Schatten von Djokovic lastet auf den Australian Open

Sport / 14.01.2022 • 20:22 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Tenniswelt ist um eine weitere kuriose Geschichte reicher: Erst am Sonntag entscheidet sich ob Novak Djokovic bei den Australian Open spielen darf.???
Die Tenniswelt ist um eine weitere kuriose Geschichte reicher: Erst am Sonntag entscheidet sich ob Novak Djokovic bei den Australian Open spielen darf.???

Noch immer nicht fix, ob Nummer 1 der Welt in Melbourne an Start gehen darf.

Melbourne Wohl noch nie zuvor stand die Vorberichterstattung für ein Tennis-Grand-Slam-Turnier so im Schatten eines einzigen Tennis-Spielers. Die Causa Novak Djokovic sorgt weltweit seit gut einer Woche für Schlagzeilen in den Weltnachrichten. Erst am Vortag der mit umgerechnet 47,46 Mill. Euro dotierten Australian Open in Melbourne wird man wissen, ob der Branchenprimus doch noch auf seinen 21. Grand-Slam-Titel losgehen kann. Doch Tennis besteht bei weitem nicht nur aus Djokovic.

Gewinnt der 34-jährige Serbe sein Match vor Gericht nicht, dann hat es nachhaltige Auswirkungen auf das Turnier. So muss er natürlich aus der bereits erfolgten Auslosung genommen werden, der als Nummer 5 gesetzte Andrej Rublew (RUS) nimmt dann den Platz an der Spitze des Tableaus ein. Miomir Kecmanovic, der eigentlich gegen Djokovic ausgelost wurde, würde dann gegen einen Lucky Loser spielen. Gael Monfils (FRA-17), der Schützling von Günter Bresnik, würde Rublews Platz einnehmen. Vor allem könnte Djokovic, wenn er nicht antreten darf, bei einem Turniersieg der wohl zu Topfavoriten aufrückenden Daniil Medwedew oder Alexander Zverev seinen Tennis-Thron vorerst abgeben müssen.

Nadal als Nutznießer?

Für Rafael Nadal ist ein Ausfall von Djokovic auch kein Nachteil: Bei aktueller Auslosung müsste die Nummer 6 des Turniers aus Spanien nämlich bei für ihn gutem Verlauf im Halbfinale den Serben aus dem Weg räumen. Und fehlt neben dem Langzeit-Ausfall Roger Federer auch der „Djoker“, dann hat Nadal im Kampf um die meisten Grand-Slam-Titel in Australien als einziger der „big three“ die Chance auf die 21. Major-Trophäe. Allerdings hatte Nadal vor seiner Anreise nach Australien im Dezember ebenfalls Covid-19 und hat auch komplett gesund nur einen seiner 20 Major-Pokale in Australien gewonnen (2019). Immerhin hat Nadal nach fünfmonatiger Tour-Abwesenheit aber auf der gleichen Anlage gerade einen Titel geholt, den beim ATP-250-Vorbereitungsturnier. Fünf-Satz-Matches in der brütenden Hitze von Australien sind für den 35-Jährigen dennoch etwas anderes.

Kein Österreicher im Hauptfeld

Aus österreichischer Sicht ist der als „happy slam“ bekannte erste Tennis-Höhepunkt ein Trauerspiel: Dominic Thiem ist als Finalist von 2020 wegen den Langzeitfolgen seiner Handgelenksverletzung noch nicht am Start. Der ehemalige Weltranglisten-Dritte, der Ende Jänner in Südamerika auf die Tour zurückkehren will, wird sich dann voraussichtlich außerhalb der Top 50 wiederfinden. Dennis Novak konnte wegen einer Corona-Erkrankung die Qualifikation nicht spielen, Jurij Rodionov schied in der zweiten, Julia Grabher bei den Frauen in der dritten Ausscheidungsrunde aus.

