Die NFL und ihre Entertainment-Tempel

Sport / 06.02.2022 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Helme der Finalteams Los Angeles Rams (links) und Cincinnati Bengals sowie die Vince Lombardi Trophäe vor dem Stadion.apa
Die Helme der Finalteams Los Angeles Rams (links) und Cincinnati Bengals sowie die Vince Lombardi Trophäe vor dem Stadion.apa

Zum Start der Super-Bowl-Woche ein Ausflug in eine absurde Welt der National Football League.

Los Angeles In sechs Tagen (Sonntag, 13. Februar, 22.45 Uhr MEZ) werden gut 100.000 Menschen das neueste Stadion der National Football League (NFL) bevölkern und im „SoFi Stadium“ von Los Angeles Zeugen des 56. Endspiels der wichtigsten und größten American Football-Liga der Welt. Viele 100 Millionen werden es ihnen rund um den Globus an den TV-Bildschirmen gleichtun, wenn die Los Angeles Rams und Cincinnati Bengals aufeinandertreffen.

Willkommen zur „Super Bowl Week“, jener Woche im Jahr, in der die Dauerbeschallung der NFL in den USA immer neue Spitzen erreicht und die auch hierzulande genutzt wird, um selbst sporadische Sportfans wissen zu lassen, dass das „weltweit größte eintägige Sportereignis“ unmittelbar bevorsteht. Ich darf, beginnend mit heute bereits zum vierten Mal die Tage vor dem Endspiel nutzen, um in den VN über die Liga im Spannungsfeld aus Sport, Wirtschaft, Kultur und Politik zu schreiben und dabei hoffentlich spannende Aspekte für Sie aufbereiten.

Milliardenschwere Besitzer

Ein Aspekt, der sofort ins Auge sticht, wenn man sich mit den 32 Teams vulgo „Franchises“ und den dahinterstehenden, milliardenschweren Besitzerinnen und Besitzern beschäftigt, sind die Stadien, in denen die Mannschaften ihre maximal zwölf Meisterschaftsheimspiele pro Saison bestreiten. Sowohl was die Halbwertszeit betrifft, als auch die schier unfassbaren Beträge, die zur Errichtung dieser Entertainment-Paläste offenbar vonnöten geworden sind.

Erst Atlanta . . .

Vor drei Jahren durfte ich im Rahmen von Super Bowl 53 in Atlanta für das Streaming-Portal DAZN die Woche vor dem Event begleiten. Damals war der Finalort das brandneue „Mercedes-Benz Stadium“, welches 2017 für 1,4 Milliarden Euro neben dem nicht einmal 25 Jahre alten und mittlerweile abgerissenen „Georgia Dome“ aus dem Boden gestampft worden war. „Geradezu absurde Dimensionen“, war einer meiner ersten Gedanken, als ich diese Zahlen zu fassen versuchte. Bis zur Stadiontour. Im Inneren des Giganten aus Stahl und Beton offenbart sich einem dann doch, was an High-Tech, Luxus und sonstigen Spielereien verbaut werden kann. Edle VIP-Logen, groß wie Handballfelder, Kabinen für über 70 Athleten mit modernsten, medizinischen Geräten zur Sofort-Diagnose; Stadiontechnik, die europäischen Infrastrukturen gefühlt mehrere Jahrzehnte voraus ist, bis hin zu einer 18 x 33,5 Meter großen ringförmigen Vidi-Wall unter dem Stadiondach. Gigantomanie, die an jeder Ecke spür- und sichtbar ist. Und eben kostet.

. . . jetzt Los Angeles

Das „SoFi Stadium“ reiht sich hier nahtlos ein. Nachdem sportlicher Erfolg nicht jedem Team vergönnt ist, soll zumindest das Stadion ein Sinnbild für die Finanzpotenz einer Franchise sein. Wohl auch deswegen wollte Los Angeles Rams-Besitzer Stan Kroenke (Privatvermögen knapp neun Milliarden Dollar) ein Zeichen setzen. Unter seiner Ägide ist mit kolportierten bis zu 5,25 Milliarden Euro das offiziell teuerste Stadion der Welt entstanden.

Immerhin ausschließlich privat finanziert. Denn was es bedeutet, wenn NFL-Heimstätten mit Stadt- oder Staatsgeldern subventioniert werden, wissen die Bewohnerinnen und Bewohner von St. Louis nur zu gut. Dort wurde 1995 ein nagelneues, unter anderem mit Steuergeld finanziertes Stadion für eine NFL-Mannschaft eröffnet. Nur zwei Jahrzehnte später wanderte das Team aber bereits wieder ab. St. Louis blieb somit auf über 125 Millionen Dollar an offenen Krediten und Instandhaltungskosten sitzen und verlor überdies Abermillionen durch ausbleibende Umwegrentabilität.

Erst Jahre später kam es zu einem Vergleich mit der NFL. Doch auch mit diesem Vergleich bleibt dort der Hass auf jenen Milliardär, der 2016 St. Louis‘ NFL-Team in einen lukrativeren Markt verfrachtet hat, bestehen. Der Milliardär? Stan Kroenke. Sein Ziel? Los Angeles.