Zwei Tote bei Schüssen vor Synagoge in deutscher Stadt Halle

Welt / 09.10.2019 • 20:13 Uhr / 9 Minuten Lesezeit

Schwer bewaffnete Täter haben mitten in der deutschen Stadt Halle an der Saale zwei Menschen erschossen. Die Stadt Halle sprach am Mittwoch von einer „Amoklage“. Die jüdische Gemeinde berichtete, der Täter habe versucht, das Tor der zum jüdischen Feiertag Jom Kippur voll besetzten Synagoge aufzuschießen.

Der mutmaßliche Täter der Angriffe soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. In dem Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss auf einen Mann geschossen wird.

Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera. Außerdem ist zu sehen, wie ein junger Mann in Kampfanzug mit weißem Halstuch in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. In dem Video sind auch Szenen am jüdischen Friedhof von Halle zu sehen.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, hat ein schwer bewaffneter Täter die Synagoge direkt angegriffen. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagte Privorozki der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. „Aber unsere Türen haben gehalten.“

Außerdem hätten der oder die Täter versucht, das Tor des benachbarten jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte Privorozki. Die Menschen seien geschockt gewesen. Vor der Tür habe ein Todesopfer des Angreifers gelegen. „Wir haben die Türen von innen verbarrikadiert und auf die Polizei gewartet.“

Ein Todesopfer lag gegenüber einer Synagoge, über das zweite gab es noch keine gesicherten Informationen. Ein Täter soll aber in einen nahe gelegenen Döner-Imbiss geschossen haben, wie mehrere Augenzeugen berichteten.

Bei dem Angriff in der ostdeutschen Stadt Halle hat ein Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor der Synagoge abgelegt. Der Täter habe versucht, in die Synagoge einzudringen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch aus Sicherheitskreisen. Die Gegend um das Lokal – etwa 600 Meter entfernt von der Synagoge – war abgesperrt. Die Stadt rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben.

Nach Angaben von Deutschlands Innenminister Horst Seehofer (CSU) gibt es bei der Tat offenbar einen rechtsextremistischen Hintergrund. Nach Einschätzung des Generalbundesanwalts „gibt es ausreichende Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund“, erklärte Seehofer am Mittwochabend.

Seehofer bestätigte, dass bei der Attacke in Halle zwei Menschen getötet und mehrere Menschen verletzt wurden. „Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt“, sagte Innenminister Seehofer (CSU).

Für die beiden Verletzten, die nach den Schüssenim Universitätsklinikum operiert worden sind, besteht derzeit keine akute Lebensgefahr. Das teilte Sprecher Jens Müller am Abend mit. Die Frau und der Mann hatten den Angaben nach schwerste Schussverletzungen. Die Operationen seien erfolgreich verlaufen. Nähere Angaben zur Identität und Nationalität der Patienten machte das Universitätsklinikum nicht.

Augenzeugen in Halle berichteten von einem Täter, der einen Kampfanzug und ein Gewehr getragen haben soll. Medien zeigten entsprechende Aufnahmen. Demnach soll es auch eine Explosion auf einem Friedhof gegeben haben.

Nun steht offensichtlich die etwa 15 Kilometer entfernte Kleinstadt Landsberg (Saalekreis) im Fokus der Polizei. Zuvor waren auch in der Ortschaft Schüsse gefallen, wie eine Sprecherin der Polizei Halle der dpa bestätigte. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort östlich von Halle wollte sie zunächst nichts sagen.

Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen. Am Mittwochnachmittag gegen 16.00 Uhr landetet auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht. Sie verwies auf die Zuständigkeit der deutschen Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die die Ermittlungen übernommen hat.

Im nahe gelegenen Leipzig verstärkte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge. Auch vor der Synagoge in Dresden wurde nach Angaben der Polizei der Schutz erhöht. In anderen deutschen Städten wurde der Schutz entsprechend verstärkt.

Der Bahnhof von Halle wurde wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Das teilte die Deutsche Bahn über Twitter mit. Es komme zu Verspätungen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Angehörigen der Opfer von Halle ihr „tiefstes Beileid“ ausgedrückt. „Unsere Solidarität gilt allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur, unser Dank den Sicherheitskräften, die noch im Einsatz sind“, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert zudem.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff zeigte sich erschüttert über die tödlichen Schüsse. „Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat“, erklärte Haseloff am Mittwoch. Dadurch seien nicht nur Menschen zu Tode gekommen, die Tat sei „auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land“. Er sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen äußerte sich ebenfalls schockiert. Es seien „entsetzliche Nachrichten über zwei Tote und einen Angriff auf eine Synagoge in Halle – heute an #JomKippur“, teilte Van der Bellen auf Twitter mit. Sein Mitgefühl sei bei den Opfern, ihren Angehörigen und ihren Freundinnen und Freunden. „Wir müssen alles tun, damit Jüdinnen und Juden in Sicherheit leben können“, betonte der Bundespräsident.

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein zeigte sich am Mittwoch „tief bestürzt“ „über die schreckliche Nachricht der heutigen Gewalttaten in Halle“. Ihr besonderes Mitgefühl am höchsten jüdischen Feiertag Yom Kippur gelte den Angehörigen der Opfer, hieß es in einer Stellungnahme.

„Die Sicherheit und Bewahrung jüdischen Lebens muss in Österreich, in Europa und überall auf der Welt gewährleistet sein“, wurde Bierlein weiter zitiert. Dies sei „unverzichtbar wie auch unverhandelbar“.

Das Europaparlament gedachte am Mittwochnachmittag mit einer Schweigeminute der Opfer. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli in Straßburg.

ÖVP-Chef Sebastian Kurz rief dazu auf „alles in unser Macht stehende zu tun, um jüdische Gemeinden bestmöglich zu schützen.“ Via Twitter forderte Kurz zudem „Null Toleranz für #Antisemitismus!“. Die Nachrichten aus Halle seien „erschütternd“. Er sei „in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer“ und hoffe, „die Polizei fasst den/die Täter schnell“, ließ der ÖVP-Vorsitzende auf Twitter wissen.

Die Polizei hat mittlerweile die Warnungen für die Bevölkerung aufgehoben. „Die Gefährdungslage für die Bevölkerung wird mittlerweile nicht mehr als akut eingestuft“, teilte die Polizei am Mittwoch über Twitter mit. „Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben.“ Die Polizei sei „weiter mit starken Kräften“ im Einsatz.

Die deutsche Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an den Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Auch die Verkehrswege nach Polen und Tschechien werden verstärkt kontrolliert, wie die Bundespolizei am Mittwoch auf Twitter mitteilte. Zudem werde die Polizei vor Ort in Halle unterstützt.

In mehreren deutschen Bundesländern wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Gotteshäusern verstärkt. In Berlin wurde die Hauptstadt-Polizei gebeten, die Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen in der Stadt umgehend und bis auf weiteres zu erhöhen.

Auch in Wien wurden die Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtung seitens der Polizei nochmals verstärkt. Zwar sei der Objektschutz aufgrund des jüdischen Feiertages Yom Kippur ohnehin stärker, aufgrund der unsicheren Lage in Deutschland seien nun aber auch Beamte der Sondereinheit Wega hinzugezogen worden. Seitens der Polizei betonte man aber, dass es keine konkrete Gefährdungslage gebe. Die Verstärkung sei eine reine Sicherheitsmaßnahme.