„Verspüre keine Leere, vielmehr noch mehr Motivation“

Sport / 13.02.2022 • 21:27 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Goldmedaille ist in diesen Tagen ständiger Wegbegleiter.Niklas Stadler
Die Goldmedaille ist in diesen Tagen ständiger Wegbegleiter.Niklas Stadler

Olympiasieg verändert vieles, aber nicht den Menschen Hämmerle.

Peking Gemeinsam haben sie den 10. Februar 2022 für Vorarlberg vergoldet, doch es wird noch ein wenig dauern, bis die beiden Olympiasieger Alessandro „Izzi“ Hämmerle und Johannes Strolz gemeinsam feiern dürfen. Denn der SBX-Gewinner („Wir haben uns noch nicht gesehen, er wohnt in einem anderen Olympiadorf“) besteigt am Dienstag den Flieger Richtung Heimat und wird sich den Slalom-Auftritt seines Kumpels aus Warth in den Morgenstunden vom Mittwoch im Fernsehen ansehen. Sportlich endeten für Hämmerle seine dritten Winterspiele mit Platz 13 im Mixed-Teambewerb, zusammen mit der Niederösterreicherin Pia Zerkhold (23). Seine Reaktion danach („Es tut mir schon sehr weh, muss ich sagen. Ich bin so ein ehrgeiziger Trottel, das gibt‘s nicht“) beschreibt bestens den empathischen Menschen und den ambitionierten Sportler. Fast entschuldigend meinte er nach dem Rennen in Richtung Zerkhold, die Stelle betreffend, an der sie zu kurz war. „Ich habe ihr geraten, sie soll ein bissl mehr absorbieren. Dann fahre ich heute im Heat und merke: Es ist echt viel Schnee drinnen, es ist viel langsamer als im Training. Der Fehler geht also genauso auf meine Kappe.“ Im VN-Interview verriet er zudem, dass ihm die Freundschaft zum Spanier Eguibar den Weg zu einer Vermarktungsagentur – blizz communications – ebnen könnte.

Einfach gefragt: Wie war der Morgen danach?

Hämmerle Ich habe kaum geschlafen, habe in der Nacht noch einmal alles verarbeitet. Am Morgen lag die Goldmedaille noch immer am Nachtkästchen und ich dachte mir: Sie ist noch da, es ist wahr! Es ist jedoch noch immer schwer, es richtig zu begreifen. Ich fühle noch immer die Emotionen in mir.

Wie muss man sich diese Emotionen vorstellen? Etwa so, dass Sie den Finallauf in der Nacht noch einmal gefahren sind?

Hämmerle Das ist in der Tat so. Ich bin ein Mensch, der sehr analytisch denkt. Ich wusste, dass eine Attacke (Anm. d. Red.: gegen Éliot Grondin) hinten raus schwierig werden kann und ich die Chance im Mittelteil der Strecke nutzen musste. Rückblickend bin ich froh, diese Möglichkeit am Schopf gepackt zu haben.

Ist in Ihnen das Bewusstsein, Großes geschafft zu haben, schon präsent?

Hämmerle Ich glaube, sie hätten mich in Vorarlberg auch ohne Medaille wieder einreisen lassen (lacht). Ich meine damit, drei Gesamtweltcupsiege sind auch nicht ohne. Da sollte man schon die Kirche im Dorf lassen. Aber ich habe gemerkt, dass ein Olympiasieg etwas anderes ist. Eine Goldmedaille zu holen am Tag X bei Winterspielen, die nur alle vier Jahre stattfinden, ist speziell. Da braucht es auch Glück. Ich bin dankbar, dass ich die Chance hatte, fit an den Start zu gehen und Vollgas geben zu können.

Sie haben im Moment des Triumphs vielen Menschen für die Unterstützung gedankt.

Hämmerle Der Sieg hat viele Namen und ist eine Belohnung für alle im Team, abseits und auf dem Schnee.

Als Snowboarder stehen Sie in Österreich im Schatten der Skisportler. Macht das sogar das Leben leichter?

Hämmerle Ich denke schon. Skifahrer werden medial mehr bombardiert und müssen sich oftmals schützen. Das wirkt vielleicht nicht immer nett, ist jedoch wichtig, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Ein Olympiasieg kann jedoch das Leben eines Snowboarders verändern. Brauchen Sie jetzt einen Manager?

Hämmerle Zufällig habe ich mich schon im Oktober mit Vertretern einer Agentur in München unterhalten. Der Kontakt kam dank meines Kumpels Lucas Eguibar (Anm. d. Red.: SBX-Weltmeister 2021 aus Spanien) zustande. Lucas ist ein Freund von Ex-Bayern-Spieler Javi Martínez und der wird von „blizz communications“ vermarktet. Ich hoffe, die Zusammenarbeit klappt.

