Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Kritik ist erwünscht

Sport / 05.12.2022 • 19:37 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein großer Mann der Vergangenheit übte kürzlich Kritik an den Leistungen des Österreichischen Skiverbandes. Für Hannes Reichelt ist es nicht nachvollziehbar, dass es zurzeit in der Super-G-Startliste nur vier ÖSV-Läufer in den Top-30 gibt. In der Abfahrt schaut es nicht viel besser aus.

Wo sind die Zeiten geblieben, als es am Patscherkofel im Super-G einen Neunfach-Sieg der Österreicher gab? Wo sind die jungen Läufer, die unsere Veteranen unsanft in den Ruhestand schicken? Ohne diese wären wir heute hoffnungslos verloren!

Ein wenig rechtgeben muss ich da dem Hannes Reichelt also schon. Das Problem ist beim ÖSV länger bekannt. Schon zu Marcel Hirschers Zeiten gab es eine riesige Lücke bei den Technikern, die von den Trainern und Betreuern über Jahre nicht geschlossen werden konnte.

Im Speed-Team war es zwar besser, aber das Problem war bereits erkennbar. Man kann auch nicht behaupten, dass ein Daniel Hemetsberger oder ein Otmar Striedinger aufstrebende Talente sind, wenn sie im kommenden Frühjahr 32 Jahre alt werden.

Betrachtet man die Rennen in Beaver Creek, kann auch ein skifahrerischer Laie leicht erkennen, dass zu den momentan dominierenden Skifahrern Aleksander Aamodt Kilde und Marco Odermatt eine große Lücke klafft. Nicht nur vom technischen Können, sondern auch von der Aggressivität, wie die beiden ins Rennen gehen. Bei unseren Athleten schaut alles etwas zahm aus und erinnert eher an eine lockere Trainingsfahrt.

Einzig Raphael Haaser hat gestern gezeigt, wie man die Birds-of-Prey-Piste attackieren kann. Seine Angriffslust bescherte ihm vor dem Ziel leider einen riesigen Fehler, der ihn möglicherweise ein Podium oder gar den Sieg kostete. Vielleicht leuchtet da doch noch ein junger Stern am ÖSV-Himmel.

„Zu den dominierenden Skifahrern Kilde und Odermatt klafft eine große Lücke. Bei unseren Athleten schaut alles etwas zahm aus.“

Marc Girardelli

sport@vn.at

Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.

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