Es wird Ringe regnen

Sport / 11.02.2022 • 21:32 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Der Super Bowl 56 als Duell der Philosophien.

Los Angeles Wie in jeder Super-Bowl-Woche, die sich dem Ende zuneigt, ist auch dieses Mal alles gesagt, alles besprochen, alles analysiert. Die Cincinnati Bengals und die Los Angeles Rams sind nach 14 Tagen Dauerpräsenz in den amerikanischen Medien zwei weitestgehend offene Bücher. Nun gilt es in der Nacht auf Montag herauszufinden, wer sich zum 56. Mal in der Geschichte der National Football League (NFL) die Krone aufsetzen wird. Nur eines ist sicher: Super Bowl 56 bringt das Duell zweier Mannschaften mit völlig konträren Arten der Team-„Konstruktion“.

Die Rams

Los Angeles wird den NFL-Beobachtern wohl noch viele Jahre Rätsel aufgeben. Denn die Rams gehen mit First-Round-Picks im NFL Draft um, wie so manch einer mit der Kreditkartenabrechnung. Hemmungslos Geld (bzw. Picks) ausgeben, im Wissen, dass die Rechnung zwar irgendwann kommen wird, aber das ist dann eben ein Problem des Zukunfts-Ichs. Aufgrund von Trades bzw. Transfers wird Los Angeles erst 2024 wieder einen First-Round-Pick im NFL Draft sein Eigen nennen können. Die Verstärkungen haben es allerdings in sich und sind der Grund, warum LA nur noch einen Sieg vom ultimativen Ziel entfernt ist. Mit Jared Goff wurde der ehemalige Hoffnungsträger der Rams für Detroits Quarterback Matthew Stafford getauscht. Rams-Trainer Sean McVay sah in Goff einen soliden Spielmacher, der in entscheidenden Momenten aber oft die Nerven (und den Ball) wegwarf. Staffords Potenzial war immer unbestritten, aber in Detroit gab es nie ein kompetitives Team um ihn herum. Mit McVays Wunsch-Quarterback ging es heuer gleich in Richtung Endspiel, anders als noch vor drei Jahren unter Goff erhofft man sich dieses Mal einen Sieg im Finale. Mit Wide Receiver Cooper Kupp verfügt Stafford wohl über den vielseitigsten Ballfänger der NFL, in der Defense werken mit Aaron Donald und Von Miller (Ex-Super-Bowl-MVP für Denver 2015) gleich zwei Quarterbackjäger allererster Güte.

Die Bengals

NFL-Teams sind im Regelfall einem Zyklus unterworfen. Verfügt man über einen der acht bis zehn Quarterbacks, die jährlich eine realistische Chance auf einen Super-Bowl-Sieg offerieren, ist man als „Franchise“ bemüht, das sogenannte „Titel-Fenster“ mit Verstärkungen auf anderen Positionen zu maximieren. Endet die Karriere solch eines „Franchise Quarterback“ oder entscheidet man sich aus anderen Gründen für einen Wechsel, so folgt meist ein sogenannter „Rebuild“. Der Reset-Knopf also, der ein Team von Grund auf neu ausrichten soll. Die Bengals haben genau diesen Knopf vor zwei Jahren betätigt. Mit der horrenden Bilanz von lediglich zwei Siegen in sechzehn Spielen 2019 bekam „Cincy“ den ersten Pick im 2020er NFL Draft zugesprochen. Dort entschied man sich für Joe Burrow, ein Quarterback, der erst zwei Jahre zuvor das College wechseln musste, weil er bei Ohio State keine Chance auf einen Stammplatz eingeräumt bekam, nur um – nach erfolgtem Wechsel – in seiner letzten College-Saison für die Louisiana State University (LSU) eine Fabelsaison hinzulegen. Dass er alle Anlagen für das moderne Quarterback-Spiel in der NFL mitbringt, konnte Burrow bereits in seiner NFL-Premieren-Saison zeigen, allerdings endete diese nach elf Wochen abrupt mit einem Kreuzbandriss. Weil die Bengals so erneut mit schlechter Bilanz aus der Saison gingen, durfte im Draft abermals hoch zugegriffen werden. Im April 2021 wurde sodann Burrows LSU-Teamkollege Ja’Marr Chase gedraftet. Ein Wide Receiver, der die Wörter „big play“ wie wenig andere verkörpert und der mit Burrow von Tag eins weg auch in der NFL perfekt harmonierte. Mit weiteren klugen Draft-Entscheidungen und unspektakulären, aber grundsoliden Verstärkungen am Transfermarkt hat Cincinnati den „Rebuild“ schneller abgeschlossen als das selbst kühnste Prognosen vorhersehen konnten.

Der Tipp

Der Ausgang eines Football-Spiels kann öfter einmal durch die Beantwortung zweier zentraler Fragen abgeschätzt werden. Wer kann seinen Quarterback besser schützen und ihm damit mehr Zeit geben, seine Pässe anzubringen (Für mich die Rams)? Wer begeht in entscheidenden Momenten weniger Fehler (Für mich die Bengals)? Beim aktuellen Matchup steht es also 1:1, das Zünglein an der Waage ist wie so oft der Quarterback. Niemand hätte Burrow und den Bengals zugetraut, dass sie im Endspiel stehen. Und genau das macht sie für mich gefährlich. So oder so wird es mit dem nächsten Champion auch Super-Bowl-Ringe regnen. Von den insgesamt je 53 Spielern auf beiden Seiten haben lediglich zwei bereits einen Super-Bowl-Titel und den damit einhergehenden „championship ring“ am Finger.

Ich darf Super Bowl 56 für das Streaming-Portal DAZN kommentieren, PULS 4 und Pro Sieben übertragen ebenfalls.

Martin Pfanner ist selbstständiger Journalist,
TV-Kommentator und
Sendungsproduzent. Er arbeitet u.a. für PULS 24 und das Streaming-Portal DAZN. American Football und Eishockey sind seine großen Passionen.