Sieg vor Gericht und wieder im Training

Sport / 10.01.2022 • 20:24 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Polizei musste Pfefferspray einsetzen, um die chaotischen Szenen bei der Abfahrt der verdunkelten Limousine mit Novak Djokivic vom Bürogebäude seiner Anwälte in Melbourne einzudämmen.APA
Die Polizei musste Pfefferspray einsetzen, um die chaotischen Szenen bei der Abfahrt der verdunkelten Limousine mit Novak Djokivic vom Bürogebäude seiner Anwälte in Melbourne einzudämmen.APA

Einreiseverbot von Djokovic vorläufig aufgehoben. Australian-Open-Start.

Melbourne Am Ende eines langen und turbulenten Tages stand Novak Djokovic dort, wo er seine größten Erfolge gefeiert hat. Zusammen mit Coach Goran Ivanisevic trainierte der 34-jährige Tennisstar in der Rod Laver Arena, nur sieben Stunden, nachdem ein Gericht in Melbourne dem Einspruch des ungeimpften Serben gegen die Verweigerung der Einreise nach Australien stattgegeben hatte. „Ich bin zufrieden und dankbar, dass der Richter die Annullierung meines Visums zurückgenommen hat. Ungeachtet allem, was passiert ist, will ich bleiben und versuchen zu spielen“, schrieb Djokovic zu einem Foto, das er nach Mitternacht in den sozialen Medien verbreitete. „Das ist es, worauf ich fokussiert bleibe. Ich bin hierher geflogen, um bei einem der bedeutendsten Events, das wir haben, und vor den tollen Fans zu spielen.“

Minister kann Urteil kippen

Allerdings steht nach diesem bemerkenswerten Tag mit vielen Wendungen immer noch nicht fest, ob Djokovic bei den kommenden Montag beginnenden Australian Open tatsächlich an den Start gehen darf. Der australische Einwanderungsminister Alex Hawke kann ihm das Visum erneut entziehen. Zunächst machte Hawke von diesem Recht aber keinen Gebrauch, er kann dies jedoch in den nächsten Tagen noch tun. „Der Minister beschäftigt sich mit dem Fall, und dieser Prozess läuft noch“, sagte ein Sprecher von Hawke. Djokovic hatte aus Sicht der Behörden bei seiner Ankunft in Melbourne nicht die nötigen Dokumente für eine medizinische Ausnahmegenehmigung vorlegen können, um ohne Corona-Impfung einreisen zu dürfen.

Die Regierung hatte vor der Verhandlung angekündigt, sie erwäge im Falle einer Aufhebung der Einreiseverweigerung weitere Schritte, um Djokovic das Visum vorzuenthalten. Das bestätigte der Regierungsanwalt Christopher Tran am Ende der Verhandlung. Auch gegen eine erneute Verweigerung des Visums könnte Djokovic, dem dann in Australien eine Einreisesperre für die kommenden drei Jahre drohen würde, wieder Rechtsmittel einlegen.

Erst einmal darf sich der Serbe in Melbourne aber frei bewegen und nutzte dies zur ersten Trainingseinheit auf australischem Boden. Das Abschiebehotel durfte er kurz nach der Gerichtsverhandlung verlassen. Zudem ordnete der Richter Anthony Kelly an, dass Djokovic seine persönlichen Dinge und seinen Pass zurückbekommt.

Obwohl Djokovic erstmals trainieren konnte, bleiben viele Fragen offen. Daran konnte auch eine Pressekonferenz seiner Familie in Belgard nichts ändern. Als es kritische Fragen dazu gab, warum sich Novak einen Tag nach seinem positiven Coronatest vom 16. Dezember ohne Maske und Abstand bei öffentlichen Veranstaltungen gezeigt habe, brach der Bruder des Weltranglisten-Ersten die Pressezusammenkunft einfach ab.

Ohnehin ging es der Familie nur darum, ihren berühmten Sohn als Helden darzustellen und die australische Regierung heftig zu kritisieren. „Das ist sein größter Sieg in seiner Karriere, größer als alle seine Grand Slams“, sagte Mutter Dijana. „Er wird weitere zehn Grand Slams gewinnen“, verkündete Vater Srdjan vollmundig. Der Rechtsstreit um das Einreisevisum werde dem Sohn „zusätzliche Kraft“ verleihen. „Er ist mental so stark, dass ihn das alles nicht beeinträchtigt hat.“

Auch in Melbourne erhielt Djokovic große Unterstützung durch seine serbischen Landsleute. Vor dem Gebäude im Zentrum von Melbourne, in dem sich Djokovic mit seinen Anwälten zu der online durchgeführten Gerichtsversammlung eingefunden hatte, spielten sich nach der Urteilsverkündung zum Teil chaotische Zustände ab. Tausende Anhänger waren mit Serbien-Flaggen gekommen, um ihr Idol zu unterstützen. Als Menschen ein Auto beim Verlassen der Tiefgarage bedrängten, setzten die Polizeibeamten sogar Pfefferspray ein.

Zu wenig Zeit eingeräumt

Richter Kelly hatte in der Verhandlung zuvor erklärt, er halte das Verhalten der Behörden gegenüber Djokovic für unverhältnismäßig. „Was hätte dieser Mann noch mehr tun können?“, hatte Kelly gesagt. Allerdings begründete der Richter sein Urteil in erster Linie damit, dass Djokovic zu wenig Zeit eingeräumt worden sei, um bei der stundenlangen Befragung durch die Grenzbeamten angemessen reagieren zu können. Ob die Verweigerung der Einreise des Ungeimpften wegen unzureichender Belege für eine medizinische Ausnahmegenehmigung grundsätzlich rechtens war, darüber entschied der Richter nicht.

So bleiben vor Beginn des Grand-Slam-Turniers weiterhin viele Fragen offen. Auch wenn Djokovic im Commonwealth Law Courts Building ein wichtiger Sieg gelang, ist der Weg zu seinem zehnten Triumph am Yarra River noch lange nicht frei. Der Fall ist längst auch für die australische Regierung zu einer heftigen Belastungsprobe geworden. Auch das könnte bei der Entscheidung des Einwanderungsministers eine Rolle spielen. Es ist daher weiterhin möglich, dass die Trainingseinheit seine letzte in diesem Jahr in Melbourne war.

Der Djokovic-Clan bei der PK in Belgrad.APA
Der Djokovic-Clan bei der PK in Belgrad.APA
Twitter vor der Trainingseinheit.
Twitter vor der Trainingseinheit.

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