„Der Krieg gehörte zum Leben dazu“

Vorarlberg / 03.05.2015 • 20:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
 2. Mai 1945: Französische Militärs erreichen Dornbirn über die Hatlerstraße. STADTARCHIV DORNBIRN/ULMER  
 2. Mai 1945: Französische Militärs erreichen Dornbirn über die Hatlerstraße. STADTARCHIV DORNBIRN/ULMER  

Vor dem Elternhaus zogen Wehrmacht und SS ab. Und Besatzer marschierten ein.

Heidi Rinke-Jarosch

bregenz. Fliegeralarm, Luftschutzkeller, Soldaten: „Der Krieg gehörte zum Leben dazu.“ So hat die 82-jährige Inge Böhler auch das letzte Kriegsjahr 1945 in Erinnerung.

Zu jener Zeit lebte sie mit ihrer Mutter und der Großmutter in einem Einfamilienhaus an der Hatlerstraße in Dornbirn. Der Vater war als Soldat in Kärnten stationiert. Er habe gegen die Partisanen kämpfen müssen. „Bis auf die Alten und die Kinder waren ja alle Männer an der Front oder im Lazarett“, bemerkt die seit Anfang der 1960er-Jahre in Bregenz lebende Pensionistin.
Während des Krieges habe die Lebensmittelversorgung mittels Bezugscheinen gut funktioniert, „aber alles war rationiert und deshalb knapp“, erinnert sie sich. „Pro Tag bekamen wir aus der Sennerei ein Achtelliter Milch pro Erwachsenen, ein Viertelliter pro Kind“, erzählt sie. Ihre Mutter habe „als Zubrot“ einen kleinen Acker bewirtschaftet und ein paar Hühner gehalten.

Das wichtigste Nahrungsmittel für ihre Familie war Riebel. Das typische Vorarlberger Maisgericht sei jeden Tag zubereitet worden. Von der Mama oder von ihr selbst. „Hin und wieder haben wir auch Maisbrot gebacken. Das war patzig, hat Fäden gezogen und lag schwer im Magen.“ Aber nahrhaft war es.

Für Inge Böhler begann das letzte Kriegsjahr mit „Kohleferien“. Danach habe es wegen des Fliegeralarms keinen durchgehenden Unterricht mehr gegeben. Insbesondere in den letzten Wochen vor Kriegsende sei die Sirene „wahnsinnig oft“ ausgelöst worden. Für die damals 12-Jährige hieß das jedes Mal: ab in den Luftschutzkeller neben der Schule.

Wasser für die Soldaten

Im April, als auch in Vorarlberg klar war, dass der Krieg dem Ende zuging, erlebte die Schülerin vor ihrem Elternhaus den Rückzug der Wehrmachtssoldaten und der SS. „Wir Kinder standen tagelang mit großen Eimern voll Wasser am Straßenrand und gaben den vorbeiziehenden Soldaten zu trinken.“ Viele seien aus Tirol gekommen und Richtung Deutschland gezogen. „Den Männern ging es gar nicht gut. Sie waren ziemlich vergammelt.“

Die gesprengten Achbrücken blockierten den Vormarsch der französischen Truppen Ende April, weshalb sie in Dornbirn erst am Nachmittag des 2. Mai eintrafen. Mehrere Häuser waren mit weißen Leintüchern beflaggt und alle Hindernisse, wie Panzersperren aus Holz, waren beiseitegeräumt worden. Widerstand von Wehrmacht und SS gab es allerdings in Dornbirn-Wallenmahd. Dort starben in der Nähe der Fabrik J.M. Fußenegger fünf französische Soldaten und ein Zivilist bei Kampfhandlungen. Auch einige Häuser wurden zerstört. Inge Böhler stand wieder vor dem Elternhaus, als die ersten Panzer über die Hatlerstraße Richtung Zentrum rollten. Das Bild mit den „links und rechts marschierenden marokkanischen Soldaten, mit nach außen gerichteten Gewehren“ hat sie noch deutlich im Kopf. „Dann kam eine Muli-Karawane mit Marokkanern vorbei. Ihnen folgten Franzosen in Jeeps.“

Quartier mit Bad

Die Besatzer suchten Quartiere. Weil Inge Böhlers Elternhaus mit einem Bad ausgestattet war, zogen zwei französische Offiziere in ihr Elternhaus ein. „Einer im oberen Stock, einer im unteren.“ Diese Offiziere seien für die in der nahen Schule untergebrachten marokkanischen Soldaten zuständig gewesen.

Nach dem Krieg ging es den Menschen in Vorarlbergs Städten deutlich schlechter als im Krieg. Und wie die meisten Städter ging auch Inge Böhler zu den Bauern „hamstern“. Das heißt, man tauschte Wertgegenstände und Kleidung gegen Nahrungsmittel. Im Herbst begann wieder der Schulunterricht. „In den Klassen waren alle Hitler-Bilder abmontiert. An ihrer Stelle waren Kruzifixe an den Wänden angebracht“, weiß Inge Böhler noch. Die Schulen seien allerdings geplündert worden: „Gestohlen wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war. Das waren aber nicht die Besatzer, sondern unsere Leute.“

Gestohlen wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Inge Böhler
   
   

Zur Person

Inge Böhler, geborene Holzer,
ist als Pesnionistin stark im Tierschutzbereich engagiert.
Geboren: 1933
Wohnort: Bregenz
Beruf: Buchhalterin im Textilbereich
Familie: verheiratet mit Georg seit 1961, Mutter von drei Söhnen und einer Tochter

Quelle für Hintergrund-Infos: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at