Herr L. pflanzt Hoffnung an

Vorarlberg / 01.05.2015 • 19:53 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Aurite und Rizas Klassenkameraden der Mittelschule Lauterach sind wegen der Abschiebung „wütend, traurig und verletzt“.  FOTO: VN/STIPLOVSEK
Aurite und Rizas Klassenkameraden der Mittelschule Lauterach sind wegen der Abschiebung „wütend, traurig und verletzt“. FOTO: VN/STIPLOVSEK

Kinder- und Jugendanwalt nimmt Stellung. Die Angst vor der Abschiebung bleibt.

Heidi Rinke-Jarosch

LAUTERACH. „Beide Kinder wollten schon am ersten Tag nach ihrer Ankunft in die Schule kommen. Sie wollen lernen und erbringen sehr gute Leistungen. Und wenn es um Freiwilligkeit geht, sind sie dabei.“ Gabi Dünser, Direktorin der Mittelschule Lauterach, hat nur lobende Worte für Riza (16) und Aurite (14).

Bettina Miltner-Gerbis, Lehrerin an der MS Lauterach, bestätigt das und führt weiter aus: „Beide sprechen schon sehr gut Deutsch.“ Aurite habe trotzdem einen neuen Deutschkurs angefangen. Von den vier Mathestunden wöchentlich zweige das Mädchen jeden Dienstagnachmittag zwei Stunden für den zusätzlichen Deutschunterricht ab. Von Riza weiß Miltner-Gerbis: „Er möchte eine Friseurlehre machen.“ Doch das ist momentan nicht möglich, weil er bzw. die Familie L. noch keine entsprechende Aufenthaltsberechtigung hat. „Das war auch der Grund, weshalb Aurite und Riza anfangs sehr zurückhaltend waren“, erklärt die Lehrerin. „Sie wollten unter keinen Umständen auffallen. Sie leben ja dauernd in Angst vor der Abschiebung. Wie ist das auszuhalten?“

Zur Erinnerung: Die Familie L. – Eltern und vier Kinder im Alter von drei, 14 (Aurite), 16 (Riza), und 22 Jahren – mussten vor über Jahren aus dem Kosovo flüchten, nachdem dort ihr Leben wegen einer Familienfehde, die Blutrache fordert, bedroht ist. Als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention kann die Familie nicht anerkannt werden. Im Kosovo herrscht kein Krieg mehr, er gilt als sogenanntes „sicheres Land“. Deshalb entschied das BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl) die Abschiebung der Familie L. in ihr Herkunftsland.

Ohne einen entsprechenden Bescheid zugestellt zu haben, hatte das BFA die Polizei angewiesen, die Abschiebung der Familie am Freitag, 20. März um 6 Uhr früh durchzuführen. Nachdem der Vater, Enver L. (Name geändert), einen Suizidversuch unternommen hatte, brachen die Polizisten die Amtshandlung ab.

Verstört und verängstigt

Gabi Dünser zufolge waren die Kinder verstört und verängstigt, als sie am gleichen Morgen zu ihr kamen, um sich zu verabschieden. Sofort hat die Pädagogin begonnen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um der Familie zu helfen. Kräftig unterstützt wird sie dabei von ihrer Kollegin Miltner-Gerbis sowie von der Caritas Flüchtlingshilfe, Lauterachs Bürgermeister Elmar Rhomberg und Pfarrer Werner Ludescher.

Betroffen reagierten auch Rizas und Aurites Mitschüler. Sie produzierten das „video für riza und aurite“ und drückten darin ihre Wut, Traurigkeit und Verletztheit aus. „Die Kinder lernen, auf diese Weise aktiv sein und Zivilcourage zeigen“, äußert sich Gabi Dünser anerkennend dazu. Sie findet es großartig, „wie die Kinder Herz und Kopf einsetzen. Ich bin stolz auf sie. Und sie können stolz auf sich sein.“

Inzwischen hat das BFA die Beweisaufnahme fortgesetzt, und der Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch verfasste eine Stellungnahme zur Situation der Familie. Darin lobt er das Engagement „unterschiedlicher Personen und Institutionen, um – in welcher Form auch immer – einen Verbleib (der Familie) in Österreich zu erreichen“. Rauch hebt insbesondere die Mittelschule Lauterach hervor. „Das zivilgesellschaftliche Engagement ist enorm, die verfahrensrechtlichen Bemühungen der Caritas seien ebenfalls erwähnt.“ Dann bezieht er sich auf
das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern und macht darauf aufmerksam, „dass bei allen Maßnahmen das Kindeswohl im Vordergrund zu stehen hat.“ Zudem weist Rauch auf die Artikel 1 und 4 des Bundesverfassungsgesetzes über die Rechte von Kindern und
auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention hin, aus denen sich die Verpflichtung ergibt, „die Interessen der von einer Ausweisung betroffenen Kinder vorrangig zu berücksichtigen.“ Eine mögliche Ausweisung oder Abschiebung der Familie mit Kindern verletze diese Rechte.

Neue Familie gefunden

Enver L. ist überwältigt von der Hilfe und Zuneigung, die seiner Familie in Lauterach widerfährt. „Ich habe meine eigene Familie im Kosovo verloren, und an diesem Ort eine neue, große gefunden. Ich weiß nicht, wie ich mich dafür bedanken kann.“ Trotzdem lebt die Familie weiterhin mit der Angst, in ihr Herkunftsland abgeschoben zu werden. „Ich würde gerne bis zu meinem letzten Atemzug in Lauterach bleiben“ sagt Enver L.

Miltner-Gerbis sorgt sich um den Gesundheitszustand des Familienvaters: „Herr L. ist völlig entnervt.“ Aber er sei dabei, einen kleinen Garten herzurichten. „Dort pflanzt er Hoffnung an.“

Großartig, wie die Kinder Herz und Kopf einsetzen. Ich bin stolz auf sie. Sie können stolz auf sich sein.

Gabi Dünser

Das Video der MS-Lauterach-Schüler ist auf YouTube unter „video
für riza und aurite“ zu finden.