“Wir waren ein Team aus Zockern”

Sport / 19.05.2022 • 08:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Muhammed „Mo“ Cham stach aus der Meistermannschaft Austria Lustenau noch heraus. <span class="copyright">g</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">p</span><span class="copyright">a</span>
Muhammed „Mo“ Cham stach aus der Meistermannschaft Austria Lustenau noch heraus. gepa

Austria Lustenaus Regisseur Muhammed Cham freut sich nach dem Meistertitel auf ein Duell mit Lionel Messi.

Lustenau Die Meistersaison von Austria Lustenau war neben der von Goalgetter Haris Tabakovic die von Muhammed Cham. Der gebürtige Wiener zelebrierte das Spiel im grün-weißen Dress von der ersten Minute an und war vor allem im Frühjahr die treibende Kraft, wenn es um entscheidende Tore und Siege ging. Die Partie in Horn war für Cham die letzte für die Austria, der Regisseur wird wegen Leistenproblemen fehlen.

Herr Cham, das Wichtigste zuerst: Bleiben Sie in Lustenau?
Nein. Ich habe erst vor kurzem erfahren, dass ich in die Vorbereitung bei Clermont Foot einsteige werde. Dort arbeite ich an einem Platz im Kader für die nächste Saison. Noch diese Woche kommt es zum Einzelgespräch mit Trainer Pascal Gastien. Ich freue mich riesig auf die Aufgabe, habe mir die Chance, in einer der besten Ligen der Welt zu spielen, hart erarbeitet.

Hätten Sie sich diese Entwicklung nach Ihrem ersten Tag in Lustenau erwartet?
Der Anfang war echt hart für mich, weil ich irgendwie das Gefühl eines Rückschlags hatte. Ich war extrem mit mir selbst beschäftigt, war was das Projekt Austria anging, nicht gerade positiv. Als wir dann auch noch ein Testspiel haushoch verloren haben, dachte ich mir schon: Wo bin ich denn da gelandet? Dass wir heute als Meister dastehen, ist umso genialer.

Muhammed "Mo" Cham im VN-Interview.<span class="copyright">v</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">r</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">i</span><span class="copyright">n</span>
Muhammed "Mo" Cham im VN-Interview.verein

Wann kam denn für Sie persönlich die Wende?
Das geschah zum richtigen Zeitpunkt, nämlich kurz vor dem ersten Heimspiel gegen den GAK. Ich habe gespürt, dass in diesem Team richtig viel Qualität steckt. Denn mit jedeM Tag mehr in der Vorbereitung kamen starke Spieler dazu. Deshalb habe ich vor dem GAK-Match zu Tobias Berger gesagt: Wir werden Meister, wirst sehen. Er hat mich angeschaut wie ein Autobus und dann gelacht. Aber ich war überzeugt, das zu schaffen, die Zweifel waren komplett weg.

Was hat Sie so überzeugt?
Weil schnell klar war, dass hier eine Mannschaft von Zockern am Werk ist. Es gab nur ein Credo: Alles oder nichts. Und so haben wir auch im Herbst gespielt. Die Art und Weise wie wir aufgetreten sind, das war schon auch für mich ein Genuss. Weil die Mannschaft mir von der ersten Minute an das Gefühl gab, alles für mich am Feld zu tun, damit ich mich entfalten kann. Dieses Gefühl war unvorstellbar und deshalb verdanke ich dem Team sehr viel.

Die Spieler waren Zocker. Der Trainer auch?
Oh ja, der auch (lacht). Er hat mir ja von der ersten Sekunde unserer Zusammenarbeit alle Freiheiten im Spiel gegeben. Dieses Vertrauen war unheimlich wichtig für mich.

Sie haben den glorreichen Herbst angesprochen. Im Frühjahr lief es nicht mehr so locker von der Hand, haben Sie den Druck gespürt?
Der Druck war es nicht, eher, dass sich die Gegner gut auf uns und mein Spiel eingestellt haben. Als dann auch noch Haris verletzungsbedingt ausfiel, lastete viel Last im Saisonfinish auf mir. Aber die habe ich gern genommen. Dafür habe ich mein Spiel ein wenig umgestellt. Da kam mein Vorbild Lionel Messi ins Spiel. Ich habe mir in den Matches oftmals, so wie er, Auszeiten genommen, nach Räumen für entscheidende Aktionen gesucht. Ich denke, das ist mir ganz gut gelungen (Cham erzielte im Frühjahr acht seiner insgesamt 15 Tore, Anm. d. Red.)

Zurück zum Meistertitel. Haben Sie es schon realisiert, was Sie mit der Austria erreicht haben?
Eigentlich noch immer nicht. Ich glaube das kommt, wenn ich am Sonntag die Schale in der Hand habe.

Das Reichshofstadion wird am Sonntag ein Tollhaus sein. Wie groß war die Rolle der Fans im Frühjahr?
Als ich hier ankam, habe ich mir niemals gedacht, was in Lustenau auf den Rängen alles abgeht. Einfach gewaltig. Die Fans haben auch einen sehr großen Anteil am Titel. In den vielen engen Spielen waren sie sogar mehr als der zwölfte Mann, haben uns zu den Siegen getragen.

Am Sonntag heißt es Abschied nehmen. Mit welchen Gefühlen?
Mit gemischten. Zum einem traurig, weil ich eine großartige Truppe und einen tollen Verein verlasse, ich bin sehr dankbar für das letzte Jahr. Zum anderen freue ich mich auf die nächsten Aufgaben. Ich will ganz hinauf, dafür muss man weitere Schritte setzen.

Dann steht ja einem Duell mit dem Vorbild nichts mehr im Weg.
Darauf haben mich meine Jungs vom Bolzplatz in Hannover hingewiesen. Allein der Gedanke, gegen Messi spielen zu dürfen, ist irre.