„Made in Austria“ als NFL-Gütesiegel

Sport / 09.02.2022 • 22:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Clinch: Giants Running Back Sandro Platzgummer.ap
Im Clinch: Giants Running Back Sandro Platzgummer.ap

Die Österreicher in der National Football League.

Los Angeles Rot-weiß-rot und nordamerikanische Majors, wie die wichtigsten vier Profiligen im Baseball, American Football, Eishockey und Basketball in ihrer Gesamtheit gemeinhin bezeichnet werden, ist für sich genommen eine recht kurze Geschichte. Im Eishockey haben Austro-Cracks sicherlich den – über die letzten zwei Jahrzehnte betrachtet – nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Immerhin war es dem Rankweiler Marco Rossi gerade erst vor gut einem Monat vergönnt, als achter Österreicher in diesem Jahrtausend die Premiere in der National Hockey League (NHL) zu feiern.

In der Major League Baseball (MLB) gab es mit Joe Hovlik, Franz „Dutch“ Ulrich und Kurt Krieger auch drei auf österreichischem Boden Geborene, was aber bereits das Österreichischste an deren Vita war. Alle drei Karrieren fanden vor 1952 ihren Anfang und das jeweilige Ende. Im Basketball ist Jakob Pöltl der Austro-Pionier, aber im American Football? Da gibt es eine österreichische Vergangenheit, Gegenwart und unmittelbare Zukunft.

Die Vergangenheit

Dass Europäer kicken können hat sich in den Vereinigten Staaten längst herumgesprochen, dass gegen einen runden Ball treten doch substantiell anders ist als gegen ein Ellipsoid mit spitzen Enden, wohl noch nicht ganz. Weil die Dallas Cowboys, wie viele andere Mannschaften in den 1970ern, Probleme hatten, lokales Kicking-Talent zu finden, wurde kurzerhand in Europa nach fähigem Spielermaterial gefahndet. Fündig wurde man in Wien. Der Auserkorene war mit Anton „Wembley-Toni“ Fritsch ein damals 26-jähriger Ex-ÖFB-Internationaler und dreifacher Meister mit Rapid. Bereits ein Jahr nach Fritsch folgte auch Toni Linhart (ebenfalls Ex-ÖFB-Teamspieler) dem NFL-Ruf. Raimund „Ray“ Wersching, als Letztem im Ösi-Kicker-Trio, war es sogar vergönnt, mit San Francisco 1982 und 1984 zwei Super-Bowl-Siege einzufahren.

Die Gegenwart

Es sollte weit über 30 Jahren dauern, bis ein Österreicher wieder NFL-Rasen unter seinen Füßen spüren durfte. Dem Tiroler Running Back Sandro Platzgummer gelang es 2020, sich einen Kader-Platz bei den New York Giants zu erkämpfen, dem „International Player Pathway Program“ (IPPP) der NFL sei Dank. Das 2016 ins Leben gerufene Programm dient der NFL dazu, talentierte Spieler aus internationalen Ligen für längere Sichtungen nach Nordamerika zu holen und bei Gefallen einer der 32 Franchises zuzuteilen. Platzgummers Platz bei den Giants zählt dabei nicht gegen das 53-Mann-Kaderlimit, dem sich jedes NFL-Team verordnet. Ein „regular season“-Einsatz für den gebürtigen Innsbrucker wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Traum bleiben, denn dafür ist der Unterschied in puncto Physis und Spielverständnis zu groß. Aber allein die Chance, zwei Jahre mit NFL-Profis zu trainieren, ist eine noch vor wenigen Jahren nur schwer für möglich gehaltene Entwicklung. Nur um zu beweisen, dass es der Standort Österreich erfolgreich aufs Radar der NFL geschafft hat, verfügt der Wiener Bernhard Seikovits seit dieser Saison ebenfalls über einen IPPP-Platz, wo er als „Tight End“ bei den Arizona Cardinals mittrainiert. Diese riesigen Erfolge aus heimischer Sicht sind kein Zufall, denn die Professionalisierung im lokalen American-Football-Sport nimmt seit Jahren zu.

Die Zukunft

Ein Name, den sie sich merken sollten, lautet Bernhard Raimann. Der 24-Jährige aus Steinbrunn im Burgenland wird im April österreichische Sportgeschichte schreiben. Noch nie war es einem Austro-Athleten vergönnt, im Auswahlverfahren namens „NFL Draft“, wo sich die 32 Profi-Teams alljährlich mit den besten College-Absolventen verstärken, gewählt zu werden. Raimann hat erst mit 14 angefangen in Wien Football zu spielen, das enorme Talent wurde an der Central Michigan University mit viel Feinschliff versehen. Nun gilt Raimann als einer der besten Offensive Linemen seines Jahrgangs und könnte bereits in der ersten Draft-Runde von einer der 32 Franchises gezogen werden. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die die letzten Jahre nur eine Richtung kennt: Made in Austria – über den großen Teich – in die NFL.