München 1972: Das Attentat hinterließ tiefe Spuren

Sport / 03.09.2022 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
München 1972: Das Attentat hinterließ tiefe Spuren
Bruno Hartmann beim Studium der Ergebnisliste seines Olympiastarts vor 50 Jahren in München.

Ringer Bruno Hartmann aus Götzis war Zeitzeuge des Olympia-Attentats vor 50 Jahren.

Götzis Ein Attentat schockte am 5. September 1972 die ganze Welt. Während der Olympischen Sommerspiele in München drangen palästinensische Terroristen in das Wohnquartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf ein. Bei dem Angriff und der anschließenden Geiselnahme ver­loren elf israelische Sportler und Betreuer sowie ein Polizist ihr Leben. Bei der Befreiungsaktion auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck wurden alle Geiselnehmer getötet.

Ein Sportler, der vor 50 Jahren als Zeitzeuge die schlimmste Tragödie in der olympischen Geschichte miterlebte, war Bruno Hartmann. Der damals 25-jährige Götzner hatte sich für die Freistilbewerbe im Ringen qualifiziert und belegte den 18. Platz in der Klasse bis 74 kg: „Obwohl ich meinen Wettkampf bereits abgeschlossen hatte, weilte ich noch im Olympischen Dorf. Ich wollte mir noch einige Wettkämpfe anschauen, bin dann aber nach dem Ereignis nach Hause gereist. Ich war tief geschockt und hätte als friedliebender Mensch nie geglaubt, dass so etwas geschehen konnte.“

„Wündrig“ schauen gegangen

An die Geschehnisse erinnert sich Hartmann noch immer: „Wir wurden in den Morgenstunden beim Frühstück über die schreckliche Sache informiert. Zunächst hieß es, dass die Geiseln alle am Leben seien, wir uns aber vom 50 oder 100 Meter Luftlinie entfernten Quartier der Israelis fernhalten sollen, um die zeitweise auf dem Balkon sichtbaren Geiselnehmer nicht zu provozieren. ,Wündrig‘ sind wir aber doch schauen gegangen.“

Was Hartmann verwunderte, war der Umstand, dass das Umfeld kaum abgeriegelt war und man ohne Einschränkungen bis zum Tatort vordringen konnte.

Gegner bei Länderkampf in Wien

Dass sich unter den getöteten Sportlern Eliezer Halfin befand, gegen den er vier Wochen zuvor bei einem Länderkampf in Wien selbst gerungen hatte, erfuhr Hartmann von einem Trainer. Als Student habe er in Innsbruck die 68er-Bewegung mitbekommen und war für diese Art von Protesten bereits sensibilisiert. „Dass so eine Eskalation aber bei so einem bedeutenden Ereignis möglich ist, war zur damaligen Zeit für mich unvorstellbar.“

„Wir wurden aufgefordert, nicht zu nahe an das israelische Quartier hinzugehen und die Geiselnehmer auf keinen Fall zu provozieren.“

Bruno Hartmann, Olympistarter Ringen München 1972

Für den seit 2004 pensionierten Pädagogen für Sport, Philosophie, Psychologie und Pädagogik war die Entscheidung, die Spiele fortzusetzen, der richtige Schritt: „Der Tod der israelischen Olympiateilnehmer war natürlich ein Schock und die menschliche Tragödie nicht verzeihlich. Trotzdem war es richtig, nach den Trauerfeierlichkeiten die Wettkämpfe fortzusetzen. Die Terrorbewegung wollte Aufmerksamkeit erwecken und hat dies auch erreicht. Hätte man die Spiele abgebrochen, hätte dies vielleicht dazu geführt, dass es weitere Attentate dieser Art gegeben hätte.“

Froh war Hartmann, dass er zum Zeitpunkt des Anschlags seinen Wettkampf bereits beendet hatte. „Ich weiß nicht, ob ich mich nach dem Ereignis voll auf den Sport konzentrieren hätte können.“

20 Jahre nach seinem einzigen Olympiastart als Aktiver war Hartmann 1992 und 2004 als Trainer bei Sommerspielen dabei. „Die Ereignisse in München haben tiefe Spuren hinterlassen. Für einen Sportler ist und bleibt ein Olympiastart das höchste der Gefühle. Das war vor München so und daran hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern. Doch der Sport darf von der politischen Ebene nicht dazu benützt werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Terror zerstört das Image des Sportes und schadet der Wertigkeit.“

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