„China ist jetzt ein Wintersportland“

Sport / 03.02.2022 • 21:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Countdown läuft: Heute um 13 Uhr (MEZ) werden die Olympischen Winterspiele 2024 eröffnet.Reuters
Der Countdown läuft: Heute um 13 Uhr (MEZ) werden die Olympischen Winterspiele 2024 eröffnet.Reuters

IOC-Präsident Bach will ungeachtet aller Bedenken ein neues Kapitel in der Sportgeschichte schreiben.

Peking Die Wunsch-Botschaft von Thomas Bach (68) für die höchst umstrittenen 24. olympischen Winterspiele 2022 von Peking ist ganz auf der Linie von Chinas Präsident Xi Jinping (68). „China ist jetzt ein Wintersportland“, das will der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) als Signal der Winterspiele in die Welt senden. „Wir schreiben zusammen ein neues Kapitel der Sportgeschichte“, sagte Bach. Und zwar ungeachtet der hartnäckigen Boykottdebatten, die bis zur Eröffnungsfeier am Freitag (13 Uhr MEZ) nicht verstummt sind. Dazu kommen die strikten Coronaregeln, die alle Olympiabeteiligten in eine enge Parallelwelt zwängen. Und die Fragen nach der Unterdrückung der Uiguren und dem Wohlergehen der Tennisspielerin Peng Shuai.

Frische Milliarden für Industrie

2470 der rund 2900 Athletinnen und Athleten aus 91 Nationen sind am Tag der Eröffnung schon in Peking eingetroffen. Jeden Tag werden neue Coronafälle bei der Einreise und in der Olympia-Blase entdeckt, doch für Chinas Olympia-Macher und das IOC gibt es schon lange kein Zurück mehr. „Die Welt richtet in den nächsten zwei Wochen ihre Augen auf China und China ist bereit“, sagte Staats- und Parteichef Xi Jinping in einem Video-Gruß an die 139. IOC-Session. Gerade hat das Jahr des Tigers begonnen – und das Staatsziel von mindestens 300 Millionen wintersportbegeisterten Chinesen ist übererfüllt. Sagen jedenfalls Xi und Bach in diesen Tagen immer wieder.

Als erste Metropole der Welt richtet Peking nach den Sommerspielen 2008 auch Winterspiele aus. „Das verändert die Landschaft des Wintersports für immer“, versicherte Bach und meinte das auch als frohe Kunde für die Wintersport-Industrie, die sich auf frische Milliarden freuen könne. In den politischen Streit um die Menschenrechtslage in China will sich das IOC auf keinen Fall einmischen. „Wenn wir einen politischen Standpunkt einnehmen und zwischen die Fronten von Konflikten und Konfrontationen zwischen politischen Mächten geraten, bringen wir die Spiele in Gefahr“, sagte Bach.

Kurz zuvor hatte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ihre Kritik am Ringe-Zirkel erneuert. „Das IOC hat bisher beide Augen vor der Tatsache verschlossen, dass sich Chinas Menschenrechtsbilanz seit den Sommerspielen 2008 dramatisch verschlechtert hat – entgegen aller Zusicherungen der Regierung“, erklärte Amnesty-Expertin Lisa Salza. Angeführt von den USA beschloss eine Reihe von Ländern einen diplomatischen Boykott der Winterspiele.

Die Gastgeber hatten sich bereits Kritik von Sportlern verbeten, ein hochrangiger Funktionär des Organisationskomitees drohte mit „Bestrafung“. Bach beteuert zwar, die Athleten würden abseits von Medaillenzeremonien und Wettbewerben Redefreiheit genießen. Er sagt aber auch: „Ich würde jedem Athleten empfehlen, wo auch immer die Spiele stattfinden, nicht andere Leute zu beleidigen und deren Rechte zu verletzen.“

Treffen mit Peng Shuai

109 Medaillenentscheidungen wird es geben, so viele wie nie zuvor bei Winterspielen. Während in Peking einige der Wettkampfstätten von 2008 wieder zum Einsatz kommen, sind in den Bergen teils protzige Neubauten entstanden.

Seinen wichtigsten Termin aber wird der IOC-Präsident wohl abseits der olympischen Arenen haben. In den nächsten Tagen will er sich mit Peng Shuai treffen, deren Schicksal seit Monaten die Welt bewegt. Die frühere Weltranglisten-Erste im Tennis hatte Anfang November im sozialen Netzwerk Weibo Vorwürfe wegen eines sexuellen Übergriffs durch einen chinesischen Spitzenpolitiker veröffentlicht. Der Post wurde bald danach gelöscht. Seither äußerten Sportler, Politiker und Menschenrechtler Sorge um ihr Wohlergehen. Peng Shuai hatte später bestritten, die Vorwürfe erhoben zu haben. Das angeblich zufällige Interview mit ihr wirkte jedoch gestellt. Für das Gespräch mit Bach soll Peng Shuai in die Olympiablase kommen. „Wenn alle Prozeduren dafür abgeschlossen sind, werden wir uns treffen“, sagte Bach. Weil das IOC nach Video-Schalten mit Peng Shuai nie konkret ihre Vorwürfe benannte und auf eine „stille Diplomatie“ setzte, war der Dachverband attackiert worden. Man müsse die Wünsche der 36-Jährigen respektieren, entgegnete Bach. Peng Shuai sage, sie könne sich frei bewegen. „Jetzt gehen wir den nächsten Schritt in einem persönlichen Treffen, um uns von ihrem Wohlergehen und ihrem psychischen Zustand zu überzeugen“, so Bach.

Nach einer Stunde beendete sein Sprecher die erste Pressekonferenz mit dem IOC-Boss bei den Winterspielen – und entschuldigte sich vielmals dafür, dass noch viele Fragen offen geblieben seien.

„Die Welt richtet in den nächsten zwei Wochen ihre Augen auf China und China ist bereit!“