Genuss nach Zoff um bunte Binde und ein stiller Protest

Sport / 21.11.2022 • 22:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Bild, das um die Welt ging: Irans Nationalspieler mit ihrem stummen Protest beim Abspielen der Nationalhymne.afp
Ein Bild, das um die Welt ging: Irans Nationalspieler mit ihrem stummen Protest beim Abspielen der Nationalhymne.afp

Englisches Team mit sportlicher Machtdemonstration – Irans Spieler singen Hymne nicht.

AL-RAJJAN Am Ende eines hoch­emotionalen Fußball-Tages herzten sich Jude Bellingham und Gareth Southgate innig. Zu verarbeiten gab es für den 19 Jahre jungen Torschützen und Englands Nationaltrainer nach dem 6:2-Sieg über Iran beim WM-Auftakt einiges: Den kurzfristigen und erzwungenen Verzicht der symbolträchtigen bunten Kapitänsbinde, einen WM-Rekordstart mit sechs eigenen Toren und jede Menge Turbulenzen innerhalb weniger Stunden. „Das ist ein richtig guter Tag für uns. Sechs Tore bei einer WM sind absolut beeindruckend“, sagte Bellingham, der bei seinem WM-Debüt direkt das erste Länderspiel-Tor erzielte und das Torfest mit seinem 1:0 einleitete. Die Debatten über die „One Love“-Binde wirkten zu diesem Zeitpunkt, als mit dem Hit „Sweet Caroline“ aus den Boxen und „God Save the King“ von den Rängen gefeiert wurde, schon kurz verdrängt.

Die Three Lions mit Kapitän Harry Kane, der nach angekündigten Sanktionen der FIFA doch nicht die umstrittene Binde für Vielfalt am Arm hatte, waren am Montag in Al-Rajjan so deutlich wie nie in ihrer Geschichte in eine WM gestartet und wiesen so eindrucksvoll ihre Ambitionen auf den Titel nach. „Wir freuen uns sehr, so ins Turnier zu starten. Ein großes Lob an unsere Spieler, vor allem unsere Offensive. Wir müssen noch besser sein als heute, zumindest in manchen Aspekten“, lobte Southgate, der nach sechs sieglosen Nations-League-Spielen zunehmend in die Kritik geraten war. Das erste Achtungszeichen beim größten Turnier der Welt dürfte auch für den 52 Jahre alten Ex-Profi eine große Erleichterung sein. Vor 45.334 Zuschauern, von denen einige wegen Problemen mit der Ticket-App zu spät ins Stadion kamen, trafen Bellingham (35. Minute), Saka (43./62.), Raheem Sterling (45./+ 1) sowie die Joker Marcus Rashford (71.) und Jack Grealish (90.).

Für England war es der erste Sieg seit März, im Sommer gelang in sechs Nations-League-Partien kein einziger Erfolg. Mehr als zwei Tore durch Mehdi Taremi (65./90.+13/Foulelfmeter) waren für Iran nicht drin. Gleich zweimal gab es aufgrund zahlreicher Unterbrechungen mehr als zehn Minuten Nachspielzeit.

Das Spiel stand schon vor Anpfiff im Chalifa International Stadium, in dem 2019 auch die Leichtathletik-WM stattfand, stark unter politischen und symbolischen Gesichtspunkten. Während England sein Signal nicht senden konnte, waren die des Außenseiters aus Asien umso sichtbarer – allerdings in ganz anderer Sache. Einige iranische Fans zeigten ihre Solidarität mit den Protesten im Heimatland, indem sie Shirts mit der Aufschrift „Frauen, Leben, Freiheit“ trugen. Der Iran wird seit Wochen von den schwersten Protesten seit Jahrzehnten erschüttert. Der Tod einer jungen Frau im Polizeigewahrsam hatte diese ausgelöst, der Sicherheitsapparat reagierte mit Härte. Bei der Hymne schwiegen die iranischen Spieler, die Fans machten zusätzlich Lärm – auch das wird als Protest verstanden. Zumal im Iran spekuliert wurde, dass sie möglicherweise gesperrt werden, sollten sie bei der Hymne schweigen.

Der Sport und damit der erste Auftritt des Vize-Europameisters rückte lange Zeit an den Rand der Aufmerksamkeit. So auch nach etwa zehn Minuten, als Iran-Keeper Ali Beiranvand nach einem heftigen Zusammenstoß mit einem Mitspieler am Boden lag und behandelt werden musste. Mit Verdacht auf eine „schwere Gehirnerschütterung“ sowie einen „Nasenbeinbruch“ ist er noch während des Spiels ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Feierten ihre Tore und ihren Sieg: Jude Bellingham (links) und Bukayo Saka. Ganz links gratuliert noch Mason Mount dem Duo.gepa
Feierten ihre Tore und ihren Sieg: Jude Bellingham (links) und Bukayo Saka. Ganz links gratuliert noch Mason Mount dem Duo.gepa
Englands Kapitän Harry Kane trug die Schleife mit der Aufschrift „No Discrimination“.ap
Englands Kapitän Harry Kane trug die Schleife mit der Aufschrift „No Discrimination“.ap
Alex Scott, ehemalige englische Teamspielerin und nun für die BBC in Katar, stand mit der „One Love“-Armbinde im Stadion.
Alex Scott, ehemalige englische Teamspielerin und nun für die BBC in Katar, stand mit der „One Love“-Armbinde im Stadion.
Für Frauen und Freiheit demonstrierten viele iranische Fans im Stadion.afp
Für Frauen und Freiheit demonstrierten viele iranische Fans im Stadion.afp

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