Darts WM: Fasching mit Begleitprogramm

Sport / 02.01.2023 • 17:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Stimmung im Ally Pally erreicht jeden Abend ihren Höhepunkt. <span class="copyright">Beer</span>
Die Stimmung im Ally Pally erreicht jeden Abend ihren Höhepunkt. Beer

Der Dartsport erlebt einen ungeahnten Hype. Was die Popularität ausmacht und wie die Stimmung vor Ort ist? Ein Lokalaugenschein aus dem “Ally Pally”.

London John McDonald legt sich ins Zeug. Der Master of Ceremonies kündigt mit Raymond van Barneveld nicht nur einen fünfmaligen Weltmeister, sondern auch einen der beliebtesten Spieler an. Die „Barney Army“-Rufe der Fans hallen schon weit vor Beginn über Nordlondon.

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Zu „Eye of the Tiger“ marschiert der 55-Jährige auf die Bühne. Passiert die Cheerleader, wirft sich ein, das Publikum feiert. Gegen den Weltranglistenersten Gerwyn Price setzt es zwar eine 0:4-Niederlage in Runde drei. Der „Iceman“ ist unbeliebt, aber (meist) unglaublich souverän. Egal: Das Ergebnis scheint hier manchmal nur zweitrangig.

Der Eingangsbereich des Ally Pally.<span class="copyright">BEER</span>
Der Eingangsbereich des Ally Pally.BEER
Willkommen im Ally Pally.<span class="copyright">BEER</span>
Willkommen im Ally Pally.BEER

Publikumssport wider jeder Logik

So ehrlich muss man sein: Ein Sport, der auf teils nur 8 Millimeter hohe Felder gespielt wird, ist eigentlich nur bedingt publikumstauglich. Ohne große Bildschirme links und rechts der Bühne wäre nicht nachvollziehbar, was vom Oche (der Abwurfstelle 2,37 Meter vor dem Board) passiert. Und dennoch: Die West Hall des Alexandra Palace, in der die PDC seit 2007 die WM austrägt, ist voll, 3200 passen hinein. Diese 3200 Menschen sind es, die Darts einen solchen Hype bescheren. Denn Darts ist ein Publikumssport – weil das Publikum ihn dazu macht. Die Stimmung im „Ally Pally“ ist unvergleichlich. Legenden wie Phil Taylor (16 Weltmeistertitel) werden besungen, Chants aus dem englischen Fußball gegrölt. So wird nicht nur der notorischen Erfolgslosigkeit der Tottenham Hotspurs gedacht, auch der Kolo-Yaya-Song erfreut sich – wie DJ Ötzis „Hey Baby“ – großer Beliebtheit. Der tatsächliche Sport rückt mitunter in den Hintergrund, andererseits trösten sich die Fans über weniger starke Games hinweg. „Ooh aah!“. Und wenn ein Doppelgänger des Topspielers Michael van Gerwen im Publikum gesichtet wird, freuen sich alle. Der vermeintliche „MvG“ (Glatze, breiter Körperbau, grünes Shirt) leert dann pflichtbewusst unter tosendem Applaus sein Bier. Wenn nötig, auch neun Mal in einer Session. Was da auf der Bühne passiert, Nebensache. „I’ll sleep like a baby today“, sagte jener Doppelgänger im Anschluss. Es war gerade einmal fünf am Abend.

Dart-Fans als Tequila-Flaschen verkleidet.<span class="copyright">BEER</span>
Dart-Fans als Tequila-Flaschen verkleidet.BEER

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Darts WM: Fasching mit Begleitprogramm
Das Bier fließt in Strömen. BEER

Wo Haie mit Rochen tanzen

Bereits auf dem Weg von der Bahnstation „Alexandra Palace“ kämpfen sich Verkleidete durch den Nieselregen die Anhöhe hinauf. Kostüme gehören beim Darts dazu. Eine Entwicklung, die sich verselbstständigt hat, aber auch zur Popularität der Sportart beiträgt. Zwischen einem Tisch voller Zauberer – Gandalf, Harry Potter, Merlin, Voldemort – findet sich neben drei Tequilaflaschen (wir) eine Gruppe Panzerknacker aus Tirol (klein ist die Welt!), hinter ihnen mehrere Kobolde und Schlümpfe. Eine Gruppe Rochen jagt ihren Freund, der als Steve Irwin verkleidet ist und neben Winnie Puuh und seinen Freunden tanzt ein Hai zu seinem Tisch.

Die Fans sorgen für die Stimmung.<span class="copyright">BEER</span>
Die Fans sorgen für die Stimmung.BEER

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Vom Kneipensport ist bei den Profis nur mehr wenig zu sehen, einzig die Statur mancher Spieler erinnert wenig dezent an die Ursprünge. Eintrittskarten werden auf dem Smartphone vorgezeigt, gezahlt wird ausschließlich mit eigenen Payment Cards. Sky Sport hat ein modernes Fernsehstudio in der Halle, Sport1 darf sich über Quotenrekorde freuen. Das Event ist durchgetaktet, so gut es eben geht. Zahlreiche Ordner bemühen sich, Ordnung ins Getümmel zu bringen, ihre Aufforderungen, sich doch bitte hinzusetzen, werden stets von „Stand up, if you love the darts“-Gesängen unterbunden. Nur das Bier gehört nach wie vor dazu. Rund 500.000 Pints sollen während der WM ausgeschenkt werden, für einen Pitcher (gut 2 Liter) zahlt man 27 Pfund. „Please don’t take me home, I just don’t wanna go to work. I wanna stay here and drink all your beer!“ – übertrieben ist es nicht, was die Fans singen. Cheers mate!

Legendär: Das "One Hundred and Eighty". <span class="copyright">BEER</span>
Legendär: Das "One Hundred and Eighty". BEER
Außenansicht des Ally Pally. <span class="copyright">BEER</span>
Außenansicht des Ally Pally. BEER

Auch das Publikum hat sich verändert. Neben grobschlächtigen Briten und vielen Niederländern übernehmen die Deutschen immer mehr die Vorherrschaft. Beim Sieg des Saarländers Gabriel Clemens über Jim Williams (4:3) wurde das besonders deutlich. „Ohne Deutsche wär‘ hier gar nichts los“, „Oh wie ist das schön“ und „Wir haben Heimspiel in London“ wurde da von der halben Halle gesungen. Als gelernter Österreicher findet man das natürlich peinlich, ein britischer Kobold packte anlassbezogen sein bestes Deutsch aus („Du bist scheiße!“). Applaus von ihm gab’s dann trotzdem.

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Am Dienstag steigt die letzte Party im Ally Pally. Auch dann wird die Halle zunächst wieder riechen wie ein Festzelt nach drei Tagen Feuerwehrfest. Und dann kommen die 3200 “Verrückten”. Wer die Sid Waddell Trophy in die Höhe strecken und 500.000 Pfund an Preisgeld abstauben wird, wird dennoch mehr sein als nur eine Nebenerscheinung. Fabian Beer

Die Vorfreude auf das WM-Finale.<span class="copyright">BEER</span>
Die Vorfreude auf das WM-Finale.BEER

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