Ein „Bayreuth für Schubertianer“

Kultur / 01.05.2015 • 20:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der berühmte Bassbariton Thomas Quasthoff im Gespräch mit VN-Musikkritiker Fritz Jurmann.  Foto: VN  
Der berühmte Bassbariton Thomas Quasthoff im Gespräch mit VN-Musikkritiker Fritz Jurmann. Foto: VN  

Die bewegten ersten 39 Jahre auf dem Weg zum bedeutendsten Liederfestival.

HOHENEMS. (ju) Man kann es als die sprichwörtlich „glückliche Fügung“ bezeichnen, die den großen deutschen Bariton Hermann Prey irgendwann Mitte der Siebziger ins verschlafene Örtchen Hohenems führte. Er sah den prächtigen Renaissancepalast mit seinem stimmigen Rittersaal und ließ die Musikwelt wissen: „Hier möchte ich jede Note aufführen lassen, die Franz Schubert je in seinem Leben geschrieben hat – mit einer Schubertiade wie zu Lebzeiten des Komponisten.“ Niemand konnte damals ahnen, dass daraus einmal das bedeutendste Liederfestival der Welt werden würde, international vernetzt mit den bedeutendsten Sängern, Kammermusikern und Pianisten.

900.000 Besucher

Mit seiner klaren Programmstruktur und der exzellenten Qualität ist diese „Schubertiade“ inzwischen zu einem „Bayreuth für Schubertianer“ geworden, mit rund zweitausend Veranstaltungen und geschätzten 900.000 Besuchern aus aller Welt.

Leute wie Peter Schreier, Elisabeth Schwarzkopf, der greise Karl Böhm mit den Wiener Philharmonikern oder der Pianist Svjatoslav Richter machten Hohenems innert Kurzem und auch durch unsere internationalen Rundfunkübertragungen zu einer kleinen Weltstadt der Musik. Von Beginn an war Gerd Nachbauer als Geschäftsführer dabei, der schon zuvor über seine „Mozartgemeinde“ indirekt den Grundstein für einen Konzertbetrieb im Schloss gelegt hatte. Zwei Jahre hatte man sich in Hohenems als „Versuchsballon“ gegeben, in denen man mit populären Programmen „das Publikum anlocken wollte“. Und war auf Preys Wunsch sogar Stadt geworden. Doch als sich auch nach dieser Zeit die von ihm angestrebte chronologische Reihenfolge der Werke als praktisch und vor allem finanziell undurchführbar erwies, warf er 1980 das Handtuch. An das Ende des Unternehmens Schubertiade dachten in diesem Moment wohl viele, nicht aber Gerd Nachbauer. Er hatte sich in den wenigen Jahren ein solches Netz an internationalen Verbindungen aufgebaut, dass er nun selbst auch die künstlerische Leitung übernahm und nach Preys Abgang mit Dietrich Fischer-Dieskau gleich den nächsten großen deutschen Bariton an Land zog, dazu den damals schon legendären Dirigenten Nikolaus Harnoncourt. Schon ab 1985 war das noch „Stadthalle“ genannte spätere Montforthaus Feldkirch quasi die Außenstelle des Festivals für große Besetzungen. Mit Beethovens „Missa solemnis“, einem konzertanten „Fidelio“ und 1992 mit allen Schubert-Symphonien sorgten sie immer wieder für Meilensteine. Der Musikkritiker Peter Cossé gestand mir einmal: „Es ist, als wäre in Feldkirch ein Vorhang aus Milchglas aufgegangen – so klar erstrahlte hier Schuberts Musik!“

Als man 1991 den Palast Hohenems wegen einer Landesausstellung anderweitig vergeben hatte und von Nachbauer allen Ernstes erwartete, dass er mit seiner Schubertiade einfach ein Jahr pausiere, zog er ganz nach Feldkirch um. Das „alte“ Montforthaus bewährte sich auch für unvergessene Liederabende etwa von Fischer-Dieskau, der mir in einem Interview gestand, er würde den Saal seiner Akustik wegen am liebsten mit auf Tournee nehmen. Oder für den legendären Zyklus aller Schubert-Klaviersonaten, die der Pianist András Schiff dort 1992 innerhalb von 14 Tagen in sechs verschiedenen Konzerten zelebrierte – natürlich alles auswendig. Der bereits im Rollstuhl anwesende berühmte Wiener Psychiater Erwin Ringel bekannte mir danach erschüttert: „Für mich ist András Schiff die Wiedergeburt des Franz Schubert!“

Landpartien

Daneben wurden von 1994 bis 2000 im Rahmen so genannter „Landpartien“ immer wieder neue Schauplätze entdeckt: die Propstei St. Gerold, Schloss Achberg und Lindau in der deutschen Nachbarschaft und irgendwann auch die Gemeinde Schwarzenberg, die nach dem Umbau des Angelika-Kauffmann-Saales im Jahre 2001 zum fixen Schauplatz des Festivals wurde und damit Feldkirch ablöste. Nicht nur der Begriff „Landpartien“ für Ausflüge ins Grüne beweist die deutliche Schubert-Nähe des Festivals in seiner Mobilität. Auch das Wandern an sich ist ein Motiv, das ganz stark in Schuberts Schaffen verwurzelt war, als Symbol des Unsteten, nach Erfüllung und Ruhe Suchenden. Der Kreis der bewegten Schubertiade-Wanderjahre wurde sinnvoll damit abgeschlossen, dass das Festival vor genau zehn Jahren wieder an seinen Gründungsort Hohenems zurückkehrte. Freilich nicht in den Palast, sondern in eine adaptierte ehemalige Turnhalle, die nun als „Markus-Sittikus-Saal“ an den prominenten Salzburger Fürsterzbischof aus Hohenems erinnert und den zweiten Schauplatz neben Schwarzenberg bildet.

Heuer 80 Konzerte

An beiden Orten finden heuer zwischen Mai und Oktober je zur Hälfte 80 Konzerte statt, mit jener ausgeklügelten Mischung aus Bewährtem und Neuem, wie sie das harmoniesüchtige Publikum dort erwartet und bekommt. Die etwa 40.000 Besucher werden in einem nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt auch den Regionen Bregenzerwald und Rheintal einen deutlichen Schub im Kulturtourismus bescheren.