Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Mein Geduldsfaden

31.03.2021 • 09:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Mein Geduldsfaden reißt“, sagte die Mutter zu ihrer Tochter, die zum x-ten Mal die gleiche Platte auflegt, ja Platte, das war das Neueste, der Plattenspieler, ihr Ein und Alles. Übers Netz bestellte sie die Platten, solche, die ehemals die Mutter gehört hatte. „Das war doch deine Musik, Mama“, sagte Cilli. „Hast du alles vergraben, jeden Ton eleminiert, getötet, aufgehängt. Was ist mit deinen ehemaligen Lieblingen, dem Alan Wilson von Canned Heat, dem zum Weinen schönen Leonhard Cohen . . .“

„Was ist mit deinen ehemaligen Lieblingen, dem Alan Wilson von Canned Heat, dem zum Weinen schönen Leonhard Cohen . . .“

„Einmal muss Schluss sein“, sagte die Mutter.
„Schluss womit, Mama? Schluss mit der guten Laune, die man zum Glück braucht?“
„Sei einmal ernsthaft und denke nach, was aus dir werden könnte.“
„Ja, Mama, was wohl? Ich heirate einen reichen Mann, einen zahmen Baulöwen, und höre tagaus tagein meine Platten. Bevor er abends heimkommt, reiß ich die Pizza-Packung auf und schieb den Teig ins Rohr.“
„Provozier mich nicht! Deinem Papa und mir zuliebe könntest du etwas aus dir machen wollen.“
„Meinem Papa und dir etwas aus mir machen wollen, was ist denn das für ein Satz, Mama!“
„Zuliebe, habe ich gesagt. Zuliebe. Da ist Liebe im Satz, verstehst du.“
Schluss der Szene.

Langes Schweigen. Draußen kreisen die Schwalben, sie sind aus Afrika zurückgekehrt, und das zur richtigen Zeit, nicht wie im letzten Jahr, als sie zu früh kamen, und der Vater seinen Wintermantel verschenkte, und als es dann wieder eisig wurde, die Schwalben erfroren und der Vater vor dem Feuer saß. Vor dem Feuer sitzen – eine lustvolle Formulierung.
Könnte ich in der VOGEWOSI-Wohnung ein Feuer anzünden oder einen Schlittschuhplatz einrichten . . .

Die Tage sind voller Sehnsüchte.
„Ach, als du noch klein warst, Cilli, und dein Köpfchen friedlich auf dem Zierkissen ruhte, deine Ärmchen ausgebreitet dalagen, so schutzlos.“
Die Erinnerung ist ein Sack voll leerer Schneckenhäuser.
„Schluss jetzt!“, sagt der Vater. „Keine Sentenzen, bitte! Was ist das wieder für eine Stimmung. Zum Davonlaufen. Was gibt es zum Essen? Hast du Fleisch eingekauft? Ein Mann braucht Fleisch. Was gäb ich für Rindsvögel!“
„Aber Papa, du liebst doch nichts mehr als Punschtörtchen, die mit dem rosaroten Zuckerguss.“

„Doch“, sagte der Vater und warf seine Schildkappe auf den Eisschrank, sein Proletariermerkmal. „Was ich noch mehr liebe, seid ihr zwei, alte und junge Frau.“
„Willst du damit sagen“, rief die Frau.
„Nein, nicht alt, nur aufgeblüht wie eine Rose.“
„Die nur einen Tag noch hält und dann die Blütenblätter abwirft.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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