Lassaad Chabbi: “Bei einem WM-Sieg steht ganz Marokko Kopf”

Sport / 13.12.2022 • 16:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zwei, die sich schätzen und schon mit ihren Klubs gegeneinander spielten: Marokkos Teamchef Walid Regragui (l.) und Lassaad Chabbi. <span class="copyright">Privat</span>
Zwei, die sich schätzen und schon mit ihren Klubs gegeneinander spielten: Marokkos Teamchef Walid Regragui (l.) und Lassaad Chabbi. Privat

Als Cheftrainer von Difaâ El Jadid in der marokkanischen „Botola Pro Inwi“ traut der 61-Jährige dem Nationalteam vor dem Spiel gegen Frankreich (Mittwoch, 20 Uhr) alles zu.

El Jadida Tunesien ist sein Geburtsland, doch der seit den 1980er-Jahren in Vorarlberg lebende Lassaad Chabbi hat längt die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Doch der UEFA-Pro-Lizenz-Trainer ist als Coach inzwischen ein Weitgereister.

Über Thailand führte ihn der Weg erst nach Tunesien, dann nach Marokko und über Tunesien zurück in das Land des großen Überraschungsteams bei der Fußball-WM-Endrunde in Katar. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er in den vergangenen Wochen immer wieder in Sportsendungen zu Gast war. Auch heute beim WM-Halbfinale ist er im Einsatz: Chabbi wird als Analyst für einen TV-Sender das Spiel besprechen.

Lassaad Chabbi im Trainingsbetrieb bei seinem Klub Difaâ El Jadid.
Lassaad Chabbi im Trainingsbetrieb bei seinem Klub Difaâ El Jadid.

Sie sind gar nicht so überrascht über den geschichtsträchtigen Erfolg von Marokko, sie hatten das Team stets auf dem Zettel. Weil Sie in dem Land arbeiten, oder …?
Nein, es überrascht mich wirklich nicht. Marokko hat schon mehrmals versucht, die WM ins Land zu holen. Als man 2005 an Südafrika (Anm. d. Red.: Ausrichter für 2010) gescheitert war, hat man dennoch viel in die Infrastruktur investiert. Neue Stadien wurden errichtet, Akademien für den Nachwuchs gebaut und auch der Frauenfußball wurde gefördert. Zuletzt haben Klubs aus Marokko in Afrika die Champions League gewonnen, den Confederation Cup (Anm. d. Red.: ähnlich der Europa League) und die Frauen sind Afrikameister geworden. Im Sommer wurde Teamchef Vahid Halilhodzic nach erfolgreicher Qualifikation gefeuert, weil er Spieler wie Achraf Hakimi (Anm. d. Red.: PSG) oder Hakim Ziyech (Chelsea) nicht mitnehmen wollte. Dann haben sie mit Walid Regragui einen Marokkaner genommen, der in Frankreich geboren wurde.

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Ein Teamchef, zu dem sie eine besondere Beziehung haben?
Ja (lacht). Mein letztes Spiel mit Raja Casablanca war gegen Wydad, wo er als Trainer arbeitete. Vor dem Spiel meinte er in unsere Richtung: Jeden Gegner, der uns zu pressen versucht, werden wir belehren . . . Wir haben 1:1 gespielt und hatten 70 Prozent Ballbesitz. Er ist ein guter Mann, setzt auf Disziplin und Taktik und auf Teamgeist.

Aber Frankreich ist als Weltmeister doch ein besonderes Kaliber?
Bei jedem Spiel war Marokko der Außenseiter. Jetzt werden sie sieben Spiele bestreiten, so viele wie der spätere Weltmeister. Das würde ich so gerne auch einmal Österreich wünschen. Und man darf nicht vergessen, wo die Spieler unter Vertrag sind. Allein schon die Abwehr: Der Torhüter spielt bei Valencia, die Verteidiger bei PSG, Besiktas oder beim FC Bayern. Das zeugt von Qualität. Es ist alles möglich, sogar der WM-Titel.

Mit Casablanca hat Chabbi den Königspokal und den Sieg im afrikanischen Confederation Cup nach Marokko geholt.
Mit Casablanca hat Chabbi den Königspokal und den Sieg im afrikanischen Confederation Cup nach Marokko geholt.

Das würde wohl alle Feierlichkeiten in Marokko sprengen?
Schon bei den letzten Siegen wurde in den Städten in der Nacht durchgefeiert. Selbst der König hat sich zuletzt in seinem Auto in den Straßen unter das Volk gemischt und mitgefeiert. Wenn nun auch noch Frankreich besiegt wird, dann geht am nächsten Tag wohl niemand mehr zur Arbeit. Und bei einem WM-Titel würden die Feierlichkeiten wohl eine ganze Woche dauern.

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Sie kennen den Fußball in Österreich und in Marokko. Worin liegt für Sie der Unterschied?
In Österreich und Europa wird großer Wert auf Disziplin und Taktik gelegt. Das ist auch der Vorteil der marokkanischen Nationalspieler, die fast alle bei europäischen Klubs unter Vertrag sind. Im arabischen Raum ist man diesbezüglich noch in der Lernphase, gerade was die Pünktlichkeit betrifft. Wir sind mal in Tunesien ohne unseren Cotrainer in den Bus gestiegen. Ich habe ihm dann später gesagt: Elf Uhr ist elf Uhr und nicht elf Uhr und zwei Minuten …

Chabbi fühlt sich wohl in Marokko.
Chabbi fühlt sich wohl in Marokko.

Aber der Stellenwert des Fußballs ist enorm, wie auch die Bilder von der WM beweisen.
Er ist riesig, aber zum Unterschied zu Europa jubelt ganz Nordafrika, also auch Tunesien, Algerien und Ägypten mit Marokko mit. Das ist so, als würde Deutschland feiern, wenn Frankreich Weltmeister wird. Hier lebst du den Fußball 24 Stunden. In Österreich war ich nach dem Training der Lassaad Chabbi, hier in Marokko kann ich nicht in die Stadt gehen. Da bin ich immer der Trainer und die Leute wollen immer ein Foto mit dir.

Disziplin ist für Lassaad Chabbi ein großer Erfolgsfaktor.
Disziplin ist für Lassaad Chabbi ein großer Erfolgsfaktor.

Zurück zum Halbfinale. Warum hat Marokko eine Finalchance?
Weil sie schon in den Spielen davor chancenlos waren (lacht). Für mich sind der Trainer und der Zusammenhalt das große Plus.

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