„Alles hat seine Zeit!“

Sport / 10.02.2022 • 22:26 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Gold-Triumph wie seinerzeit Vater Hubert: Olympia-Jubel bei Johannes Strolz.
Gold-Triumph wie seinerzeit Vater Hubert: Olympia-Jubel bei Johannes Strolz.

Johannnes Strolz gewann als erster kaderloser Skifahrer für Österreich Olympisches Gold.

Yanqing Es ist ein filmreifes Skimärchen, das Johannes Strolz bei den Winterspielen in Peking schrieb. Der 29-Jährige aus Warth gewann als erster kaderloser Skirennläufer für Österreich eine Olympische Goldmedaille. In der alpinen Kombination trat er in die Fußstapfen von Vater Hubert, der 34 Jahre zuvor in Calgary ebenfalls Olympiasieger in dieser Disziplin geworden war. Erstmals in der Geschichte des olympischen Skirennsports gewannen Vater und Sohn die gleiche Goldmedaille.

Gutes Gefühl

„Es isch a guate Fahrt gsi“, kommentierte Johannes noch etwas zurückhaltend, als er nach dem Slalom im Ziel abgeschwungen hatte. Auf der Abfahrt vorher hatte Aleksander Aamodt Kilde die schnellste Zeit vorgelegt, Strolz verlor als Vierter aber nur 0,75 Sekunden. „Das Material war perfekt, speziell die Abfahrtsski absolute Raketen. Ich habe die Ski von Matthias Mayer bekommen, auch die Slalomski waren gut. Ich hatte ein perfektes Gefühl.“ In 47,56 Sekunden erreichte er das Torlaufziel, lag damit vor Kilde und James Crawford. Danach konnten weder Justin Murisier (4.), Marco Schwarz (5.) oder Raphael Haaser (7.) für den Bregenzerwälder zum Partycrasher werden.

Viele Gedanken

Vieles sei ihm bei der Siegerehrung durch den Kopf gegangen, sagte der frischgebackene Olympiasieger später. „All die Stunden, die ich trainiert und aufgeopfert habe. Und komischerweise habe ich an eine Konditionseinheit gedacht, bei der ich zu Hause bei Wind und Wetter auf einem Waldweg hart trainiert habe. Natürlich waren auch die Bilder vom Papa von früher und seiner Goldmedaille präsent. Es ist ziemlich viel zusammengekommen.“

Mit Vater Hubert, seiner Freundin und Cousin Martin Bischof habe er nach der Siegerehrung als Erstes telefoniert. „Papa ist ein Mensch, der es immer schafft, vorwärts zu schauen.“ Sein Vater landete 1988 in Calgary den Olympiasieg, Druck habe er deswegen nie verspürt. „Als Kind braucht man einen Vater und keinen Olympiasieger. Und das war er immer für mich.“ Ruhe und Beharrlichkeit zeichnet diese Strolz-Generation aus: „Er hat stets große Geduld aufgebracht, ob bei der Arbeit oder beim Sport. Es gab nie einen Anpfiff. Hat etwas nicht funktioniert, meinte er nur: Da haben wir wieder etwas dazugelernt. Hart arbeiten, wenn es nicht läuft, fleißig sein, das haben mir meine Eltern vorgelebt. Mama Birgit und Papa sind meine Vorbilder. Von beiden gab es jegliche Unterstützung für mich und meine Schwester.“

Vom Vater habe er gelernt, sich im Sport durchzubeissen, beschreibt er diese Eigenschaft anhand einer Anekdote. „Der Papa war lange Jahre Skischulleiter in Warth. Einmal habe ich ihm bei einem Skischulrennen im Ziel bei der Zeitmessung geholfen. Es war eisig kalt, unter uns ein Gasthaus, ich wollte etwas Warmes holen. Da hat er mir ruhig erklärt: ,Mir ist auch kalt. Aber jetzt machen wir zuerst das Rennen fertig.‘ Daraus habe ich gelernt: Nur weil es einmal ungemütlich ist, geht man nicht gleich in die Komfortzone.“

