Österreicher hauste mit Familie isoliert auf Bauernhof

Welt / 16.10.2019 • 16:36 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
APA

Ein 58-jähriger Wiener und eine Familie haben gut neun Jahre lang isoliert auf einem Bauernhof in Ruinerwold in den Niederlanden gehaust. Die Polizei entdeckte die Gruppe auf dem abgelegenen Hof. Die Menschen würden nun versorgt, teilte die Polizei am Dienstag mit. Der 58-Jährige wird der Freiheitsberaubung verdächtigt. Der Mann solle Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden, hieß es.

Niederländische Medien berichteten, dass er bei Nachbarn „Joseph der Österreicher“ genannt wurde, weil er aus Österreich stammen soll. Der Sprecher des Außenministeriums in Wien, Peter Guschelbauer, bestätigte am Dienstagabend entsprechende Berichte unter Berufung auf die örtlichen Behörden. Demnach handelt es sich bei dem Festgenommenen um einen gebürtigen Wiener.

Die Anzahl der Familienmitglieder ist ungewiss, es sollen überwiegend Kinder, heute im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, darunter sein. Die Gruppe „lebte in sehr provisorischen Räumen“, sagte der Bürgermeister Roger de Groot. Er nannte keine Details der Wohnung. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Warum die Menschen dort so isoliert wohnten, ist unbekannt. Sie sollen auf „das Ende der Zeiten“ gewartet haben, berichten niederländische Medien. Die Ermittler wollten diese Darstellung zunächst nicht bestätigen. Es gebe noch sehr viele offene Fragen, sagte der Bürgermeister. Es ist nicht bekannt, in welchem Verhältnis der Wiener zu der Familie steht.

Der Wirt des Dorfgasthauses hatte die Polizei am Montag alarmiert. Bei ihm war ein fremder junger Mann in der Wirtsstube aufgetaucht. Er war total verwirrt, wie der Wirt dem TV-Sender RTV Drenthe sagte. „Er sagte, dass er weggelaufen war und Hilfe brauchte.“ Der 25-Jährige habe auch geschildert, dass er neun Jahre lang nicht draußen gewesen sei. Daraufhin hatte der Gastwirt die Polizei eingeschaltet.

Der 25-Jährige war scheinbar seit kurzem in sozialen Netzwerken aktiv. Laut Medienberichten hat er mehrere Profile unter dem Vornamen Jan. Im Mai teilte er etwa auf Twitter eine Seite für einen Webshop für Holz mit den Worten „guten Start“. Der 25-Jährige hatte bereits vor neun Jahren Accounts in sozialen Medien, dürfte dann aber neun Jahre lang offline gewesen sein. Erst seit dem Frühjahr postete er wieder. Er stellte Fotos von Bäumen online und teilte Berichte über Klimaschutz. „Pflanzen Sie für jeden gefällten Baum einen neuen Baum“, ließ er wissen und dass er einen neuen Job hat. Der 58-jährige Österreicher soll dabei sein Chef gewesen sein.

Der junge Mann schreibt, dass er seit 2010 in Ruinerwold lebt – auf dem von dem Österreicher angemieteten Bauernhof. Die Mutter dürfte bereits 2004 gestorben, berichtete der TV-Sender RTV Drenthe online. Zwischenzeitlich war auch von einem mutmaßlichen Vater der Kinder, der in dem Bauernhaus lebte, die Rede. Darüber herrscht aber völlige Unklarheit.

Über die genauen Lebensumstände und den Gesundheitszustand der Gruppe wollte die Polizei vorerst keine Angaben machen. Die Untersuchungen seien noch in vollem Gange. „Alle Szenarien sind noch offen“, sagte eine Sprecherin. Der 58-Jährige sei festgenommen worden, „weil er nicht an unserer Untersuchung mitarbeitete“.

Niederländische Medien berichten, dass die Polizei hinter einem Kasten im Wohnzimmer eine Treppe entdeckt hatte, die in den Keller führte. Dort hätten der Mann und die jungen Leute gehaust. „Da trafen wir sechs Menschen in einem abschließbaren kleinen Raum in der Wohnung, es war kein Keller“, präzisierte die Polizei gegenüber der dpa.

Dorfbewohner sind geschockt. Sie sagten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur einen Mann gesehen hatten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst. Der Hof liegt versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter vom Rande des Dorfes entfernt. Dazu gehören nach Aussagen von Reportern ein großer Gemüsegarten und eine Ziege. Möglicherweise habe sich die Gruppe jahrelang selbst versorgt.

Der 58-jährige Österreicher hat bis 2010 rund zehn Jahre in einer Marktgemeinde im oberösterreichischen Bezirk Perg gelebt. Als „unauffällig und zurückgezogen“ beschrieb ihn der Bürgermeister dieser Gemeinde am Mittwoch im Gespräch mit der APA.

Im Ort habe man gerüchteweise davon gehört, dass er in die Niederlande ausgewandert sei. Ein- bis zweimal habe er den 58-Jährigen getroffen, berichtete der Bürgermeister weiter. Zudem sei der Mann bei der Gemeinde vorstellig geworden, um dort mitzuteilen, dass er ein Tischlergewerbe betreibe: „Nachdem es aber ausreichend Handwerker im Ort gab, wurden seine Dienste nie in Anspruch genommen.“

Weitere Kontakte gab es mit dem laut niederländischen Ermittlern gebürtigen Wiener dann während der rund zehn Jahre, die er in der kleinen Gemeinde verbrachte, keine mehr. Laut dem Bürgermeister führte der Mann eine „unauffällige“ Existenz und fiel nicht weiter auf, er lebte den Erinnerungen nach ein „zurückgezogenes Leben“ und war offenbar die ganze Zeit über alleinstehend.

Der Fall weckt – obwohl gänzlich anders gelagert – entfernt Erinnerungen an Josef F., der im Jahr 2008 aufgeflogen war. Der Amstettner hatte 24 Jahre lang seine Tochter in einen Keller gesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Josef F. wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verurteilt.