Fast 60 Tote in Deutschland, Evakuierungen in Niederlande

Welt / 15.07.2021 • 22:40 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Eine zerstörte Brücke bei Echtershausen nahe Bitburg. <span class="copyright">APA</span>
Eine zerstörte Brücke bei Echtershausen nahe Bitburg. APA

Ganze Landstriche sind verwüstet, Häuser weggespült: Nach Unwettern im Westen Deutschlands sind fast 60 Menschen gestorben.

Berlin In Rheinland-Pfalz werden Dutzende Menschen vermisst. Politiker äußerten ihr Mitgefühl, dankten den Helfern und Einsatzkräften und machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. Die Lage war nach dem Dauerregen vielerorts in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen weiter unübersichtlich.

Retter und Retterinnen brachten Menschen in überschwemmten Orten zum Teil mit Booten in Sicherheit. Viele suchten auf Bäumen und Hausdächern Schutz vor den Fluten, Rettungshubschrauber waren im Einsatz. Es sei schwierig, die Vermissten zu erreichen, da das Mobilfunknetz zum Teil ausgefallen sei, sagte die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), am Donnerstag in Mainz. “So eine Katastrophe haben wir noch nicht gesehen. Es ist wirklich verheerend.”

Schuld <span class="copyright">APA</span>
Schuld APA

NRW-Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) machte sich in Altena und in Hagen ein Bild von der Lage. Rund 440 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk und 100 Kräfte der Bundeswehr waren allein in Hagen unterwegs, um der Wassermassen Herr zu werden. Eine Reise durch Süddeutschland hatte Laschet abgebrochen und auch seine Teilnahme an der CSU-Klausur im bayerischen Seeon abgesagt.

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) unterbrach wegen des Hochwassers seinen Urlaub. Der Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat machte sich zusammen mit Dreyer ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet. Er zeigte sich betroffen von der “gewaltigen Zerstörung, die die Natur angerichtet hat”. Aber diese Naturkatastrophe habe “sicher auch etwas damit zu tun”, dass der Klimawandel mit Geschwindigkeit fortschreite, sagte er.

Schuld bei Bad Neuenahr <span class="copyright">APA</span>
Schuld bei Bad Neuenahr APA

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte den Betroffenen Unterstützung zu. “Dies sind für die Menschen in den Überschwemmungsgebieten entsetzliche Tage. Meine Gedanken sind bei ihnen.” Sie könnten darauf vertrauen, dass alle Kräfte des Staates gemeinsam alles daran setzen würden, auch unter schwierigsten Bedingungen Leben zu retten, Gefahren abzuwenden und Not zu lindern. “Ich möchte den Helfern von ganzem Herzen für ihren Einsatz danken, von dem wir wissen, dass er zum Teil wirklich sehr, sehr gefährlich ist.”Die Bundesregierung plant nach Angaben von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ein Hilfsprogramm für die Betroffenen.

In Rheinland-Pfalz waren mehrere Orte in der Eifel besonders schwer von dem Hochwasser betroffen. Mindestens 28 Menschen kamen in dem Bundesland ums Leben. Am Abend musste die Zahl erneut nach oben korrigiert werden. “Wir gehen davon aus, dass wir neun weitere Tote bergen konnten durch die Feuerwehr, das ist jedenfalls die Meldung der technischen Einsatzleitung”, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Donnerstagabend im SWR Fernsehen. Dabei habe es sich um Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Sinzig gehandelt, sagte eine Sprecherin des rheinland-pfälzischen Innenministeriums. Die Fluten seien schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können. Mögliche weitere Opfer in Rheinland-Pfalz seien angesichts der großen Zahl von rund 40 bis 60 weiterhin vermissten Menschen zu befürchten, machte der Innenminister deutlich.

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“Wenn Menschen über so viele Stunden vermisst sind und man natürlich überall um die Katastrophe weiß, dann sind es einige, die sich aus welchen Gründen auch immer – hier muss man das Schlimmste denken – nicht zurückgemeldet haben, so dass die Nacht, die nächsten Tage möglicherweise auch diese Zahl noch einmal nach oben schnellen lässt”, sagte Lewentz. An allen Behörden in Rheinland-Pfalz werden die Fahnen am Freitag auf halbmast gesetzt.

Schwerpunkt der Katastrophe ist der Kreis Ahrweiler. Allein im 700 Einwohner zählenden Dorf Schuld an der Ahr waren sechs Häuser eingestürzt, etwa 40 Prozent der weiteren Wohngebäude wurden beschädigt. Erhebliche Schäden gab es auch in weiteren Regionen der Eifel sowie im Landkreis Trier-Saarburg.

