Rennfahrerin Fabienne Wohlwend: Wie Fitness vor Verletzungen schützt

Sport / 06.01.2022 • 12:00 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Rennfahrerin Fabienne Wohlwend: Wie Fitness vor Verletzungen schützt
Fabienne Wohlwend nutzt die Zeit im Winter für ein verstärktes Fitnesstraining. VN

Profi-Motorsportlerin Fabienne Wohlwend (24) blickt voller Zuversicht auf die kommende Saison.

SCHELLENBERGGÖFIS Die Liechtensteiner Profirennfahrerin Fabienne Wohlwend war in diesem Jahr in zwei schwere Unfälle im Rahmen der Frauenrennserie WSeries verwickelt. Im VN-Interview blickt sie auf die Szenen zurück und erklärt, weshalb sich das Fitnesstraining für sie auszahlt und wie die Vorbereitung auf die kommende Saison in der Frauenrennserie aussieht.

Wie fällt Ihr Fazit des Rennjahres 2021 aus?

Alles in allem blicke ich mit sehr positiven Gefühlen auf diese Rennsaison zurück. Ich konnte in Spielberg und Silverstone zweimal aufs Podest fahren, das war natürlich super. Aber Motorsport ist ein bisschen eine Achterbahnfahrt und kann nicht immer so laufen, wie man es gerne hätte. Nach dem Sommer hatte ich die Rückschläge. Zunächst ein Massencrash in Spa. Den Speed zumindest für einen Podestplatz hatte ich. Aber ich bin schon froh, dass ich unverletzt aus dem Auto steigen konnte. Und der Unfall in Zandvoort ging auf meine Kappe, das war Eigenverschulden. Ich wollte zuviel und habe auch enorm gepusht. Austin war dann wieder ein Highlight in der Saison, auch weil es mein erstes Rennen auf einem anderen Kontinent war. Mit dem Qualifying und dem ersten Rennen kann ich zufrieden sein, im zweiten Rennen stoppte mich dann ein technischer Defekt. Natürlich wollte ich die Saison nicht so abschließen, aber ich habe Fortschritte gezeigt. Gerade im Bereich meiner vorherigen Schwächen wie dem Start konnte ich einen deutlichen Schritt nach vorne machen. Mit Platz sechs in der Gesamtwertung habe ich mir dann auch einen Fahrervertrag für die nächste Saison gesichert und dementsprechend glücklich bin ich.

Hatten vielleicht auch die zwei Unfälle von Ihnen etwas mit den weniger starken Resultaten in der zweiten Saisonhälfte zu tun?

Ich glaube nicht, dass es am Material gelegen hat. Die Motoren wurden immer ausgetauscht, nachdem ich aufs Podest gefahren bin. Dementsprechend hatte ich in dieser Saison viele Motorenwechsel. Manchmal hatte ich sicher etwas Pech und nicht die perfekte Runde zusammengebracht, aber ich glaube nicht, dass es am Material lag.

Blicken wir auf Ihre zwei Horrormomente in dieser Saison in Spa und Zandvoort zurück. Welche Gedanken macht man sich in solchen Situationen?

Also Spa war schon schlimm für mich, Zandvoort hat wohl aufgrund der Bilder schlimmer ausgesehen, aber das war nicht so schlimm. Spa war ein richtig unerwarteter Moment, als ich die Abkürzung nahm und mir plötzlich vier stehende Autos im Weg standen. Und das bei Tempo 170. Das sind dann lange Sekunden. Aber ich habe mir dabei mehr Sorgen um die anderen Fahrerinnen gemacht als um mich selbst, da ich alles bewegen konnte. Man sieht in diesen Momenten aber auch wie sicher die Autos sind und man wird dankbar, dass man unverletzt ist und am nächsten Tag wieder ins Auto steigen kann. Ich wurde auch oft gefragt, ob ich danach Angst hatte, wieder ins Auto zu steigen. Aber da habe ich auch das Glück, dass das bei mir absolut nicht der Fall ist und ich das schnell und gut verarbeite. Aber klar ist es ein gefährlicher Sport, bei dem auch hohe Geschwindigkeiten im Spiel sind. Auch die G-Kräfte sind extrem, die auf den Körper wirken. Logisch hätte ich mir da weh tun können, aber ich war glücklicherweise komplett unverletzt. Ich kann auch Stolz auf mich sein, dass ich das so gut wegstecken kann und ich denke, dass mir dabei auch die gute körperliche Fitness sicherlich geholfen hat.

