Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Krimi total

Sport / 07.02.2022 • 21:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Selten hatte ich bei einer Olympiaabfahrt solch eine Spannung erlebt wie gestern.

Nach dem abgebrochenen Training und der verschobenen Abfahrt lagen die Nerven bei allen blank. Man hatte den Eindruck, Aleksander Aamodt Kilde hätte ob seiner Überlegenheit im Training schon gewonnen. Dieser Druck war für ihn aber zu groß.

Faire Verhältnisse

Am Renntag mit perfektem Wetter herrschten auf der Olympia-Abfahrt faire Verhältnisse für alle. Bei der Nummer eins, Vince Kriechmayr, spürte man schon beim Start das Adrenalin brodeln, und er erwischte die erste Passage wie aus dem Bilderbuch. Danach vereitelten einige kleine Fehler eine Medaille.

Aber was dann kam, konnte niemand voraussehen. Das zweite Tor, nach wenigen Sekunden Fahrt, stellte sich als Schlüsselstelle des gesamten Rennens heraus. Die hängende und ruppige Rechtskurve mit einer trügerischen Bodenwelle erwies sich als absolutes Kriterium. Die nachfolgenden Läufer hatten damit die größten Schwierigkeiten, der Skistock von Daniel Hemetsberger landete im Gesicht, er schwang im Ziel blutüberströmt ab.

Dann kam Matthias Mayer, der bei solchen Anlässen immer reüssieren konnte. Doch bei der oberen Schlüsselstelle versagte er völlig. Dort war er der langsamste. Eine Katastrophe, das Rennen schien für ihn gelaufen. Für Mayer begann es erst hier. Er fuhr die Tore aggressiv an, wesentlich enger als alle vor ihm, war viel tiefer und länger in der Hockeposition und holte bis zur dritten Zwischenzeit den gesamten Rückstand auf. Mayer wurde immer schneller und man spürte die Anspannung in jedem einzelnen seiner Muskeln – den Willen zum Sieg!

Die letzte Linkskurve ins Zielflachstück erwischte er optimal, und mit der höchsten Geschwindigkeit pulverisierte er die Bestzeit. Unglaublich!

Bronze glänzt wie Gold

Dass ihn später Beat Feuz und Johan Clarey knapp überflügeln sollten, bricht Mayer keinen Zacken aus der Krone. Das Glück, das er vor acht Jahren in Sotschi hatte, als er mit sieben Hundertstel Vorsprung Gold gewinnen konnte, blieb ihm diesmal versagt. Seine Bronzemedaille glänzt trotzdem wie Gold, denn Mayer gewann sicherlich den Preis für den größten Kämpfer an diesem Tag.

„Die Bronzemedaille glänzt wie Gold. Denn Matthias Mayer gewann den Preis für den größten Kämpfer.“

Marc Girardelli

sport@vn.at

Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.