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Die Fluten schnitten mehrere Orte von der Außenwelt ab. Etwa 50 Menschen wurden von Hausdächern gerettet, auf denen sie Zuflucht gesucht hatten. Die Bewohner von mehreren Gemeinden waren von Stromausfall und Einschränkungen der Trinkwasserversorgung betroffen.

In Trier wurden wegen des Hochwassers Teile der Ortslage Alt-Ehrang sowie ein Krankenhaus und ein Seniorenheim evakuiert. “Aus dem Heim wurden etwa 125 Menschen und aus dem Krankenhaus etwa 70 bis 80 Menschen weggebracht – einige frisch operiert”, sagte Stadtsprecher Michael Schmitz.

Zerstörte Autos im belgischen Verviers <span class="copyright">APA</span>
Zerstörte Autos im belgischen Verviers APA

In Nordrhein-Westfalen blieb die Lage ebenfalls weiter angespannt. Nach dem Abklingen des Starkregens kämpften Feuerwehr und andere Einsatzkräfte an vielen Orten mit einer sich verschärfenden Hochwasserlage. Mindestens 30 Menschen starben, wie das NRW-Innenministerium mitteilte. 57 Personen seien zudem verletzt.

Die Polizei Köln berichtete von 20 Toten in der Region. Noch seien nicht alle gesichteten Leichen geborgen, teilte die Polizei Köln am Donnerstagnachmittag mit. Im Sauerland starben zwei Feuerwehrleute. Einer von ihnen war in Altena bei der Rettung eines Mannes ertrunken. In einem überfluteten Keller eines Hauses in Geilenkirchen wurden zwei leblose Menschen gefunden. Nach ersten Ermittlungen handelte es sich um zwei Bewohner im Alter von 74 und 78 Jahren.

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An der Steinbachtalsperre wurden die Orte Schweinheim, Flamersheim und Palmersheim evakuiert. Die Talsperre sei von einem Sachverständigen als “sehr instabil” eingestuft worden, sagte der Landrat des Kreises Euskirchen, Markus Ramers (SPD). Von der Evakuierung seien 4.500 Einwohner betroffen. Gerüchte, wonach die Talsperre bereits gebrochen sei, hatte der benachbarte Kreis Ahrweiler zuvor dementiert.

Im Rhein-Erft-Kreis appellierte ein Sprecher der Polizei an Schaulustige, die Rettungsarbeiten nicht zu behindern. “Die aktuelle Situation, in der viele Menschen um Angehörige bangen und sich um ihr Hab und Gut sorgen, ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schaulust”, sagte Thomas Held. Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist der Höhepunkt der extremen Niederschläge in Teilen Deutschlands überschritten. APA

Die Lage in den Beneluxländern

König Willem-Alexander und Königin Maxima am 15. Juli im schwer getroffenen Valkenburg. <span class="copyright">APA</span>
König Willem-Alexander und Königin Maxima am 15. Juli im schwer getroffenen Valkenburg. APA

Maastricht, Brüssel Schwere Regenfälle haben nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen Westeuropas Flüsse über die Ufer treten lassen, Autos mitgerissen und Häuser zum Einsturz gebracht. In Belgien trat die Weser über die Ufer und schickte Wassermassen durch die Straßen von Pepinster in der Nähe von Lüttich, deren zerstörerische Kraft mehrere Gebäude einstürzen ließ.  “Mehrere Häuser sind eingestürzt”, sagte der Bürgermeister von Pepinster, Philippe Godin, dem Sender RTBF. Es war unklar, ob alle Bewohner unverletzt entkommen konnten. Neun Menschen kamen laut Medienberichten im Osten Belgiens ums Leben. Schnellstraßen im Süden und Osten des Landes waren überschwemmt, die Bahn stellte den Verkehr ein. 100 niederösterreichische Feuerwehrleute sind zur Hilfestellung unterwegs nach Belgien.

Soldaten im Einsatz

In der Stadt Valkenburg im Süden der Niederlande evakuierten die Behörden in der Nacht ein Pflegeheim und ein Hospiz. Die Hauptstraße des bei Touristen beliebten Ortes hatte sich durch die Überschwemmungen in einen Fluss verwandelt, wie niederländische Medien berichteten. Die Regierung schickte die Armee in die Provinz Limburg, um beim Transport von Evakuierten und beim Füllen von Sandsäcken zu helfen. Ein Abschnitt einer der verkehrsreichsten Autobahnen der Niederlande wurde wegen steigender Fluten, die die Straße zu überschwemmen drohten, gesperrt. Die Stadt Maastricht hat rund 10.000 Bürger aufgerufen, ihre Wohnungen zu verlassen und sich vor dem Hochwasser in Sicherheit zu bringen. Auch die Stadt Roermond evakuierte Viertel, mehrere Hundert Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyern bot derweil die Hilfe der Union an.

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