Stichwort körperliche Fitness. Wie sieht Ihr Training aus?

Dieser Punkt wird im Motorsport vermutlich am meisten unterschätzt. Jeder kann 300 Kilometer am Stück fahren und denkt, es ist nicht schwer. Aber in unseren Rennboliden, einem Formel 3-Fahrzeug, haben wir keine Servolenkung, keinen Bremskraftverstärker, kein ABS und keine Traktionskontrolle. Ohne diese technischen Hilfen sind Arme, Oberkörper und auch die Beine extrem gefordert. Und bei den hohen Fliehkräften ist auch die Nackenmuskulatur ein großes Thema. Kraft, Ausdauer und Körperspannung kommen dann noch dazu. Und auch das Reaktionstraining, um auf unvorhergesehene Dinge schnell reagieren zu können, ist ein wichtiger Punkt. Dies alles gehört zu meinem Trainingsprogramm, das ich mit dem Göfner Max Cavada täglich absolviere. Wenn ich unterwegs bin, bekomme ich entsprechende Trainingspläne und ansonsten machen wir auch vieles bei ihm im Studio. Ich merke bei mir, wie wichtig das tägliche Training ist, da ich sonst schnell abbaue und sich meine Muskeln verspannen.

Rennfahrerin Fabienne Wohlwend: Wie Fitness vor Verletzungen schützt

Es waren ja nicht Ihre ersten Unfälle im Motorsport. Sie hatten sich ja bereits 2019 am Nürburgring mehrmals überschlagen. Gab es einen Lerneffekt von damals, etwa dass Sie viel mehr auf die körperliche Fitness achten?

Den Unfall in Spa sehe ich schlimmer an als jenen am Nürburgring, da ich in Deutschland damals gemerkt habe, dass es rutschig ist und ich die Kontrolle über das Auto verloren hatte. Als ich das Gras berührt hatte, wusste ich, dass es zu einem Crash kommt. In Spa habe ich nicht damit gerechnet als ich über die Kuppe kam, dass dort vier Autos stehen und konnte auch nichts mehr dagegen unternehmen. Beim mentalen Umgang hilft es sicher, die Erfahrung eines bereits erlittenen Unfalls zu haben, gerade bei der Rückkehr ins Auto, wo ich dennoch eigentlich keine Probleme hatte. Damals hatte ich eine Woche Zeit das zu verarbeiten, und dieses Mal war es eine Nacht. Aber Schmerzmittel und Adrenalin haben auch das möglich gemacht.

Kommen wir zurück zum Sportlichen. Sie haben kürzlich verkündet, dass Sie nicht mehr für das Schweizer Team Octane126 in der Ferrari Challenge fahren werden. Das war doch auch eine sehr erfolgreiche Zeit.

Es ist sehr schade. Ich bin vier Jahre für Octane126 am Start gestanden und das gesamte Team ist mir sehr ans Herz gewachsen. Durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen finanziellen Schwierigkeiten beim Team konnte ich 2021 nur das vom Vorjahr verschobene Finale fahren. Ich wäre gerne mehr gefahren, auch weil es sich mit der WSeries bis auf eine Überschneidung sehr gut ergänzt hätte. Aber das Team konnte keinen Start ermöglichen. Alles in allem blicke ich dennoch auf vier sehr schöne Jahre in der Ferrari Challenge zurück, in denen ich alles erreichen konnte, was ich erreichen wollte. Jetzt wird es dann Zeit für eine neue Herausforderung vermutlich im Langstreckenbereich, für den ich in diesem Jahr auch meine Lizenz gemacht habe. Ich schaue mich momentan intensiv um und es muss sich dann gut mit der WSeries verbinden lassen, für die der genaue Rennplan noch aussteht. Aber auf jeden Fall möchte ich zwei unterschiedliche Projekte angehen und freue mich bereits jetzt, was die Zukunft bringen wird.

