Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Reine Nervensache

Sport / 16.02.2022 • 21:02 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Gestern früh um 3 Uhr bin ich ohne Wecker aufgewacht. Und ich wusste weshalb. Die letzten Medaillen in den Einzelbewerben der Herren wurden vergeben und einige Athleten waren sehr hungrig. Am hungrigsten schienen mir die Norweger, die den Lauf geradezu fressen wollten. Einen dicken Strich durch die Rechnung machte ihnen Kombi-Olympiasieger Hannes Strolz. Mit hoher Nummer schaffte er es, sich knapp an die Spitze zu setzen. Von Nervosität spürte man bei seinem Lauf nicht das Geringste. Anders bei unserem Team. Marco Schwarz war völlig von der Rolle und konnte sich nur knapp in den Top-30 qualifizieren und Manuel Feller schied aus. Nur Michael war noch im Bereich auf eine Medaille, wenn er einen Traumlauf erwischen sollte.

Im Entscheidungslauf war noch alles möglich. Acht Leute innerhalb einer halben Sekunde, das versprach den reinsten Krimi.

Einer, mit dem wenige gerechnet hatten, fand seinen Rhythmus wieder und erwischte einen Traumlauf. Clement Noel, der Dominator im Dezember, konnte nur noch mit einer Medaille seine Saison retten. Mit fast einer Sekunde Vorsprung setzte er die Konkurrenz am Start unter gewaltigen Druck. Wer konnte ihm jetzt noch Paroli bieten? Matt leider nicht, er fädelte schon nach drei Toren ein. Sebastian Voss-Solevaag, der Weltmeister, hielt bis zur Zwischenzeit mit, doch dann begann auch bei ihm das Zittern und er verbremste den letzten Hang bis ins Ziel. Genauso erging es Loic Meillard und schlussendlich auch Henrik Kristoffersen. Der versuchte es wieder einmal mit der Brechstange, wie schon so oft in dieser Saison, fiel aber damit noch hinter seinen Landsmann zurück. Wer Noel den Olympiasieg noch streitig machen konnte, war Strolz. Der Überraschungsmann der Saison begann souverän. Aber die Klasse von Noel war in diesem Rennen nicht mehr zu toppen. Johannes Strolz rettete die Silbermedaille ins Ziel. Für einen Mann, der am Anfang der Saison nicht mal im Kader war, war es eine Traumleistung in allen Belangen.

Ich denke, dieses Märchen kann noch weitergehen.

„Für einen Mann, der am Anfang der Saison nicht einmal im Kader war, war es eine Traumleistung in allen Belangen.“

Marc Girardelli

sport@vn.at

Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.