Toni Innauer

Kommentar

Toni Innauer

Land der Gegensätze

Sport / 03.02.2022 • 18:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Zwei Wochen lang darf ich für das ZDF aus Zhangjiakou von den olympischen Skisprungwettkämpfen berichten. Keine Lustreise, mehr ein Trip in eine sterile Welt mit doppeltem digitalem Boden, bei sieben Stunden Zeitunterschied und minus 20 Grad.

Ich fühle mich, mit drei Handys bestückt, wie vor einer e-Sport-WM! Die Sorge, inmitten aller Daten, Termine, Tests, Passwörter, Zugangsdaten und Verhaltensempfehlungen etwas zu übersehen, oder gar positiv zu sein, wächst mit jedem Schrieb und Tag. Selbst meinesgleichen Reiseprofis spüren Unsicherheit und Anspannung. Es wuchern Mutmaßungen, verunsichernde Erzählungen, Ängste und „Räuberpistolen“ zu dem, was uns im Reich der Mitte erwarten könnte.

Kai Strittmatters „Gebrauchsanweisung für China“ ist mein persönlicher Rettungsanker im virtuellen Luan (Chaos), sowas wie Chi (Glück) oder Ersatzdroge in analog gebundener Form. Das geistreiche Buch verwandelt Voreingenommenheit in Neugier, lässt den Leser eintauchen in all das, was wir im olympischen Kosmos sicher nicht erleben werden. Ein Lustmacher und Augenöffner von besonderer Qualität und Klasse (Su zhi auf chinesisch). Eine opulente Fülle an originellen Kapiteln und Geschichten zeigt, dass jedes extreme Vorurteil über China zutrifft, das genaue Gegenteil davon aber jederzeit auch bewiesen werden kann.

Vieles ist einzigartig in dem Riesenland, manches auch ja, gefälscht oder abgekupfert: Von den Titeln auf den so beliebten Ming pian, den Visitenkarten bis zur Kopie der Hallstätter Altstadt in Guangdong.

Sogar die futuristische olympische Sprunganlage gibt es im Doppelpack. Ein detailgetreuer Klon steht in der Nähe von Peking, neben der Anlage ein Windkanal von beeindruckenden Ausmaßen. Wird China das Skispringen also demnächst dominieren wie das Wasserspringen? Bedroht Huang huo, die gelbe Gefahr, die europäisch-japanische Lufthoheit?

Skispringen hat sich zur gläsernen, leichter erlernbaren Sportart entwickelt, die Schanzen sind durchgenormt und trainiert wird nachvollziehbar systematisch. Vorsicht, China mit seinem Talente-Reservoire könnte in relativ kurzer Zeit schon zur Wachablöse blasen!

Mit den Rieseninvestitionen ist zumindest Shi (ein Anfang) gemacht. Die Chinesen haben einen Skisprung-Startrainer nach dem anderen geheuert, um ihn dann, wie Mika Kojonkoski in der Olympiasaison, verwunderlicherweise wieder zu feuern.

„Wenn du es eilig hast, dann mache einen Umweg,“ riet Konfuzius. „China verwirrt, darauf sollte man sich gefasst machen!“, meint Strittmatter.

Vor den Spielen kümmern Themen wie Skispringen oder Menschenrechte den Durchschnitts-chinesen jedenfalls genauso wenig wie jenes sprichwörtliche Paar Ski, das am Bödele umfallen könnte.

„Skispringen hat sich zur gläsernen, leichter erlernbaren Sportart entwickelt, die Schanzen sind durchgenormt.“

Toni Innauer

sport@vn.at

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.