach dem Aufstieg. Normalerweise spricht man immer von der schwierigen zweiten Saison. Dornbirn hat es dann aber sehr souverän gemacht. Haben Sie die Befürchtung, dass man jetzt anders wahrgenommen wird, nicht mehr als Außenseiter gesehen wird?

Kann sein. Ich denke trotzdem, dass wir alleine vom Budget und von der Aufstellung, dem Kader… Das wird jeder wissen, dass wir ein kleinerer Verein in dieser Liga sind. Ich denke, dass in der letzten Saison auch mitgespielt hat, dass keiner abgestiegen ist. Dadurch war sicher auch ein bisschen Entspannung bei den Teams da, weil sie gewusst haben, es geht keiner unter. Dann hat Covid noch mitgespielt. Also das wird sicher ein schwieriges Jahr für Dornbirn. Der 7. Platz ist eine riesige Messlatte, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Das ist nicht unbedingt der Bereich, in den ich hinschaue. Wir wollen uns entwickeln, dabei Punkte machen. Damit man die Linie, die der Verein fährt, weiterführen kann. Also der Klassenerhalt ist das Minimalziel.

Also wird man sich schon daran orientieren und sich nicht denken: „Wir sind jetzt das dritte Jahr dabei, jetzt müssen wir die Ziele mal höher setzen“?

Wir haben uns anders aufgestellt, haben viele junge Spieler. Das macht es nicht einfacher, die werden Schwankungen haben, das muss man einkalkulieren. Also die Voraussetzungen sind ein bisschen andere – es ist aber nicht weniger spannend.

Bleiben wir beim Kader: Ihr Vorgänger war ja anscheinend schon recht weit in die Kaderplanung eingebunden (Orie: „Ja!“ (lacht). Das war wahrscheinlich für Sie auch nicht so einfach?

Nein – wobei bis auf Kleinigkeiten waren die für meine Vision schon in Ordnung. Die Kooperation mit Wattens und Innsbruck war schon da – die ist gut. Da werden wir jetzt schauen, welche Spieler das Rennen machen. Die Vertragsverlängerungen waren alle schon durch, da macht es keinen Sinn, darüber zu reden. Ein paar Sachen waren noch offen – da hab ich mich einbringen können, wobei auch da schon Tendenzen gelaufen sind. Schlussendlich habe ich noch Omerovic und Yann Kasai geholt und Ronny Rikal über die Kooperation mit Altach.

Wie sehr hat sich das Team schon gefunden? Es sind ja schon auch ein paar Pflichtspieler weggefallen?

Schwierig zu sagen – wir hatten ja noch kein Pflichtspiel. Wir sind in der Findungsphase, wobei natürlich: 2/3 des Teams kennen sich, so viele Veränderungen werden wir am Anfang nicht machen. Ich denke aber, wir sind bereit. Wir haben hart dafür gearbeitet – wir müssen jetzt probieren, alle Jungs auf die gleiche Fitnessebene zu kriegen. Bei BW Linz werden wir sehen, wie wir auf dem Platz zusammenpassen. Wir haben einiges ausprobiert und kennen jetzt die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.

Hat die zusätzliche Trainingswoche durch die Verschiebung des ÖFB-Cupspiels gegen St. Johann für Sie gepasst?

Ja, schon. Wir haben schon noch Spieler, die Trainingsrückstand haben. Yann Kasai oder Ronny Rikal etwa, der ist jetzt auch noch verletzt und wird zwei Wochen fehlen.

Sie haben gemeint, dass der Kader jetzt nicht der allergrößte ist. Da wird es vermutlich schon wichtig sein, dass das Verletzungspech nicht so zuschlägt, wie es in der letzten Saison der Fall war.

Ja, da müssen wir extrem aufpassen. Wir haben jetzt einen Kader von 20 Feldspielern – da sind auch einige Spieler dabei, die erst im Männerfußball Fuß fassen müssen. Wir werden sehen, wie sich das auswirkt. Aber dass da natürlich schnell mal die Situation angespannt sein kann, ist klar.

Einschätzungen vor der Saison sind immer schwierig und Sie haben gemeint, dass es darum gehen wird, nicht hinten dabei zu sein. Dennoch: Wo sehen Sie Ihre Mannschaft am Ende der Saison?

In Entwicklung. Vor allem daheim wollen wir wieder mehr Punkte einfahren, da sind die Fans zuletzt nicht sehr verwöhnt worden. Je schneller wir die Punkte haben, um nicht abzusteigen, desto besser. Dann können wir die Ziele auch noch oben korrigieren.

Am Samstag geht es gegen BW Linz los. Die Linzer haben jetzt einige gute Spieler verloren, Torschützenkönig Fabian Schubert zum Beispiel.

Aber sie haben auch einige namhafte Spieler dazubekommen. Wir haben nicht allzu viel zu verlieren, wir werden gut vorbereitet sein. Wir werden uns nicht verstecken, werden versuchen, so lästig wie möglich zu sein. Auch wir werden um drei Punkte spielen – warum nicht mit einer Überraschung anfangen? Ich denke, dass der Druck bei BW liegt.

Sie sagen „Wir haben nichts zu verlieren“. Wird man die Punkte sowieso eher gegen andere Gegner holen müssen?

Das ist in dieser Liga nicht immer der Fall. Wir haben natürlich drei Punkte zu verlieren. Aber der Druck liegt nicht bei uns. Ich bin natürlich auch enttäuscht, wenn wir die drei Punkte nicht holen. Und wenn du auswärts die Punkte nicht machst, musst die sie zuhause machen. Letztes Jahr haben sie die daheim nicht gemacht, also… (lacht)

Abschließend: Wie sehr wird dem ersten Oktoberwochenende entgegengefiebert. Wissen Sie, was dann stattfindet?

(überlegt) Ahhh, Derby! Ich freue mich schon – ist natürlich nicht mein erstes Derby. Die sind immer besonders. Früher in Lustenau war das natürlich noch heftiger, da waren auch mal 11.000 Zuschauer. Sicher freuen wir uns schon darauf.

Ihre Bilanz als Trainer ist gegen die Austria aber…

Katastrophal!

Ich hätte es als ausbaufähig bezeichnet.

Ich habe, glaube ich, einmal gewonnen.

Ein Sieg, fünf Unentschieden, sechs Niederlagen.

Ah echt, fünf Unentschieden sogar? Katastrophe. Ich habe sogar einmal 2:0 geführt und dann noch das 3:3 gekriegt – Thiago… Ich bin jetzt nicht unbedingt ein Derbyspezialist – aber was nicht ist, kann ja noch kommen. FB