Sie haben die WSeries angesprochen.

Der Hauptfokus liegt auf jeden Fall auf der WSeries. Das war ja auch in diesem Jahr mein großes Ziel, den Startplatz so früh wie möglich zu fixieren, was mir am letzten Rennwochenende dann auch souverän gelungen ist. Von Platz sechs bin ich schon etwas enttäuscht, da aus meiner Sicht mit meinem Speed und ohne den Unfällen sicherlich der dritte oder vierte Platz in der Gesamtwertung möglich gewesen wäre. Das gehört aber im Sport dazu und ich bin richtig stolz über meine zwei Podestplätze. Aktuell liegt der Fokus bereits auf der nächsten Saison. Ich arbeite hart an der Fitness und an den Vorbereitungen, um dann in der nächsten Saison wieder eine Topplatzierung erreichen zu können. 

Sie sind Profirennfahrerin und auch abhängig vom Preisgeld. Werden Sie sich mit den 80.000 Dollar Preisgeld vielleicht auch einen persönlichen Wunsch erfüllen?

Also grundsätzlich habe ich das Geld noch nicht erhalten und dementsprechend auch noch nicht verplant. Ich werde es jedoch wieder in meine Rennkarriere und Weiterbildung investieren. Die Testtage muss ich selbst finanzieren und auch in den anderen Rennserien gibt es nur wenige Cockpits, in denen man Geld erhält und nicht investieren muss. Das ist in der WSeries ganz was Außergewöhnliches. Ich lebe von diesem Traum und kann neben dem Preisgeld auch auf viele Sponsoren zählen, die mittlerweile teilweise schon von sich aus auf mich zukommen. Ich habe langjährige treue Sponsoren, die sehr wertvoll für mich sind, um meinen Lebensunterhalt und das Racing finanzieren zu können.

Dann gehe ich davon aus, dass Sie den Schritt zur Profirennfahrerin noch nie bereut haben?

Auf keinen Fall. Für mich ist es wichtig zu wissen, dass ich einen Plan B habe, falls ich einmal kein Cockpit mehr habe. Den habe ich, denn ich könnte jederzeit zurück auf die Bank oder in ein Büro wechseln. Das gibt einem einfach ein gutes Gefühl, aber die Kündigung musste ich bis jetzt nie bereuen. Dadurch, dass ich mich voll auf den Motorsport fokussieren kann, habe ich nun auch genug Zeit, mich nach einem Rennwochenende gut zu erholen und nicht wenige Stunden nach der Rückkehr wieder in einem Büro vor der Arbeit zu sitzen. Das ist körperlich und mental ein riesiger Vorteil. 

Wie sieht das Winterprogramm für Sie aus – ein Autorennen im Schnee wäre mir neu. 

Ich lerne alle Formel-1-Strecken, die es gibt, damit ich auf jeden Fall vorbereitet bin, wo wir dann mit der WSeries im Rahmenprogramm dabei sind (lacht). Tatsächlich bin ich viel im Simulator aktiv, um mir die Strecken präsent zu halten. Und körperlich arbeite ich täglich mit Max Cavada in Göfis und gehe selbstständig noch viel an die frische Luft. Ich habe auch den Langlaufsport für mich entdeckt, da es im Bereich Kraft/Ausdauer genau das ist, was ich brauche. Und natürlich bin ich viel in Damüls am Skifahren. Ich bin dieses Jahr sehr viel unterwegs gewesen und nütze jetzt die Zeit, dass ich als Familienmensch die Zeit wirklich genießen kann. Und im neuen Jahr geht es dann schnellstmöglich wieder zurück ins Auto für Tests und ab März/April startet dann wieder die neue Rennsaison. FLO

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