Aufstand der Entrechteten

Politik / 03.05.2015 • 22:16 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die gewalttätigen Massenproteste in Baltimore nach der Tötung eines 25-jährigen Schwarzen durch einen Polizisten haben eine schwärende Wunde der US-Gesellschaft offengelegt. Auf den Straßen von Baltimore manifestiert sich das hässliche Gesicht eines staatlichen amerikanischen Versagens, das schreiende Ungerechtigkeiten, buchstäblich asoziale Verhältnisse, staatliche Willkür, Armut und Hoffnungslosigkeit institutionalisiert.

 

Von Demonstranten in Brand gesetzte Häuser und Autos, geplünderte Geschäfte, mit Steinen attackierte Polizisten und blutende Opfer gewalttätiger Konfrontationen sind von den Medien verbreitete Horrorszenen. Auf der Strecke bleibt dabei die Frage nach dem Warum der Gewaltexplosion am Ort des Geschehens in West-Baltimore: Hier leben fast ausschließlich schwarze Amerikaner. Fast 60 Prozent der Arbeitsfähigen sind arbeitslos. Die Hälfte aller Bewohner fristet ein kümmerliches Leben unterhalb der Armutsgrenze. Mehr als 40 Prozent haben keinen Schulabschluss. Mehrere Tausend vegetieren obdachlos in Ruinen, unter Brücken oder am Straßenrand. Eine geregelte medizinische Versorgung gibt es nur für die wenigsten. Staatliche Lebensmittelgutscheine garantieren nicht das Überleben.

 

Das alles rechtfertigt nicht Straßenterror, Vandalismus, Brandschatzen und Plündern einer kleinen Gruppe unter den Demonstranten, die in ihrer überwiegenden Mehrheit gewaltlos ihren Protest gegen Missstände bekunden. Und es ist die Pflicht von Ordnungshütern, weitere Gewalttaten zu verhindern. Aber es sind auch Polizisten, die den Anlass zum Aufstand der Entrechteten lieferten. Polizisten, weiße wie schwarze, die praktisch täglich vermeintlich Verdächtige töten. Wie den 25-Jährigen in Baltimore, dem sie augenscheinlich das Genick brachen und den Sterbenden in Ketten legten. Es sind Vertreter einer militarisierten Polizei, die, von 5000 Soldaten der Nationalgarde unterstützt, mit Panzerwagen und Schnellfeuergewehren Protestierende in Schach halten will.

 

Das alles führt zu aufgestauter Wut, Verzweiflung und Zukunftsangst, die in kollektivem Aufschreien und auch in Gewaltakten ausbrechen kann. Das berechtigte Aufbegehren mit staatlicher Gewalt und auch Brutalität unterbinden zu wollen, ist keine Lösung.

Aber es gibt einen Funken Hoffnung. Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton versprach, sich für eine radikale Lösung der von den Demonstrierenden beklagten Missstände der US-Gesellschaft einzusetzen. Es ist nur zu wünschen, dass sie sich nach ihrer möglichen Wahl zur Präsidentin daran erinnert. Denn die Zündschnur brennt nicht nur in Baltimore.

Das Aufbegehren mit staatlicher Gewalt und auch Brutalität unterbinden zu wollen, ist keine Lösung.

Peter W. Schroeder, Washington