So kämpft ein ehemaliger Tennisprofi in der Ukraine

Sport / 26.11.2022 • 05:15 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Sergiy Stakhovsky in der Uniform der Nationalgarde der Ukraine bei seiner offiziellen Verabschiedung durch die ATP bei den Finals in Turin. Am 8. Dezember kehrt der 36-Jährige wieder zurück in die Ukraine.<span class="copyright">g</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">t</span><span class="copyright">t</span><span class="copyright">y</span>
Sergiy Stakhovsky in der Uniform der Nationalgarde der Ukraine bei seiner offiziellen Verabschiedung durch die ATP bei den Finals in Turin. Am 8. Dezember kehrt der 36-Jährige wieder zurück in die Ukraine.getty

2013 besiegte Sergiy Stakhovsky noch Roger Federer, seit Februar kämpft er für seine Heimat im Krieg gegen Russland.

Wien Vor neun Monaten startete Russland den Krieg gegen die Ukraine. Ein Tag, der das Leben von Millionen Ukrainern komplett veränderte, so auch jenes von Sergiy Stakhovsky. Denn mit dem Einmarsch der Russen legte der 36-Jährige, der 2013 in Wimbledon die unglaubliche Serie des „Maestros“ Roger Federer von 36 Siegen in Folge brechen konnte und so plötzlich weltweit bekannt wurde, das Tennisracket in die Ecke und griff zur Waffe, um seine Heimat im Kampf gegen den Aggressor Russland zu verteidigen. Die VN trafen den dreifachen Familienvater während seines Fronturlaubes am Flughafen Wien-Schwechat zum Gespräch.

Tennisprofi Sergiy Stakhovsky und VN-Sportredakteur Markus Krautberger.
Tennisprofi Sergiy Stakhovsky und VN-Sportredakteur Markus Krautberger.

Herr Stakhovsky, wie geht es Ihnen, wenn sie an den 24. Februar 2022 zurückdenken?
Den Tag bzw. die Nacht davor werde ich sicher niemals vergessen. Dennoch blicke ich heute positiv zurück.

Warum?
Weil es die Ukraine heute, neun Monate später, immer noch gibt.

2013 besiegte Sergiy Stakhovsky den "Maestro" Roger Federer in der zweiten Runde von Wimbledon.<span class="copyright">r</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">u</span><span class="copyright">t</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">r</span><span class="copyright">s</span>
2013 besiegte Sergiy Stakhovsky den "Maestro" Roger Federer in der zweiten Runde von Wimbledon.reuters

Was führte zu Ihrer Entscheidung, von Ihrem Wohnort Budapest zurück in die Ukraine zu gehen und in den Krieg zu ziehen? Sie hätten sich ja auch raushalten können.
Rausgehalten habe ich mich schon 2014 während der Krise auf der Krim. Eigentlich wollte ich damals schon für mein Land kämpfen, aber die Geburt meines zweiten Kindes stand an. Ein zweites Mal wollte ich mich nicht heraushalten. Es war eine moralische Entscheidung für mein Land, in dem ich aufgewachsen bin, zu kämpfen. Für mich gab es keinen anderen Weg. Ich gebe natürlich zu, dass es egoistisch ist, weil ich eben drei Kinder habe. Und die könnten ihren Vater verlieren. Aber für mich war klar: Ich werde meine Heimat verteidigen. Klar ist nun auch: Ich habe nun zwei Leben. Eines vor dem 24. Februar, eines danach. So geht es all meinen Landsleuten, die jetzt für die Freiheit kämpfen

Haben Sie nicht Angst, im Einsatz zu sterben?
Natürlich hatte und habe ich Angst. Aber seltsamerweise habe ich mich mit jedem Tag länger in der Ukraine und im Krieg gegen Russland mehr und mehr an die Situation angepasst, mich an die Angst vor dem Tod gewöhnt. Man versteht die Konsequenzen seines Tuns erst , wenn sie dich erreichen. Und als ich das erste Mal die Sirenen heulen und die Bombeneinschläge hörte – genau in diesem Moment habe ich wirklich verstanden, was mich erwartet, und gelernt, damit zu leben.

Standen Sie schon kurz vor dem Tod?
Zweimal war es richtig knapp. Einmal in Zivil, als ich durch Kiew fuhr und 200 Meter hinter mir eine Drohne ein Gebäude, das ich ein paar Sekunden vorher passierte, bombardierte und komplett zerstörte. Beim zweiten Mal verdanke ich mein Leben wohl nur unserem gepanzerten Fahrzeug, mit dem wir auf Patrouille waren. Wir kamen unter Raketenbeschuss, eine schlug direkt hinter uns ein, die zweite knapp vor dem Auto.