Abwesende Stars

Apropos Frauen: Auch dort fehlt eine (noch immer) auf Grand-Slam-Rekordjagd befindliche Protagonistin. Serena Williams, die nur zu gerne gerade in Australien ihren 24. Major-Titel geholt und damit Margaret Court eingeholt hätte, hatte schon im Dezember aus Fitnessgründen abgesagt. Für die 40-jährige US-Amerikanerin wird ein weiterer Major-Titel immer unwahrscheinlicher, gleiches gilt auch für den fast gleich alten Roger Federer. Ashleigh Barty ist „down under“ die Topfavoritin. Die regierende Wimbledonsiegerin, die 2019 auch Roland Garros gewonnen hat, hat in Melbourne bisher allerdings nur ein Semifinale (2020) als bisher bestes Ergebnis stehen. Eine der interessantesten Frauen-Partien könnte ein mögliches Achtelfinale zwischen der Australierin und Japans Star Naomi Osaka werden. Osaka geht als Titelverteidigerin ins Rennen und hat auch vor drei Jahren schon in Melbourne die Trophäe geholt. Weiter unten in der Auslosung könnte es im Viertelfinale zu einer Wiederholung des Masters-Endspiels kommen, sollten sich Siegerin Garbine Muguruza (ESP) und Finalistin Anett Kontaveit (EST) durchsetzen. Schon in Runde eins kommt es zum Kracher zwischen US-Open-Siegerin Emma Raducanu und der US-Amerikanerin Sloane Stephens, die 2017 in Flushing Meadows triumphiert hatte. Bei den Frauen gilt noch mehr als bei den Männern: eine Überraschung ist immer möglich – wie etwa der Lauf von Jennifer Brady (USA) bis ins Finale.

Tennis

Chronologie zur Visum-Saga rund um Novak Djokovic

10. Dezember: Die Frist für den Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung zur Teilnahme an den Australian Open endet – für Spieler, die nicht gegen das Coronavirus geimpft wurden. Nur vollständig Geimpfte dürfen an den Start gehen.

14. Dezember: Der nicht geimpfte Djokovic besucht ein Basketball-Match in Belgrad und unterzieht sich am

16. Dezember einem Antigentest (negativ) und einem PCR-Test. Er nimmt an einer Veranstaltung der serbischen Post in seinem Heimatland teil. Am Abend erfährt er von seiner Infektion. Das positive PCR-Ergebnis steht in Unterlagen, die seine Anwälte später den australischen Behörden vorlegen. Nach den Regeln in Serbien müssen Covid-Positive, die keine schweren Symptome haben, für 14 Tage in häusliche Isolation.

17. Dezember: Djokovic, der eigentlich in Monaco lebt, ist ohne Maske und Abstand Gast auf einer Preisverleihung für junge Tennisspieler in Serbiens Hauptstadt Belgrad. Djokovic behauptet später, er hätte zu diesem Zeitpunkt noch nichts von einem positiven PCR-Test gewusst.

18. Dezember: Er gibt ein länger ausgemachtes Interview mit Foto-Shooting für die französische Sportzeitung „L‘Équipe“. Djokovic gesteht ein, dass dies im Wissen eines positiven Tests ein Fehler gewesen sei.

22. Dezember: Djokovic hat einen weiteren Test gemacht. Ergebnis nach eigenen Angaben: negativ.

30. Dezember: Djokovic erhält seinen Anwälten zufolge Ausnahmegenehmigung für das Turnier vom Medizin-Chef des australischen Tennisverbands.

Jahreswechsel 2021/2022: Aufnahmen in sozialen Medien zeigen Djokovic in einem Tennisclub im spanischen Marbella. Er soll am 30.

Dezember sowie am 2. und 3. Jänner zum Training dort verweilt haben. Spaniens Behörden ermitteln, da Djokovic nur mit Sondergenehmigung hätte einreisen dürfen.

5. Jänner: Djokovic reist nach Australien. Weil er aus Sicht der Behörden nicht die nötigen Dokumente für eine Ausnahmegenehmigung vorlegt, wird ihm die Einreise verweigert. Er kommt in ein Abschiebehotel.

6. Jänner: Auf einer bemerkenswerten Pressekonferenz in Belgrad vergleicht Djokovics Vater seinen Sohn mit Jesus Christus: „Jesus wurde gekreuzigt, ihm wurde alles angetan, und er ertrug es und lebt immer noch unter uns“, so Srdjan Djokovic. „Jetzt versuchen sie Novak auf die gleiche Weise zu kreuzigen und ihm alles anzutun.“

10. Jänner: Ein Gericht in Melbourne gibt Djokovics Einspruch statt und lässt ihn einreisen. Er darf sich frei bewegen. Wenige Stunden später steht er auf dem Trainingsplatz.

11. Jänner: Es wird bekannt, dass Djokovic in seinem Einreiseformular angegeben hat, er sei in den 14 Tagen vor dem Flug nach Australien nicht gereist.

14. Jänner: Der Einwanderungsminister Alex Hawke beruft sich auf den Migration Act und nützt sein Recht, das Visum neuerlich zu annullieren. Die Anwälte von Djokovic erklären in einer Anhörung, dass es die Entscheidung beeinspruchen und die drohende Abschiebung verhindern will. Eine endgültige Entscheidung soll nun am Sonntag fallen.

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