Aus dem „Stolz auf Strolz“ Lehren ziehen

Sport / 21.02.2022 • 22:18 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Toni Giger, Direktor des Skiverbandes, bewertet die Peking-Spiele nicht nur als sehr erfolgreich, sondern auch besonders lehrreich.gepa
Toni Giger, Direktor des Skiverbandes, bewertet die Peking-Spiele nicht nur als sehr erfolgreich, sondern auch besonders lehrreich.gepa

ÖSV-Sportdirektor Toni Giger zieht nach den Olympischen Winterspielen Bilanz.

Wien Nach dem Medaillenspiegel waren die Olympischen Winterspiele in Peking die zweiterfolgreichsten der Geschichte des Österreichischen Skiverbandes. Doch für Sportdirektor Toni Giger zählt nicht nur die Medaillenwertung, sondern das große Ganze. Seine Analyse: „Gerade weil bei den Spielen in Peking so vieles umstritten war, liefern sie auch so viele wertvolle Erkenntnisse, die nicht nur uns im ÖSV, sondern den Sport insgesamt weiterbringen können und werden.“

„Sieben Gold-, fünf Silber-, drei Bronzemedaillen in Peking, erfolgreicher waren wir als ÖSV-Team bisher nur in Turin 2006“, fasst ÖSV-Sportdirektor Toni Giger die Olympischen Winterspiele zusammen, um hinzuzufügen: „Die Medaillenbilanz ist hervorragend, sollte aber bei Weitem nicht unser einziger Erfolgsparameter sein.“

Gold für das Team-Mindset

Unter diesem Blickwinkel, glaubt Giger, könnten sich diese Olympischen Winterspiele in der Nachbetrachtung tatsächlich noch als ganz besonders wertvoll herausstellen: „Auch und gerade deshalb, weil dort vieles so umstritten war.“

„Dass sich so viele unserer Athleteninnen und Athleten in Peking Karriereträume verwirklicht haben, ist auch eine mentale Höchstleistung des gesamten Olympiateams. Pandemie, Politik, Pisten: So problematisch war die Grundstimmung vor Olympischen Winterspielen noch nie. Und deshalb war es auch noch nie so schwierig, fokussiert zu bleiben. Wir haben als Team dieses vordringlichste Ziel erreicht – schwierige Rahmenbedingungen akzeptiert, den Spirit hochgehalten, Freude vermehrt. Gold für das Team-Mindset: Der Erfolg gehört allen.“

Das Paradoxon bei Großereignissen sei, sagt der ÖSV-Sportdirektor nach seinen siebten Spielen als Betreuer, „das Medaillen-Denken auszublenden, sobald es um Medaillen geht“.

Sieg für das Synergiedenken

Es gehe eben um mehr, sagt Giger, der sich in seiner Grundphilosophie, das Sportsystem im ÖSV weiterzuentwickeln, nach Peking bestätigt sieht. „Im Sport lässt sich vieles, aber nicht alles durch harte Zahlen und Fakten abbilden. Das sage ich als Mathematiker! Star dieser Olympischen Winterspiele ist für mich das Synergiedenken, das sich gegen das ausschließliche Konkurrenzdenken durchgesetzt hat.“

Das beginnt schon bei der Zusammenarbeit zwischen ÖOC und ÖSV: „Die Zusammenarbeit muss alle vier Jahre auf Knopfdruck und unter Hochdruck funktionieren – und zwar ohne Trainingslauf, es war großartig und ich möchte allen, die daran Anteil haben, von ganzem Herzen danken.“

Denken in Win-win-Chancen verbindet mittlerweile alle Sparten miteinander: „Dass weitgehend alle mit Top-Material am Start gestanden sind, hat viel mit dem ständigen Austausch zwischen Alpin, Nordisch, Snowboard, Skicross zu tun.“

Strolz-Story ist Gold wert

Er, Giger, habe das früher als Trainer noch anders erlebt. Genau deshalb setzte er als Sportdirektor den Schwerpunkt Teamentwicklung: „Einheitliche Bekleidung alleine macht noch keine Teamkultur. Die entsteht nur, wenn sich statt ´Jeder gegen jeden´ das Prinzip von ´Erfolgreich im Team´ durchsetzt. Das ist die Vorbildwirkung, die Sport haben kann und muss: Konkurrenz im spielerischen Wettbewerb – und partnerschaftliche Kooperation über allem. Das geht gut zusammen. Nie war das wichtiger als in China.“

Sein Beispiel für diese neue Kultur der Allparteilichkeit zwischen Verband, Aktiven und auch Medien ist Johannes Strolz. „Seine geniale Olympia-Story wäre noch vor Jahren anders erzählt worden: Die vom ÖSV, die haben ihn aus allen Kadern geworfen, jetzt hat er es denen allen gezeigt – Olympiasieger.“

Und diesmal? Giger: „Kein Revanchefoul des Olympiasiegers, keine Rechtfertigungen des Verbandes, kein Drama, das die Freude über die geniale Story kaputt macht. Steht in keiner Statistik, ist aber Gold wert.“

Olympia-Märchen und die Folgen

Natürlich sind aus dem „Stolz auf Johannes Strolz“ auch Lehren für die ÖSV-Zukunft abzuleiten, so Giger. „Wir haben beim Hochleistungsalter einen Ziehharmonika-Effekt: Früher hatten Athletinnen und Athleten den Karrierepeak zwischen 19 und 23 Jahren und haben mit 25 aufgehört. Das hat sich, siehe Medaillenspiegel, um fast ein Jahrzehnt nach hinten verschoben. Für dieses Phänomen müssen wir im ÖSV neue systemische Lösungen finden.“

Die richtigen Lehren ziehen

Langfristiger Erfolg, davon ist Toni Giger überzeugt, ist eine Frage des Lernens und guter Fehlerkultur. „Trotz unserer großartigen Bilanz sind auch bei uns Dinge schiefgegangen, die wir analysieren, aus denen wir lernen werden. Alle, die dabei waren, sind in unseren Feedback-Prozess eingebunden.“ Unterm Strich: Gerade aus derart kontroversiell diskutierten Spielen könnten viele richtige Lehren gezogen werden.

„Die Medaillenbilanz ist hervorragend, sollte aber bei Weitem nicht unser einziger Erfolgsparameter sein.“