Musik, die gefragt ist und es bleibt

Kultur / 01.05.2015 • 20:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gerd Nachbauer hat sich als Jubiläums-Zyklus seines Festivals die Aufführung sämtlicher Schubert-Lieder vorgenommen. Foto: VN/Hofmeister

Gerd Nachbauer hat sich als Jubiläums-Zyklus seines Festivals die Aufführung sämtlicher Schubert-Lieder vorgenommen. Foto: VN/Hofmeister

Gerd Nachbauer über ein Mammutprojekt zum 40-Jahr-Jubiläum der Schubertiade.

HOHENEMS. Noch niemals zuvor hat man zur Eröffnung der Schubertiade einen Festakt erlebt, wie ihn andere so ausgiebig zelebrieren. Geschäftsführer Gerd Nachbauer (63) hatte stets argumentiert, sein Festival müsse mit dem Wichtigsten beginnen, und das sei die Musik. Die Feierlichkeit gestern Nachmittag galt dann auch nicht dem Jubiläum der 40. Schubertiade in diesem Jahr, sondern dem 50-jährigen Bestehen der Neuen Schubert-Ausgabe und führte damit in direkter Linie doch zur Musik Franz Schuberts, in der ungemein wichtigen und wertvollen musikwissenschaftlichen Aufarbeitung und Herausgabe seines Gesamtwerkes.

Sämtliche Schubertlieder

Gerd Nachbauer hat sich als Jubiläums-Zyklus seines Festivals für heuer und nächstes Jahr („40 Jahre Schubertiade“) die Aufführung sämtlicher Schubert-Lieder vorgenommen – eine Mammutaufgabe, die unglaublich viel Geduld und akribische Detailarbeit voraussetzt, wie man sie von Nachbauer ja gewohnt ist. Der Umfang dieses Projektes wird einem klar, wenn man weiß, dass der „Liederfürst“ Schubert rund 600 Lieder komponiert hat, von denen nur ein Bruchteil heute noch regelmäßig in den Konzertsälen erklingt. In dieser Kunstform konnte Schubert alles ausdrücken, was seine zerrissene Seelenlandschaft beschäftigte, Freude und Schmerz, Dur und Moll oft ganz nahe beisammen: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zertheilte mich die Liebe und der Schmerz.“ In solch innerem Zwiespalt sind etwa auch seine Zyklen „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“ entstanden und zu bleibenden Denkmälern abendländischer Musikkultur geworden. Die Idee, alle Schubertlieder auf jeweils ca. 40 CDs zu dokumentieren, gab es mehrfach, ab 1997 bei der Firma Hyperion, ein Jahr später auch bei Naxos.

Auch Gerd Nachbauer plante damals zusammen mit der Kölner Philharmonie und dem WDR einen solchen Konzertzyklus. Doch seine Festivalstruktur war nicht vereinbar mit den Saisonen des Konzertsaales, und so stieg er wieder aus. Wie viele Schubertlieder es nach neuesten Forschungen wirklich gibt, weiß nicht einmal der Schubertiade-Chef: „Das ist Auslegungssache. Es gibt von verschiedenen Liedern mehrere Fassungen oder auch nur Fragmente. Wir machen bei uns einfach alles, was irgendwie aufführbar ist.“ Im Lauf von 39 Schubertiade-Jahren wurden bisher ca. 500 Lieder aufgeführt, darunter auch viele unbekannte. Fehlen also noch rund einhundert, für die Nachbauer Leute aus seiner großen Künstlerfamilie fand, die das eigens einstudierten, um den Zyklus zu komplettieren: „Wir haben bekannte und neue Lieder gemischt, denn nur Raritäten möchte natürlich niemand hören.“