Wie sehr haben solche Erlebnisse Sie in den letzten Monaten verändert?
Die vielen schrecklichen Erlebnisse haben mich sicher verändert. Aber es mag sich verrückt anhören: Auf der anderen Seite macht dieser Krieg das „Leben leichter“. Denn es gibt jetzt nur mehr Schwarz und Weiß, es gibt kein Grau mehr. Es zählen nur die Dinge, die man macht oder eben nicht macht. Man kann im Krieg nicht sagen: „Nächstes Mal mache ich es besser“ – denn es gibt vielleicht kein nächstes Mal mehr

Zur Person

Sergiy Stakhovsky

Geboren 6. Jänner 1986 in Kiew

Größe 1,93 Meter

Gewicht 80 Kilogramm

Familie verheiratet seit 2011, drei Kinder

Wohnort Budapest

Karriere Single: 4 ATP-Turniersiege (2008 Zagreb/Hartplatz; 2009 St. Petersburg/Hartplatz; 2010 New Haven/Hartplatz, Hertogenbosch/Gras)

Doppel: 4 ATP-Turniersiege (2008 Moskau/Hartplatz; 2010 Halle/Gras; 2011 Dubai/Hartplatz; 2019 Newport/Gras)

Beste Platzierung Single Nr. 31 (2010); Doppel Nr. 33 (2011)

Preisgeld 5.606.769 Millionen Dollar

Weiteres Besitzer eines Weingutes in Zakarpattia, im Westen der Ukraine.

Wie kann man sich das Leben in der Ukraine aktuell vorstellen?
Die Menschen haben sich mittlerweile an die schrecklichen Umstände gewöhnt, sie leben damit. Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes übrig. Wenn man darüber nachdenkt, ist es unglaublich: Die Leute haben sich mit dem Heulen der Sirenen und den Bombenangriffen arrangiert. Den Menschen ist bewusst, dass man weitermachen muss, sonst gibt es ja nichts mehr, für das es wert ist zu kämpfen.

Haben Sie Angst, dass die Aufmerksamkeit im Westen Europas und der Welt Richtung Krieg weniger wird?
Ich glaube, dass dies ein verständlicher Prozess ist. Im Februar und März hatte Europa viel Stress. Die Angst war groß, viele Flüchtlinge mussten aufgenommen werden, es wurde schnell und gut unterstützt. Dass es nun im Rest von Europa etwas „entspannter“ ist, hat sicher auch damit zu tun, dass man sieht, die Ukraine ist ein guter Schutzschild gegen Russland. Daher verstehe ich diese Entwicklung nur allzu gut, es ist einfach menschlich.

Sergiy Stakhovsky bei einem Benefizspiel für die Ukraine im Rahmen der US Open im August 2022. Dabei Landsfrau und Tennisspielerin Olga Savchuk, Rafael Nadal und Iga Swiatek.<span class="copyright">g</span><span class="copyright">e</span><span class="copyright">t</span><span class="copyright">t</span><span class="copyright">y</span>
Sergiy Stakhovsky bei einem Benefizspiel für die Ukraine im Rahmen der US Open im August 2022. Dabei Landsfrau und Tennisspielerin Olga Savchuk, Rafael Nadal und Iga Swiatek.getty

Ein Schutzschild für Europa?
Damit haben wir überhaupt kein Problem. Europa hat ja viel für die Ukraine gemacht. Einzig Angst macht mir, dass man im Westen die Auffassung hat, zum jetztigen Zeitpunkt über ein Friedensabkommen zu reden. Das geht aber nicht, denn die Russen sind ja noch in unserem Land. Über Frieden können wir erst reden, wenn die russischen Truppen wieder hinter unseren Grenzen sind. Übrigens: Nach 2014 hatten wir auch ein Friedensabkommen – und jetzt stehen wir im Krieg.

Wie wird sich der Krieg entwickeln?
Ich glaube, dass wir Russland bis Ende nächsten Sommers zurückdrängen können. Außer sie greifen auf Atomsprengköpfe zurück – aber dann ist die Welt, so wie wir sie jetzt kennen, Geschichte.

Ihr erstes Weihnachten in Kriegszeiten steht vor der Tür. Surreal?
Ehrlich gesagt, denke ich erstmal daran, dass ich am 8. Dezember wieder in die Ukraine zurückkehre. Dann daran, dass ich die Wochen bis Weihnachten gut überstehe. Viel Zeit zum Nachdenken hat man eh nicht, wenn wieder die Sirenen heulen, man in den Bunker muss und dann dort sitzt und hofft, dass die Bomben deinen Bunker verfehlen. Aber wie gesagt: Man gewöhnt sich auch an diese Sachen. Und dann erst denke ich an das Weihnachtsfest.

Sergy Stakhovsky auf Patrouille.
Sergy Stakhovsky auf Patrouille.

Es hört sich alles wie in einem Horrorfilm an.
Ja, wie eine Apokalypse. Die schlimmste Erfahrung meines Lebens hatte ich, als ich am Mittag in Kiew am Hauptplatz stand. Keine Menschen, keine Autos, nichts – nur Stille. Bis die Sirenen heulten und kurz darauf die Bomben einschlugen.

Gibt es Momente, in denen Sie sich zurückziehen und auch mal weinen?
Nein. Ich habe nur geweint, als ich mein Zuhause in Budapest verließ und mein kleinster Sohn (3) mich fragte, wohin ich gehe. Ich habe gesagt, ich gehe nur kurz in die Garage.

Wie weit ist Ihr Leben als Tennis-Profi schon weg?
Ein anderes Leben. Es fühlt sich aktuell an, als hätte es nie stattgefunden. Ich hoffe, dass sich das irgendwann wieder ändert.

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