Sie und Ihre Brüder haben früher ja selbst für den SV Gaschurn Fußball gespielt. Was glauben Sie: Schafft Altach den Klassenerhalt und die Austria den Aufstieg?

Hämmerle Ehrlich gesagt, schaue ich mehr deutsche Bundesliga oder Champions League. Doch ich drücke beiden Klubs die Daumen.

Zurück zum Snowboardcross. Erinnern Sie sich an Ihr erstes Weltcuprennen?

Hämmerle Sicher, es war in Lech (Anm. d. Red.: 201o). Das Team wohnte in einem Viersternehotel in Lech und ich dachte nur: Wenn das der Weltcup ist, will ich auch dahin.

Teamleader war damals ein gewisser Markus Schairer.

Hämmerle Ein besonderer Mensch und Freund. Er hat großen Anteil an meinen Erfolgen. Vom Training mit ihm habe ich sehr profitiert. Wenn ich heute meine Läufe analysiere, dann ähnelt meine Technik sehr jener von Mäki.

Welche Ziele gibt es noch für einen Olympiasieger?

Hämmerle Viele! Ich verpüre keine Leere, wenn Sie das meinen. Pierre Vaultier und seine Rekorde (Anm. d. Red.: sechster SBX-Gesamtweltcupsieger, 22 Weltcuperfolge) sind Antrieb genug. Mein Vorteil ist, dass ich gute oder schlechte Erfahrungen schnell abhake.

Ihre Mutter ist gebürtige Italienerin, Ihr Vater Lustenauer und Sie sind in der Schweiz geboren. Und Sie fühlen sich als . . .

Hämmerle . . . Montafoner. Italienisch verstehe ich ein bisschen und mit dem Lustenauer Dialekt tue ich mir leichter als mit dem Schweizer.

Ein Letztes noch: Ihr Bruder Luca baut ein Haus. Darf er mit Ihrer Hilfe rechnen?

Hämmerle (lacht) Der Bau ist nicht mein Ding. Aber Kraft hätte ich genug: Vielleicht kann ich mich da ein wenig nützlich machen.

Im Moment des Triumphes lässt sich Alessandro Hämmerle in den Schnee von China sinken.Niklas Stadler/2, gepa
Im Moment des Triumphes lässt sich Alessandro Hämmerle in den Schnee von China sinken.Niklas Stadler/2, gepa
„Verspüre keine Leere, vielmehr noch mehr Motivation“
„Verspüre keine Leere, vielmehr noch mehr Motivation“

Zur Person

Alessandro Hämmerle

Ist erst der dritte Snowboardcrosser, der sich Olympiasieger nennen darf

Geboren 30. Juli 1993 in Frauenfeld/Schweiz

Familienstand Freundin Julia

Beruf HLSZ-Sportsoldat

Verein SV Gaschurn

Ausbildung Matura im Sportgymnasium Stams, davor im Sportgymnasium Dornbirn

Familie Vater Hanno, Mutter Caterina, zwei Brüder (Michael/31 und Luca/25)

Erfolge

2020/21 Weltcup-Gesamtsieger SBX 2019/20 Weltcup-Gesamtsieger SBX

2018/19 Weltcup-Gesamtsieger SBX

2016/17 Weltcup-Gesamtdritter SBX

SBX-Weltcupsiege (14)

Sotschi 2013, Montafon 2015, Solitude Mountain Resort 2017, Bansko 2017, La Molina 2018, Moskau 2018, Baqueira Beret 2019, Montafon 2019, Veysonnaz 2020, Chiesa in Valmalenco 2021, Reiteralm 2021, Veysonnaz 2021, Secret Garden 2021, Montafon 2021

Olympische Winterspiele

2014, Platz 17 in Sotschi

2018, Platz 7 in Pyeongchang

2022, Olympiasieger (Einzel) in Peking
2022, Platz 13 (Mixed Team) in Peking

WM-Ergebnisse

2013, Platz 6 in Stoneham

2015, Platz 5 in Kreischberg

2017, Platz 11 (Einzel) bzw. 4 (Team) in der Sierra Nevada

2019, Platz 16 in Solitude

2021, Vizeweltmeister in Idre Fjäll

Weiters

Junioren-Weltmeister 2012 in der Sierra Nevada 2012, Junioren-Vizeweltmeister in Erzurum 2013

Europacup-Gesamtsieger 2010/11