Mehr als nur ein Feuerwehrmann

Sport / 03.01.2022 • 22:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zuweilen ein „Vulkan am Spielfeldrand“: Neo-Altach-Coach Ludovic Magnin.Reuters
Zuweilen ein „Vulkan am Spielfeldrand“: Neo-Altach-Coach Ludovic Magnin.Reuters

Deshalb könnte Ludovic Magnin in Altach der richtige Mann am richtigen Ort sein.

Altach Es gibt Fußballtrainer, die wahren selbst dann noch kühles Blut, wenn ihre Mannschaft im Elfmeterschießen eines Endspiels steht. Es gibt Fußballtrainer, die verziehen keine Miene, wenn auf den Tribünen die Emotionen überkochen. Ludovic Magnin ist das Gegenteil davon. Der 42-jährige Westschweizer aus Lausanne ist ein Vulkan an der Seitenlinie und ein Kämpfer für das Wohl seiner Mannschaft – 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Suchte der Cashpoint SCR Altach als neuen Trainer einen in sich gekehrten Charakter und einen Mann der meditativen Töne, ist Magnin die komplett falsche Wahl. Suchte der Klub aber einen leidenschaftlichen Antreiber und einen Mann des temperamentvollen Coaching mit taktischem Gespür, liegt er mit dem Schweizer genau richtig.

Mehr als nur Temperament

Das leidenschaftliche Auftreten an der Linie kann Magnin aber auch im Wege stehen. In seiner Zeit beim FC Zürich wanderte er deshalb mehr als einmal auf die Tribüne. Nicht immer wirkt seine Art deeskalierend und ausgleichend – aber immer wirkt sie optimistisch und vorwärtsorientiert. Auch als Trainer ist Magnin der stürmende Außenläufer geblieben, der einst als Spieler große Erfolge feierte.

Doch ihn allein auf das überbordende Temperament zu reduzieren, wäre unfair – und falsch. Magnin lernte das Trainermetier in der Nachwuchsabteilung des FC Zürich quasi von der Pike auf. Er führte die U-18-Mannschaft zum Meistertitel und verschaffte sich auch als Trainer der U-21-Equipe großen Respekt. Seine Fähigkeit, Fußballer analytisch und persönlich zu beurteilen, ist offensichtlich. Und als gelernter Grundschullehrer bringt er die soziale Kompetenz mit, um in schwierigen Situationen den richtigen Ton zu treffen und den Zugang zu jungen Spielern zu finden. Deshalb ist Ludovic Magnin weit mehr als ein Feuerwehrmann. Sollte er in Altach die Trendwende schaffen, kann er den Klub langfristig weiterbringen.

Bemerkenswert ist seine Fähigkeit, Mannschaften minutiös auf große Aufgaben vorzubereiten und sie exakt im richtigen Moment zur bestmöglichen Leistung anzutreiben. Mit dem FC Zürich sorgte er so für zwei der größten sportlichen Erfolge in der jüngeren Vergangenheit: mit dem Pokal-Sieg 2018 (mit einem Final-Erfolg gegen die hochfavorisierten Young Boys mit Trainer Adi Hütter) sowie in der Saison danach mit der Qualifikation für die Direktausscheidung in der Europa League. In der Gruppenphase führte Magnin den FCZ zu einem umjubelten 3:2 gegen Leverkusen. Es war der erste Sieg des Klubs gegen einen Bundesligisten.

Glaubwürdigkeit ist hoch

Seine Glaubwürdigkeit als Trainer nimmt Magnin aus der hervorragenden Ausbildung und seinem feinen taktischen Sensorium – und aus seiner Zeit als Spieler. Er steht für eines der erfolgreichsten Kapitel in der Schweizer Fußballgeschichte. Als linker Außenverteidiger der Nationalmannschaft war er an vier Endrunden dabei. An der WM 2006 in Deutschland und an der Heim-EURO zwei Jahre später gehörte er zu den Fixstartern. Insgesamt spielte er zwischen 2000 und 2010
62 Länderspiele. In Deutschland gewann er mit Werder Bremen 2004 das Double und drei Jahre später mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft. Er galt als unerschütterlicher Kämpfer und kompromissloser Antreiber – und ist bis heute einer der erfolgreichsten Schweizer Auslandprofis geblieben.

Es ist nicht zuletzt diese Erfahrung, die ihn für die schwierige Aufgabe in Altach prädestiniert. Wer sich als Spieler acht Jahre im Stahlbad der Bundesliga bewährte und wer im oft heiklen und medial überhitzten Klima um den FC Zürich bemerkenswerte Erfolge feiert, der kann auch eine „Mission impossible“ in der österreichischen Bundesliga erfüllen.

„Wie man mit den Menschen umgeht und sie dahin führt, dass sie ein verschworener Haufen werden.“

Der Autor ist freier Journalist und Buchautor aus Zürich und ein naher Kenner des Schweizer Fußballs.

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