Wenn man Träume begraben muss

Vorarlberg / 01.05.2015 • 19:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Anton und Sylvia Reiner: Gemeinsam meistern sie ihr schweres Schicksal. Foto: VN/Paulitsch

Anton und Sylvia Reiner: Gemeinsam meistern sie ihr schweres Schicksal. Foto: VN/Paulitsch

Sylvia Reiner pflegt ihren Mann Anton seit 18 Jahren. Manchmal überfordert sie ihr Schicksal.

Möggers. (VN-kum) Sylvias Augen haben Tiefe. In ihnen spiegelt sich geballt das Leid, das sie in ihrem Leben erlitten hat. Sie sitzt mit ihrem Mann Anton (63) am Küchentisch. Gemeinsam blättern sie eine Gartenzeitung durch. Die 58-Jährige arbeitet gerne im Garten. „Denn da kann ich für mich sein.“ Die zweifache Mutter benötigt Zeit für sich alleine.

Sie hat gemerkt, dass ihr das guttut. „Anton und ich sind Tag und Nacht zusammen. Mir ist das manchmal zu viel.“ Ihr Mann braucht sie. Er ist auf ihre Hilfe angewiesen, seit 18 Jahren. Damals erlitt Anton einen Schlaganfall. Sie waren noch vergleichsweise jung, als dieser Schicksalsschlag sie traf. Anton war 45, Sylvia gerade 40. In diesem Alter erwartet man sich noch etwas vom Leben. Da hat man noch Träume.

Ein Pflegefall

Die der Reiners waren bescheiden. Sie träumten davon, hin und wieder mit ihren zwei Kindern auf Urlaub zu fahren. Doch das Leben machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Es bescherte Sylvia ein drittes „Kind“. Anton konnte nach dem Schlaganfall nicht mehr gehen. Der Leiblachtaler ist seither an den Rollstuhl gefesselt und ein Pflegefall. Das Leben der Reiners änderte sich radikal – für alle in der Familie.

Der Familienvater konnte nicht mehr arbeiten und nicht mehr Musik machen. „Ich war Kapellmeister bei der Bürgermusik Möggers. Die Musik war meine Leidenschaft“, sagt der behinderte Mann mit abgehackter Stimme. Das Sprechen macht ihm noch heute Probleme. Seine Söhne Claudio und Julian verloren den Vater, der mit ihnen Fußball spielte und im Garten tobte. Sie wuchsen mit einem kranken Vater auf. Seine Frau Sylvia stellte ihr Leben hintan und übernahm die Pflege.

„Die ersten paar Monate konnte ich ihn nicht allein lassen. Ich habe ihn rund um die Uhr betreut.“ Sie kam nicht mehr aus dem Haus hinaus. Das Pflegerische war eine große Herausforderung für sie und brachte sie oft an ihre Grenzen. „Aber das Ärgste war, dass das Miteinander fehlte und wir das Leben nicht mehr miteinander gestalten konnten. Mein Mann und ich konnten kaum mehr etwas zusammen tun. Wir konnten nicht mehr wandern oder an den See schwimmen gehen.“

Kraft aus dem Gebet

Ihr Glaube wurde auf eine harte Probe gestellt. „In der ersten Zeit habe ich oft mit Gott gehadert.“ Andererseits hat Sylvia Reiner im Gebet Kraft geschöpft. Inzwischen dankt sie dem Herrgott jeden Tag, „dass ich morgens aufstehen und meinen Pflichten nachkommen kann.“ Sie sieht es als ihre Aufgabe an, für ihren Mann zu sorgen. „Ich muss da sein. Es geht nicht anders. Denn man braucht mich.“ Aber es gibt Tage, da geht es ihr nicht gut. Da überfordert sie ihr Schicksal.

An einem solchen Tag wurde sie auch schon von dem Gedanken heimgesucht, ihren Mann zu verlassen. Sylvia ist überzeugt: „Wenn ich gehen würde, ginge er zugrunde.“ Nie würde sie es übers Herz bringen, von ihm zu gehen. „Ich kann nicht meinen schwerkranken Mann in ein Altersheim bringen. Das würde ich nicht fertigbringen.“ Sie ist froh, dass er ein angenehmer Patient ist.

„Anton ist ganz selten unzufrieden. Ich habe noch nie erlebt, dass er deprimiert wäre.“ Der 63-Jährige lächelt. Dann sagt er: „Was ist, ist. Das kann man nicht ändern und nicht rückgängig machen. Man muss es akzeptieren.“ Der gehandicapte Mann möchte hinaus ins Freie. Es ist ein schöner Frühlingstag. Die Sonne scheint.

Sylvia schiebt ihren Mann in den Garten. Auf dem Weg dorthin meint sie zu ihm: „Verheiratet sein wird durch so etwas nicht ausgelöscht, gell Schatz.“ Und jetzt glänzen ihre Augen verdächtig feucht.