Schuberts Liedersammlung in einen riesigen Zyklus eingebunden ist natürlich in erster Linie von musikwissenschaftlicher Bedeutung, was aber kann der normale Freund des Schubertliedes davon profitieren? Gerd Nachbauer: „Wir bieten damit die Möglichkeit, hier Schuberts komplettes Liedschaffen live zu erleben. Das können natürlich nur die wenigsten, weil das doch in jedem der beiden Jahre einen Zeitraum von jeweils drei Wochen und insgesamt über 40 Konzerte umfasst.“

Alles muss zusammenpassen

40. Schubertiade – das muss man bei einem solchen Anlass fragen: Ist Gerd Nachbauer heute eigentlich auch ein bisschen stolz auf sein Lebenswerk? „Stolz darf man nicht sein, das kann sich sehr rasch ändern. Als Veranstalter ist man abhängig von gewissen Zeitströmungen, vom Interesse des Publikums, von der Bereitschaft der Künstler und vom Umfeld mit den finanziellen und räumlichen Möglichkeiten. Es muss alles zusammenpassen, inklusive Gastronomie und Hotellerie, nur dann hat man Erfolg. Im Moment läuft es gut, künstlerisch und auch wirtschaftlich, nach wie vor ohne Subventionen. Innerhalb dieser 40 Jahre hat sich natürlich auch das Publikumsverhalten geändert, das man berücksichtigen muss. Schubert aber ist immer gefragt und wird es wohl auch bleiben.“

Wohin sollte sich die Schubertiade inhaltlich und von ihren Schauplätzen her in den nächsten Jahren entwickeln? Ist vielleicht das neue Montforthaus Feldkirch eine Option für eine Rückkehr, wie es derzeit Gerüchte weismachen wollen? „Man hat jahrelang hinausposaunt, das ergäbe einmal einen wunderbaren Konzertsaal. In Wirklichkeit ist er leider akustisch misslungen und kommt für mich nicht in Frage. Die Feldkircher haben es geschafft, den früheren akustisch besten Konzertsaal des Landes restlos zu entsorgen.“ Nachbauer kommt zwar bald ins Pensionsalter, zeigt aber keinerlei Ermüdungserscheinungen und ist von gewohnter Umtriebigkeit und voll neuer Ideen – wie lange gedenkt er dieses Unternehmen noch selbst zu führen? Er lächelt vielsagend: „Mein 2010 verstorbener Kollege Wolfgang Wagner in Bayreuth hat erst kurz vor seinem 90. Geburtstag die Leitung abgegeben. Er war zuvor 60 Jahre lang der dienstälteste Festspiel-Intendant, damit hat er mich in diesem Bereich zum Dinosaurier gemacht. Nachdem ich früher begonnen habe als er, könnte ich ihn theoretisch sogar noch überholen, wenn ich bis 90 arbeite.“

Im Moment läuft es gut, künstlerisch und auch wirtschaftlich, nach wie vor ohne Subventionen.

Gerd Nachbauer

Daten und Schwerpunkte 2015

Konzerte

» 1. – 10. Mai, Hohenems mit „Musikwerkstatt“

» 29. – 31. Mai, Hohenems – Aaron Pilsan, Klavier, und seine Gäste

» 20. – 28. Juni, Schwarzenberg

» 16. – 19. Juli, Hohenems – Sommerkonzerte mit Valer Sabadus, Countertenor, und Quatuor Ebène

» 22.– 30. August, Schwarzenberg – mit Meisterkurs Peter Schreier

» 11. – 13. September, Hohenems – Kian Soltani, Violoncello, und seine Gäste

» 1. – 6. Oktober, Hohenems – mit Festkonzert „10 Jahre Markus-Sittikus-Saal“

Museen in Hohenems

» Franz-Schubert-Museum Marktstraße 1

» Dreimäderlhaus-Museum Marktstraße 6

» Legge-Museum Marktstraße 5

» Elisabeth-Schwarzkopf-Museum Schweizer Straße 1 Villa Rosenthal

» Öffnungszeiten während der Termine der Schubertiade jeweils von 10–18 Uhr