Das „ärztliche Dienst-Rad“ im Hinterwald ist am Limit

Heimat / 19.04.2023 • 15:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das „ärztliche Dienst-Rad“ im Hinterwald ist am Limit
Dr. Jodok Fink: „Unnötige Nachteinsätze bringen die medizinische Versorgung an ihre Grenzen.“ STP
 

Knackpunkt sind die vielen Nachteinsätze, die notfallmedizinisch nicht erforderlich sind.

Bezau Eine von Schneemangel und Aufbruchstimmung nach schwierigen Corona-Wintern geprägte Saison ist beendet und von Hotellerie über Gastronomie bis zu den Liftgesellschaften wird Bilanz gezogen. Bilanz zieht auch die Ärzteschaft im Sprengel Hinterwald – und diese fällt in den zehn Gemeinden von Bezau bis Warth bzw. Damüls zum Teil kritisch aus.

Sind an Grenzen gekommen

Dr. Jodok Fink bringt es im Gespräch mit der VN-Heimat auf den Punkt: „Die medizinische Versorgung ist in unserem Sprengel an ihre Grenzen gekommen, die Nachteinsätze sind fast nicht mehr zu bewältigen.“ Nach fast 40 Jahren Tätigkeit als Gemeindearzt in Bezau ist der engagierte Mediziner – Jahrgang 1955 – per Ende 2022 in den verdienten Ruhestand getreten – ganz loslassen konnte er jedoch (noch) nicht und macht u. a. weiterhin die Diensteinteilung.

Und da zeigt sich, „dass die Belastungen ein Ausmaß angenommen haben, die auf Dauer nicht mehr zu bewältigen sind“, fordert er nachhaltige Entlastungen, „um die medizinische Versorgung nicht insgesamt ernsthaft zu gefährden, denn es wäre ein bedauerlicher Rückschritt, wenn das in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaute System nicht mehr aufrechterhalten werden könnte.“

Schwierige Rahmenbedingungen

Die Topografie des Bregenzerwaldes, speziell des Hinterwaldes, ist für die medizinische Versorgung eine echte Herausforderung. Vor rund 35 Jahren haben die Mediziner der Region deshalb u. a. ein spezielles Notarztsystem entwickelt, das über die Grenzen des Landes hinaus Beachtung fand: Ende der 1980er-Jahre haben alle Mediziner die Notarztausbildung absolviert und in Zusammenarbeit mit der „Wälder Rettung“ (Rettungsabteilung Egg und Ortsstelle Au) ein Rendezvous-System aufgebaut, das von First-Responder-Gruppen unterstützt wird. Auf dieses System sind Medizinerinnen und Mediziner der Region stolz und es wäre bedauerlich, wenn Abstriche gemacht werden müssten, weil das „Dienst-Rad“ zu viel Ressourcen bindet.

Der Hinterwald ist eine spezielle Herausforderung, denn der Sprengel erstreckt sich über mehr als 250 Quadratkilometer und die Strecke von Bezau bis Warth beträgt gut 35 Kilometer – mehr als 1200 Höhenmeter inklusive – und ist in der winterlichen Hochsaison oft mit widrigen Straßenverhältnissen verbunden. In den zehn Gemeinden (Bezau, Reuthe, Bizau, Mellau, Schnepfau, Au, Damüls, Schoppernau, Schröcken und Warth) wohnen mehr als 9.000 Menschen, dazu kommen bei Vollbelegung noch mehr als 12.000 stationäre Urlaubsgäste.

Nur zehn Prozent Notfälle

„Am Tag“, so Dr. Fink, „sind wir gut aufgestellt, das Problem sind die Nachtdienste, bei denen Behandlungen durchgeführt werden, die in überwiegender Zahl notfallmedizinisch nicht nötig wären“, beklagt der Mediziner und ergänzt, dass „schätzungsweise 90 Prozent dieser Einsätze vermeidbar wären“. Eine verstauchte Hand oder andere leichte Verletzungen könnten ohne Problem bis zum nächsten Tag „warten“ und „deswegen muss nicht mitten in der Nacht der Arzt bemüht werden“, so Dr. Fink, der auch anmerkt, dass durch solche Einsätze lebensbedrohliche Probleme entstehen können. „Wenn der diensthabende Arzt beispielsweise wegen einer Lappalie nach Warth gerufen wird und er deshalb bei einem gleichzeitig auftretenden lebensbedrohlichen Notfall in Bezau nicht zur Verfügung steht, kann es für den Patienten kritisch werden.“

Verständnis wecken

„Unser Fokus“, so Dr. Fink, „muss deshalb darauf liegen, die Zahl dieser vermeidbaren Einsätze drastisch zu senken, um das ,Dienst-Rad‘ nachhaltig zu entlasten.“ Kein leichtes Unterfangen, weil dafür viel Verständnis seitens der Bevölkerung und der Urlaubsgäste erforderlich ist, nicht bei jedem kleinen gesundheitlichen Problem mitten in der Nacht nach dem Arzt zu rufen. STP

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