Kein Visum: Djokovic wird aus Australien abgeschoben

Sport / 05.01.2022 • 22:41 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Kein Visum: Djokovic wird aus Australien abgeschoben
Reuters

Serbiens Tennisstar Novak Djokovic ist beim Versuch der Australien-Einreise abgewiesen worden.

Melbourne Serbiens Tennisstar Novak Djokovic ist beim Versuch der Australien-Einreise abgewiesen worden. Das gab der australische Grenzschutz bekannt. “Nicht-Staatsbürger, die bei der Einreise kein gültiges Visum besitzen oder deren Visum annulliert wurde, werden festgesetzt und aus Australien ausgewiesen”, hieß es in der Mitteilung. Djokovic soll wohl noch am Donnerstag ausgeflogen werden, allerdings haben seine Anwälte laut der Zeitung The Age Einspruch eingelegt.

Die Nummer eins der Weltrangliste wollte mit einer medizinischen Ausnahmegenehmigung für Ungeimpfte bei den Australian Open in Melbourne (ab 17. Januar) antreten, hatte aber offensichtlich das falsche Visum beantragt. Die ganze Nacht hatte Djokovic am Flughafen festgesessen.

Unterstützung aus der Heimat

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic hat sich in die kuriose Hängepartie um die Einreise des Tennisstars Novak Djokovic nach Australien eingeschaltet. “Ich habe ein Telefongespräch mit ihm geführt und ihm gesagt, dass ganz Serbien bei ihm ist”, schrieb Vucic am Mittwochabend bei Instagram.

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Er fuhr fort: “Unsere Behörden werden alle Maßnahmen ergreifen, um die Belästigung des besten Tennisspielers der Welt in kürzester Zeit zu stoppen. In Übereinstimmung mit allen Normen des internationalen Rechts wird Serbien für Novak Djokovic, für Gerechtigkeit und Wahrheit kämpfen.”

Am Flughafen isoliert

Auch als in Australien schon der Morgen graute, saß Serbiens Tennisstar mit dem falschen Visum immer noch am Flughafen von Melbourne fest – angeblich isoliert und ohne Erlaubnis, sein Handy zu benutzen. Sein Sohn werde derzeit in einem bewachten Raum festgehalten, sagte sein Vater Srdjan Djokovic am Mittwoch dem Internetportal B92. “Novak befindet sich derzeit in einem Raum, den niemand betreten kann”, sagte er. “Vor dem Raum stehen zwei Polizisten”, fügte er hinzu. “Nicht gerade der gewöhnlichste Trip”, schrieb sein sichtlich müder Trainer Goran Ivanisevic bei Instagram aus dem Wartebereich. Eine Abweisung erschien zu dieser Zeit bereits wahrscheinlicher als die Weiterreise zu den Australian Open.

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Bevor Djokovic überhaupt einen Fuß auf den fünften Kontinent gesetzt hatte, war dem neuen “Bösewicht” blanke Wut entgegengeschlagen. “Kranke Heuchelei”, eine “schallende Ohrfeige” und eine “Beleidigung für jeden Australier” – der mediale Aufschrei über die Ausnahmegenehmigung gewaltig.

Rage in Australien für Sonderwurst

Wie die Zeitung The Age berichtete, versuchte Djokovic mit einem Visum einzureisen, das keine medizinischen Ausnahmen für ungeimpfte Personen zulässt. Doch mit genau einer solchen Ausnahmegenehmigung will der Titelverteidiger beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres (ab 17. Januar) auf Rekordjagd gehen. Und da die Regierung des Bundesstaates Victoria Unterstützung zur schnelleren Klärung des Problems ablehnte, wie Sportministerin Jaala Pulford auf Twitter klarstellte, verzögerte sich Djokovics Einreise.

Der Start der ganz offensichtlich ungeimpften Nummer eins der Welt bei den Australian Open ist Down Under längst zu einem Politikum auf allerhöchster Ebene angewachsen. Sogar Australiens Ministerpräsident Scott Morrison ließ öffentlich Zweifel an der Grundlage für die medizinische Ausnahmegenehmigung durchblicken. “Wenn diese Beweise nicht ausreichen, dann wird er nicht anders behandelt als alle anderen und sitzt im nächsten Flugzeug nach Hause”, sagte der Regierungschef am Mittwoch auf einer Pressekonferenz.