Verständnis für den Verband

Mit dem aktuellen Triumph in Peking wurden auch Gedanken an die vergangene Saison geweckt, als die Ski-Karriere auf der Kippe gestanden war. Weil der Österreichische Skiverband Johannes wegen mäßiger Leistungen als nicht mehr kaderwürdig befand, stand auch der Gedanke im Raum, dem Skisport den Rücken zu kehren, um als ausgebildeter Polizist mit Dienststelle Dornbirn den beruflich gesicherten Weg einzuschlagen. „Aber in meinem Inneren habe ich gespürt: Das war noch nicht alles, ich kann mehr.“ Für das Verhalten des Skiverbandes bringt Strolz durchaus Verständnis auf: „Ich wollte im Slalom unter die Top 30, das hat nicht funktioniert. Der ÖSV hat mich nicht abgeschoben, er hat nachvollziehbare Kriterien für meine Rückkehr aufgestellt. In Österreich werden Kaderplätze nicht verschenkt, die muss man sich verdienen. Ich hatte jahrelang die Unterstützung vom Verband, erlernte dort meine skifahrerischen Grundlagen.“ Der Status als Kaderloser, der seinen Ski täglich selbst präpariert, habe ihn auch bestärkt, Vertrauen in die eigenen Entscheidungen zu entwickeln. Nach drei Monaten im Polizeidienst, inklusive täglicher Trainingseinheiten, schloss sich Strolz dem Team von Marc Digruber an, der sich in einer ähnlichen Situation befand. Unter der Aufsicht von dessen Bruder Erik machte sich Strolz u.a. in der Skihalle in Oslo, später auch mit dem deutschen Skiteam, für die Saison fit.

Ein Leitspruch

Im letzten Moment sprang er auf den Olympiazug nach Peking auf, die Fahrkarte löste er mit einem Sieg im Weltcupslalom von Adelboden. Der Umstieg auf die Abfahrtsski für die Kombination musste dem Stams-Schüler von seinen Trainern erst schmackhaft gemacht werden. Mit der Erinnerung an einen siebten Abfahrtsplatz bei der Junioren-WM 2013 und den vom Papa geerbten Genen fand er sich auf den schnellen Latten aber im Nu zurecht. Eigene Abfahrtsski besitzt Strolz nicht mehr. Aber jene von Matthias Mayer, gepflegt von Head-Servicemann Ingo Fink, taten ihre Dienste. Und damit bekommt die Strolz-Saga eine zusätzliche Facette. Helmut Mayer, Vater von Matthias, kostete seinem Vater Hubert in Calgary ein drittes Edelmetall neben Kombi-Gold und Silber im Riesentorlauf: Mayer Senior fuhr im ersten Super-G der Olympia-Geschichte zu Silber, Hubert landete auf Rang vier. „Ob du Vierter wirst oder gar nicht mitfährst, ist eigentlich dasselbe“, war Strolz damals vom Resultat wenig erbaut.

Dem Junior gefallen gemäßigte Ansagen von Papa Hubert besser: Alles hat seine Zeit, sei ein Leitsatz von seinem Vater, erzählt Johannes. „Dieser Wahlspruch ist in meinem Kopf geblieben, den nehme ich mir zu Herzen.“ VN-KO

„Nur weil es einmal ungemütlich ist, geht man nicht gleich in die Komfortzone.“

Alles riskiert, alles gewonnen: Strolz warf sich mutig über die Abfahrt.
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Die Erfüllung eines Traums: Johannes Strolz feiert seine Goldmedaille. AP, GEPA, Reuters
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Geduldig stellte sich Johannes Strolz in Peking den Fragen der Journalisten.ösv
Geduldig stellte sich Johannes Strolz in Peking den Fragen der Journalisten.ösv

Zur Person

Johannes Strolz

gewann bei den Winterspielen in Peking Olympisches Gold in der alpinen Kombination

Geboren 12. September 1992 in Bludenz

Wohnort Warth

Größe/Gewicht 1,86 m/90 kg

Verein SC Warth

Hobbys Klettern, Fußball, Radfahren

Größte Erfolge

Olympia: Gold Kombination 2022 Peking

Weltcup: Sieg Slalom Adelboden 2022