Fasching mit Begleitprogramm

Sport / 02.01.2023 • 21:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kein Darts ohne Kostüm: Der Autor (Mitte) mit Jonas und Niki als Flaschentrio.
Kein Darts ohne Kostüm: Der Autor (Mitte) mit Jonas und Niki als Flaschentrio.

Darts erlebt einen ungeahnten Hype. Ein Lokalaugenschein aus dem „Ally Pally“.

London John McDonald legt sich ins Zeug. Der Master of Ceremonies kündigt mit Raymond van Barneveld nicht nur einen fünfmaligen Weltmeister, sondern auch einen der beliebtesten Spieler an. Die „Barney Army“-Rufe hallen schon vor Beginn über Nordlondon. Zu „Eye of the Tiger“ marschiert der 55-Jährige auf die Bühne. Passiert die Cheerleader, wirft sich ein, das Publikum feiert. Gegen Gerwyn Price setzt es zwar eine 0:4-Niederlage in Runde drei. Der „Iceman“ ist unbeliebt, aber (meist) unglaublich souverän. Egal: Das Ergebnis scheint hier oft nur zweitrangig.

Publikumssport wider jede Logik

So ehrlich muss man sein: Ein Sport, der auf teils nur acht Millimeter hohe Felder gespielt wird, ist eigentlich nur bedingt publikumstauglich. Ohne große Screens links und rechts der Bühne wäre nicht nachvollziehbar, was am Board passiert. Und dennoch: Die West Hall des Alexandra Palace, in der die PDC seit 2007 die WM austrägt, ist voll, 3200 passen hinein. Diese 3200 Menschen sind es, die Darts einen solchen Hype bescheren. Denn Darts ist ein Publikumssport – weil das Publikum ihn dazu macht. Die Stimmung im „Ally Pally“ ist unvergleichlich. Legenden wie Phil Taylor (16 Weltmeistertitel) werden besungen, Chants aus dem englischen Fußball gegrölt. So wird nicht nur der notorischen Erfolgslosigkeit der Tottenham Hotspurs gedacht, auch der Kolo-Yaya-Song erfreut sich – wie DJ Ötzis „Hey Baby“ – großer Beliebtheit. Der tatsächliche Sport rückt mitunter in den Hintergrund, schwache Games sind keine Tragödie. „Ooh aah!“

Wo Haie mit Rochen tanzen

Bereits auf dem Weg von der Bahnstation kämpfen sich Verkleidete durch den Nieselregen. Kostüme gehören dazu. Eine Entwicklung, die sich verselbstständigt hat, aber auch zur Popularität der Sportart beiträgt. Zwischen einem Tisch voller Zauberer – Gandalf, Harry Potter, Merlin, Voldemort – findet sich neben drei Tequilaflaschen (wir) eine Gruppe Panzerknacker aus Tirol – wie klein ist die Welt, hinter ihnen mehrere Kobolde und Schlümpfe. Eine Gruppe Rochen jagt ihren Freund, der als Steve Irwin verkleidet ist, und neben Winnie Puuh und seinen Freunden tanzt ein Hai.

Vom Kneipensport ist hier nur wenig zu sehen, einzig die Statur mancher Spieler erinnert wenig dezent an die Ursprünge. Eintrittskarten werden auf dem Smartphone vorgezeigt, gezahlt wird mit eigenen Payment Cards. Sky Sports hat ein modernes Fernsehstudio in der Halle, Sport1 darf sich über Quotenrekorde freuen. Das Event ist durchgetaktet, so gut es eben geht. Zahlreiche Ordner bemühen sich, Ordnung ins Getümmel zu bringen, ihre Aufforderungen, sich doch bitte hinzusetzen, werden von „Stand up, if you love the darts“-Gesängen unterbunden. Nur das Bier gehört nach wie vor dazu. Rund 500.000 Pints sollen während der WM ausgeschenkt werden, für einen Pitcher (gut 2 Liter) zahlt man 27 Pfund. „Please don’t take me home, I just don’t wanna go to work. I wanna stay here and drink all your beer!“ – übertrieben ist es nicht, was die Fans singen. Cheers mate!

Auch das Publikum hat sich verändert. Neben grobschlächtigen Briten und vielen Niederländern übernehmen Deutsche immer mehr die Vorherrschaft. Der Sieg des Saarländers Gabriel Clemens über Jim Williams (4:3) machte das deutlich. „Ohne Deutsche wär‘ hier gar nichts los“, „Oh, wie ist das schön“ und „Wir haben Heimspiel in London“ wurden von der halben Halle gesungen. Als gelernter Österreicher findet man das natürlich peinlich, ein britischer Kobold packte anlassbezogen sein bestes Deutsch aus („Du bist scheiße!“). Applaus von ihm gab’s dann trotzdem.

Finale am Dienstag

Heute Abend (DAZN, live ab 20.40 Uhr) steigt die letzte Party im Ally Pally. Die Halle wird zunächst wieder riechen wie ein Festzelt nach drei Tagen Feuerwehrfest. Und dann kommen die 3200 Verrückten. Wer die Sid Waddell Trophy in die Höhe strecken und 500.000 Pfund an Preisgeld abstauben wird, wird dennoch mehr sein als nur eine Nebenerscheinung.

Die West Hall des Alexandra Palace beherbergt jährlich von Mitte Dezember bis Anfang Jänner eine Symbiose aus Sport und Partymeile.
Die West Hall des Alexandra Palace beherbergt jährlich von Mitte Dezember bis Anfang Jänner eine Symbiose aus Sport und Partymeile.
180 Punkte sind die Maximalaufnahme mit drei Pfeilen – und Grund zum Jubeln.Beer/
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