Meister des Poetry Slam

Kultur / 01.05.2015 • 22:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit einem Klassiker ins Spielzeitfinale: „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand am Vorarlberger Landestheater.  Foto: LT/Köhler
Mit einem Klassiker ins Spielzeitfinale: „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand am Vorarlberger Landestheater. Foto: LT/Köhler

Das Landestheater zeigt, womit der barocke Cyrano heute wohl erfolgreich wäre.

Christa Dietrich

Bregenz. Am Ende sind sie tot. Die Szenen zuvor nicht nur mit möglichst wenig Schwermut, sondern auch mit comichaften Mantel-und-Degen-Aktionen zu überziehen, ist ein Konzept, das aufgehen kann. Wenn die berühmte Poesie von Edmond Rostand dabei auch noch ein sehr heutiges Kolorit erhält, dann funktioniert es sogar sehr lange. So geschehen am Vorarlberger Landestheater, wo „Cyrano de Bergerac“ am Vorabend zum Wonnemonat Mai Premiere hatte und für hiesige Verhältnisse äußerst heftig beklatscht wurde.

Das Hauptmotiv in Edmond Rostands 1897 uraufgeführtem, romantischem Drama ist auch jenen Zeitgenossen geläufig, die wenig Berührung mit der klassischen französischen Literatur haben. Der äußerst redegewandte Cyrano liebt Roxane, wagt sich ihr aufgrund seiner missgestalteten Nase aber nicht zu offenbaren. Diese wiederum liebt den schönen Christian, der ihrem Anspruch nach poesievoller Werbung allerdings nicht genügen kann. Gemeinsam sind die Männer ein starkes Team, der eine hat die Sprache, der andere das makellose Antlitz. Nachdem seine Reime Gehör fanden, übt sich Cyrano – ganz Edelmann – im Verzicht. Er dichtet schriftlich und unerkannt für den Freund weiter, muss aber miterleben, dass ein anderer Nebenbuhler den Kadetten Christian in die Schlacht und damit in den Tod schickt. Verwitwet und verwundet entdecken Cyrano und Roxane erst Jahre später was sie versäumt haben.

Draufgängertum

Die Scheu vor den innersten Wünschen in einem sozialen Umfeld, das das Äußere stark bewertet, kompensiert unser Cyrano, bei dessen Gestaltung Rostand auch an den gleichnamigen Dichter und Rebell aus dem 17. Jahrhundert dachte, durch Draufgängertum. Mit dem Degen oder gar mit Verstellung ist er ebenso flink wie mit Worten. Als lässiger Superheld steht Tim Breyvogel im Ring, ist so gut wie nicht zu schlagen und doch so verletzlich. Diesen Spagat in einer Inszenierung hinzukriegen, in der der aus Wien geholte Regisseur Hans Escher über weite Strecken auf enorm viel Komik setzt, ist das Wunderbare an diesem Abend. Immer wieder – etwa auch mit Tamara Stern als Duenna, Wolfgang Pevestorf als Ragueneau oder Daniel Wagner als Kapuziner – wird die Komödie extrem zugespitzt und bevor die Gefahr droht, dann doch nicht dem Klamauk verschenkt.

Ausstatter Renato Uz kommt mit einem riesigen Bett aus. Der Kopfteil gleicht einer stilisierten Krone, wird später Balkon oder Schlachtschauplatz mit gezeichnetem Knall. Die Kostüme von Andrea Hölzl vereinen durchaus feingliedrig barocken Überfluss mit modernem Showbiz.  Bei so viel Buntheit, in deren Mitte Cyrano zudem als Meister des Poetry Slam den Bogen in die Gegenwart spannt, wird das Finale für die Regie allerdings eine enorme Last.

Mitgezittert

Dem tragischen Ende entsprechende Leichtigkeit angedeihen zu lassen, das schafft gerade noch Tamara Stern. Constanze Passin hat als Roxane im ersten Teil (neben Boris Popovic als Christian) jene zarte Stimmung mitgetragen, die es immer wieder zu erzeugen gilt, tut sich unter der Bürde der Ereignisse jedoch schwer. Breyvogel gleicht in den letzten Minuten den Spannungsabfall im zweiten Teil wieder souverän aus. So mancher im Publikum hat mitgezittert und war dann nur eines – begeistert.

Nächste Aufführung am 5. Mai, 19.30 Uhr im Theater am Kornmarkt in Bregenz und viele weitere: www.landestheater.org