Finale ohne Ballwechsel im Gerichtssaal

Sport / 09.01.2022 • 21:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die serbischen Fans huldigen Novak Djokovic in Melbourne und Belgrad.
Die serbischen Fans huldigen Novak Djokovic in Melbourne und Belgrad.

Ungeimpfter Djokovic kämpft um Start bei Australian Open.

Melbourne Der Fall Novak Djokovic bewegt die ganze Welt. Am Montag soll vor Gericht in Melbourne eine Entscheidung darüber fallen, ob der 20-malige Grand-Slam-Sieger in Melbourne bleiben darf. Nicht nur die Tennisszene, sondern die Weltöffentlichkeit schaut auf Anthony Kelly. Der Richter des Federal Circuit and Family Court of Australia entscheidet im Laufe des Tages im aufsehenerregenden Fall über die Teilnahme des Tennis-Weltranglistenersten.

Darf der offenbar ungeimpfte serbische Topstar nach tagelangem Ringen mit den Grenzschutzbehörden in Australien bleiben und das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres spielen? Oder endet seine Rekordjagd in Down Under schon, bevor er den Schläger auch nur einmal in die Hand nehmen konnte? Klar ist schon jetzt, dass es in der Causa, die mittels eines Einspruchs in die Verlängerung gehen kann, zahlreiche Verlierer gibt.

Widersprüchliche Informationen

Djokovic, der seit Tagen in einer Unterkunft für Ausreisepflichtige ausharrt, zählt dazu. Das Verständnis seiner Kollegen und Kontrahenten wie Rafael Nadal hält sich in Grenzen, und seine sportlichen Chancen dürften – falls er überraschend doch noch antreten darf – deutlich gesunken sein. „Er kann sich aktuell nicht vorbereiten, sitzt nur im Hotelzimmer. Auch das australische Publikum wird ihn sicherlich nicht gerade freundlich empfangen“, sagte sein Ex-Trainer Boris Becker der Bild: „Das ist ein Mount Everest, den er da besteigen müsste. Doch wenn einer das Unmögliche schafft, dann Djokovic.“ Hätte sich der 34-Jährige vollständig impfen lassen und nicht zur Einreise auf eine medizinische Ausnahmegenehmigung gepocht, wäre es nicht zu dem Politikum gekommen, in dem der serbische Präsident Vucic klar Partei für den Volkshelden ergriff und der australische Premierminister Morrison auf die Gleichheit vor dem Gesetz verwies. Die Entwicklungen der letzten Tage zeigten aber auch, dass die australischen Behörden offenbar alles andere als stringent vorgegangen sind. Dies legen zumindest neue Aussagen von Craig Tiley nahe, dem Turnierdirektor der Australian Open, der ebenfalls unter Druck steht. Die Veranstalter seien bei der Erteilung medizinischer Ausnahmegenehmigungen in einen Konflikt der Zuständigkeiten zwischen dem Bundesstaat Victoria und den Bundesbehörden von Australien geraten. Es habe „viele widersprüchliche Informationen“ gegeben. Tiley verwies im Gespräch mit den Zeitungen The Age und Sydney Morning Herald darauf, dass er die Bundesbehörden im November zweimal darum gebeten habe, die Einzelfälle zu prüfen, um sicherzustellen, dass sie von den Bundesbeamten an der Grenze akzeptiert werden würden. „Sie haben es abgelehnt“, sagte der 60-Jährige, der noch immer hofft, dass Djokovic in Melbourne zur Titelverteidigung antreten kann.

Der langjährige Tourdominator, der unter anderem mit seinem Hang zur Esoterik und zu impfkritischen Äußerungen für Aufsehen gesorgt hat, könnte sich mit einem Triumph in Melbourne zum alleinigen Grand-Slam-Rekordchampion küren. Der erste große Schritt dahin wäre ein Sieg seiner Anwälte, mit dem er das wenig schmucke Park Hotel in Richtung der Rod-Laver-Arena verlassen dürfte.

Die Djokovic-Seite beruft sich in ihrer Argumentation auf eine am 16. Dezember festgestellte Coronainfektion, die zu einer Ausnahmegenehmigung und damit zur Einreise berechtige. Allerdings tauchten Zweifel und Berichte auf, die Djokovic an den Tagen nach der vermeintlichen Erkrankung teilweise ohne Maske bei Veranstaltungen zeigten. Die Djokovic-Seite soll um 10 Uhr Ortszeit (0.00 Uhr MEZ) vor Gericht Stellung beziehen.

Fix ist, dass Richter Kelly vor einem Urteil steht, das die Weltöffentlichkeit noch länger beschäftigen wird. In einer ersten Entscheidung wies er einen Antrag der australischen Regierung auf die Verlegung der Anhörung ab. Die Vertreter des Innenministeriums müssen ihre Sicht im Fall „Djokovic gegen den Grenzschutz“ laut Plan um 15 Uhr (5 Uhr MEZ) äußern.

„Die Australier werden ihn bei einer Teilnahme sicher nicht freundlich empfangen.“

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