Franz Schubert im Originalklang-Gewand

Kultur / 03.05.2015 • 20:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Carolina Ullrich ersang sich Sympathien. Foto: Schubertiade

Carolina Ullrich ersang sich Sympathien. Foto: Schubertiade

Prégardien und Gees deuten „Müllerin“-Zyklus in neuer Aufführungspraxis.

HOHENEMS. Zum Start der 40. Jubiläums-Schubertiade überraschten der Tenor Christoph Prégardien und sein langjähriger Klavierpartner Michael Gees beim Eröffnungskonzert mit einer deutlich veränderten Version von Schuberts bekanntem Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ – nach neuen Forschungen so, wie er zu Lebzeiten des Komponisten erklungen sein dürfte. Dass Prégardien seine Sichtweise tags darauf in einer „Musikwerkstatt“ vor Publikum auch musikwissenschaftlich detailliert mit aufführungspraktischen Erkenntnissen untermauerte, unterstreicht die Fachkompetenz, mit der das Festival heuer die Pflege des Schubertliedes betreibt. Für den seit über 20 Jahren hier hochgeschätzten und kundigen Interpreten sind die neuen Forschungen zum Schubertlied wie eine Rückkehr zu seiner Herkunft aus dem Bereich der Alten Musik.

Denn nun begreift er auch Schubert ganz aus einem barocken Geist heraus, gestaltet die vielen Strophenlieder dieses Zyklus wie Da-capo-Arien reizvoll mit immer neuen, improvisierten kleinen Verzierungen, Variationen und farblichen Schattierungen. In kluger Dosierung und geschmackvoller Zurückhaltung wird das wohl niemanden wirklich verstört haben, auch wenn da manchmal doch recht deutlich von Schuberts originalem Notentext und von absoluter Werktreue abgewichen wurde. Eine „Müllerin“ ganz anders als gewohnt: jung und frisch wie aus dem Ei gepellt und doch so voll lauernder Tragik.

Stark und berührend

Eine Besonderheit ist die starke innere Verbindung der beiden Künstler: Michael Gees ist so mit Prégardien verwachsen, dass er dessen Ausritte von der Norm aufnimmt, am Klavier beantwortet und weiterführt. Ein brillanter Techniker, der etwa kraftvoll das Jagdhorn erschallen lässt, wenn der Müllerbursche expressiv mit dem Schicksal hadert. Der am Steinway aber auch unglaubliche Zurückhaltung übt, wenn der Sänger in perfekter Diktion seine berühmte Pianokultur im Falsett ausspielt und damit die Brüchigkeit der scheinbaren Idylle aufdeckt. Ein starker Auftritt und ein zugleich zutiefst berührender Abend, der vom Publikum im vollbesetzten Markus-Sittikus-Saal mitverfolgt und nach einer Schweigeminute bejubelt wird.

Alle ca. 600 Lieder Franz Schuberts werden also in einem umfassenden Zyklus bei den Schubertiaden 2015 und 2016 aufgeführt, darunter auch viel Unbekanntes. Einen ersten Eindruck davon gab am Samstag die chilenische Sopranistin Carolina Ullrich (33) zusammen mit ihrem brasilianischen Lebensgefährten Marcelo Amaral am Klavier. Die Künstlerin ist von ihrem Debüt 2013 in Schwarzenberg in bester Erinnerung. Sie wirkt seit 2010 an der Dresdner Semperoper.

Auch diesmal macht sie ihre Herkunft von der Oper glatt vergessen. Mit einer für Schubert ideal leichtgängigen Stimme widmet sie sich liebevoll auch manchen etwas unbeholfenen und wohl zu Recht vergessenen Werken des Meisters, nicht ohne eine gewisse Anspannung. Nachdem sie sich endgültig freigesungen hat, entfalten sich auch die Schönheiten ihrer lieblich hellen und technisch sauber geführten Stimme. Dazwischen gibt es auch Bekanntes: Frauenfiguren, die durch Schuberts Liedvertonungen unsterblich wurden wie Goethes „Gretchen am Spinnrade“ oder Marianne von Willemers Gesänge Suleikas von Erwartung und Abschied. Ullrich macht sie mit feiner Charakterisierungskunst lebendig, getragen von der präsenten Begleitung durch ihren Klavierpartner, und ersingt sich die Sympathie des Publikums.

Schubertiade Hohenems am Montag, Markus-Sittikus-Saal, 16Uhr, Modigliani Quartett, Sabine Meyer, Klarinette; 20 Uhr, Annette Dasch, Sopran, Wolfram Rieger, Klavier.