Harte Coronaauflagen für Australier seit Monaten

Auch Innenministerin Karen Andrews sprach Klartext: “Jede Person, die nach Australien einreisen möchte, muss unsere strengen Grenzbestimmungen einhalten”, betonte sie. Die Regionalregierung des Bundesstaates Victoria und Tennis Australia könnten einem nicht geimpften Spieler zwar die Teilnahme an dem Turnier gestatten, die Grenzregeln würden jedoch von der Nationalregierung überwacht.

Und diese Regeln sind und waren in Pandemie-Zeiten streng. “Es ist mir egal, wie gut er als Tennisspieler ist. Wenn er sich weigert, sich impfen zu lassen, sollte er nicht reingelassen werden”, sagte der prominente Arzt Stephen Parnis aus Victoria. Die Erlaubnis sei “eine erschreckende Botschaft” an Millionen Australier.

“Es ist traurig für die Bewohner dieses Landes, denen während dieser Pandemie immer wieder internationale und zwischenstaatliche Reisen verweigert wurden, selbst um ihre sterbenden Lieben zu sehen. Für diejenigen, die von ihren Kindern getrennt wurden oder nicht an der Beerdigung eines engen Freundes oder Familienmitglieds teilnehmen konnten”, schrieb “The Canberra Times” und resümierte: “Leider sind die Regeln anders, wenn Sie ein globaler Sport-Superstar sind.”

Turnierleitung in Erklärungsnot

Damit sprach er seinen Landsleuten, die während der Corona-Pandemie durch zahlreiche strikte Lockdowns und strenge Einreiseregelungen selbst für Einheimische immense Entbehrungen hinnehmen mussten, aus der Seele. “Für Novak Djokovic sollte es überhaupt keine Sonderregelungen geben. Überhaupt keine”, sagte Morrison – und brachte damit auch Craig Tiley, Turnierdirektor der Australian Open, in Erklärungsnot.

“Niemand wurde besonders begünstigt, es gab keine Sonderbehandlung für Novak”, verteidigte sich Tiley. Schließlich hätten zwei vom Bundesstaat Victoria und Tennis Australia unabhängige medizinische Expertengremien in Unkenntnis von Namen dem Weltranglistenersten die Sondergenehmigung für den Start bei den Australian Open erteilt. Ohne Ausnahmeerlaubnis dürfen dort nur vollständig geimpfte Profis aufschlagen.

Und doch forderte der Turnierboss Djokovic dazu auf, die Hintergründe offenzulegen. “Es wäre sehr hilfreich, wenn Novak erklären würde, auf welcher Grundlage er die Ausnahmegenehmigung beantragt und erhalten hat”, sagte Tiley.

Die Kriterien für eine solche Sondererlaubnis sind äußerst streng, sodass eigentlich nur schwer kranke Menschen von der Impfpflicht ausgenommen werden – etwa wegen Herzproblemen oder gravierenden Operationen in jüngster Vergangenheit. Auch eine Corona-Infektion in den vergangenen sechs Monaten berechtigt zu einer medizinischen Ausnahmegenehmigung.

Von Djokovic ist öffentlich aber nur eine Infektion aus dem Sommer 2020 bekannt. Seinen Impfstatus hatte der 34-Jährige, der sich in Melbourne zum alleinigen Grand-Slam-Rekordchampion krönen will, nie veröffentlicht.

Reines Unverständnis

Das Unverständnis in der australischen Bevölkerung – Zuschauer dürfen übrigens nur vollständig geimpft in die Stadien – über die Ausnahme für den besten Tennisspieler der Welt ist riesig, der Blick in die Gazetten gab ein gutes Stimmungsbild ab. “Regeln sind Regeln – es sei denn, man ist reich und berühmt wie Djokovic”, schrieb die Zeitung The Age.

Die Courier Mail titelte “You must be Djoking” (übersetzt: Das soll wohl ein Scherz sein), und die Canberra Times beschrieb die Gefühlslage der Australier: “Entsetzt, vielleicht. Wütend, ja. Frustriert, enttäuscht, angewidert, mit dem Gefühl, dass wir alle gerade eine schallende Ohrfeige bekommen haben.”

Der ehemalige australische Tennisprofi Sam Groth sprach in einer Kolumne für Herald Sun von “kranker Heuchelei”. Djokovics Teilnahme an den Australian Open sei “eine Beleidigung für jeden Australier, der wegen COVID durch die Hölle gegangen ist”.

Und The West Australian schrieb Djokovic bereits eine filmreife Rolle für das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres zu. “Der Djoker”, kommentierte das Blatt, “hat sich in den Joker verwandelt und sich schamlos die Rolle des Bösewichts zugewiesen.”

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