Die Rettung kam zu spät

Vorarlberg / 01.05.2015 • 19:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Gegen Ende bäumte sich ein letztes Mal die ganze Grausamkeit der Machthaber auf. In blinder Wut wurden noch unliebsame Gegner exekutiert. Für viele kam die Befreiung zu spät.

Das jüdische Mädchen Anne Frank hatte sich mit der Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nationalsozialisten versteckt. Zwei Jahre lang keine Freunde treffen, nicht durch die Straßen bummeln, die Bäume nicht blühen sehen! Zu ihrem 13. Geburtstag schenkte ihr der Vater ein Tagebuch. Im Versteck begann sie mit dem Schreiben. Sie nannte ihr Tagebuch „Kitty“ und notierte ihre Gedanken in Briefform: „Ich hoffe, dass ich dir alles schreiben kann…“. Es waren für einen jungen Menschen ganz außergewöhnliche Erkenntnisse über das Leben, das Erwachsenwerden, über die erste Liebe, über die Weltlage. „Wir Jüngeren haben doppelt Mühe, unsere Meinung zu handhaben in einer Zeit, wo aller Idealismus zerstört und niedergeschmettert wird, wo Menschen sich von ihrer hässlichsten Seite sehen lassen, wo gezweifelt wird an Wahrheit und Recht und Gott“. Sie kämpfte bis zu Letzt um ihre Ideale, hatte Träume und schöne Erwartungen.

Das Tagebuch

Im August 1944 wurden die Untergetauchten verraten. SS-Oberscharführer Karl Silberbauer, ein gebürtiger Wiener, nahm die Versteckten fest und vergaß nicht, ihnen das Geld und den Schmuck vorher abzunehmen. Die Verhafteten wurden in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Zurück blieb das Tagebuch. Die treue Gehilfin der Franks, Miep Gies, die auch aus Wien stammte, nahm es an sich und übergab es später Otto Frank, dem Vater von Anne, der als einziger der Familie überlebt hatte. Heute gibt es kaum jemanden, der das „Tagebuch der Anne Frank“ nicht kennt oder gelesen hat. Februar oder Anfang März 1945 starb Anne Frank an Typhus. Eine Epidemie war im niedersächsischen KZ Bergen-Belsen ausgebrochen. Wenige Wochen später wurde das Lager von britischen Truppen befreit. Für Anne aber – und viele andere – kamen sie zu spät.

Widerstand und Ergebung

Auch Dietrich Bonhoeffer erlebte das Ende des Krieges nicht. Der evangelische Pfarrer saß wegen Wehrkraftzersetzung im Militärgefängnis Berlin-Tegel. Er war schon früher aufgefallen, als er in einer Rundfunkrede davor warnte, dass ein Führer auch zum Verführer werden könne. Die Sendung wurde unterbrochen. Bonhoeffer beteiligte sich am Widerstand gegen das Nazi-Regime. Er tat dies als Christ und Zeitgenosse. Er meinte, dass es doch nicht seine erste und einzige Aufgabe sein könne, die Opfer eines Wahnsinnigen, der betrunken mit seinem Auto über den Kurfürstendamm rast, zu beerdigen und die Angehörigen zu trösten, sondern dass es gelte, dem Betrunkenen das Steuer zu entreißen.

In der Tegeler Gefängniszelle schrieb er Briefe, Gedichte und Gedanken, die eine ganze Theologengeneration nach dem Krieg in Atem gehalten hat. Dort entstanden auch jene Worte, die viele Menschen schon getröstet haben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Das Ende – Beginn des Lebens

Kurz nach Ostern 1945 gab Hitler bei einer Tasse Kaffee den Befehl, Bonhoeffer und die anderen Männer des Widerstandes zu vernichten. Auf dem Weg Richtung Süden machte der Gefangenen­transport Zwischenhalt in Schönberg. Dort wurde eine Schule zum provisorischen Gefängnis umfunktioniert. Am „Weißen Sonntag“ hielt Bonhoeffer für die Häftlinge eine kurze Andacht. Da ging die Türe auf und jemand rief: „Mitkommen!“. Bonhoeffers letzte überlieferten Worte waren: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens“. Dann ging es ins KZ- Flossenbürg. In den Morgenstunden des 9. April 1945 wurde er gehängt.

Das geschah vor 70 Jahren. Am 8. Mai war der Krieg zu Ende. Für viele zu spät. Was wäre, wenn sie überlebt hätten, was hätten sie noch sagen und tun können? So zu fragen ist unnötig, denn es ist wie es ist. Das Leben wurde ihnen genommen, ihre Stimmen aber nicht.

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.