Klischeefreie Selbstbestimmung

Kultur / 03.05.2015 • 20:56 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die psychologischen Aspekte von „Written on Skin“ werden in dieser Neuinszenierung berücksichtigt.  Foto: Theater/Michel  
Die psychologischen Aspekte von „Written on Skin“ werden in dieser Neuinszenierung berücksichtigt. Foto: Theater/Michel  

Die Oper „Written on Skin“ ist nicht einfach, aber kraftvoll und musikalisch schön.

Christa Dietrich

St. Gallen. Dass sie sich einer großen Herausforderung stellt, dürfte Nicola Raab, jener deutschen Regisseurin, die das Bregenzer Festspiel-Publikum von mehreren Uraufführungen in den letzten Jahren kennt, klar gewesen sein. Nachdem sie im Vorjahr am Theater in St. Gallen (mit Musikern aus Vorarlberg) alle Schwierigkeiten meisterte, die eine Aufführung von Janaceks Oper „Das schlaue Füchslein“ in einer Lokremise mit sich bringt, arbeitete sie nun im großen Haus und wurde nach der Premiere von „Written on Skin“ am Samstagabend neben den Sängern und Musikern mit viel Applaus bedacht.

Eine derartige Publikumsakzeptanz zu erreichen, setzt in einem Mehrspartenunternehmen, in dem man nicht oft vom gängigen Repertoire abweicht, einiges voraus. Bei „Written on Skin“, jenem 2012 uraufgeführten Werk von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt erschwerend hinzu, dass eine stringente Handlung fehlt und die Figuren mehrere Rollen einnehmen, erleichternd ist lediglich die Tatsache, dass die Musik eine emotionale Wucht enthält, der sich niemand entziehen kann. Kent Nagano hat bei der Münchner Premiere mit Sicherheit dazu beigetragen, dass das Werk sofort auf die Spielpläne mehrerer deutscher Bühnen kam. Die feingliedrige Interpretation von Otto Tausk am Pult des hinter der Bühne platzierten Sinfonieorchesters St. Gallen und ein uneingeschränkt versiertes Sängerensemble (Evelyn Pollock, Jordan Shanahan, Benno Schachtner, Theresa Holzhauser, Nik Kevin Koch) hat die Schweizer Erstaufführung nun entsprechend veredelt.

Somit funktioniert es

Die Figuren von Martin Crimp sind nicht nur Handelnde, sondern auch Erzählende. Die Geschichte von einer Frau, die sich selbst entdeckt und sich mit tödlicher Konsequenz aus dem Machtbereich eines Mannes befreit, geht auf eine grausame Sage aus dem Mittelalter zurück. Nicola Raab und die Ausstatterin Mirella Weingarten lassen die verschiedenen Ebenen auf einer zusammenfließen. Spiegeleffekte verstärken den Einsatz eines Bewegungschores, der psychologische Momente dezent unterstreicht. Im Grunde zielt die Inszenierung jedoch darauf ab, die Thematik über Körpersprache, Kostümsymbolik und vor allem über die Stimme wirken zu lassen. Benjamins Musik lässt es zu, und somit funktioniert es.

Nächste Aufführung am 6. Mai, 19.30 Uhr im Theater St. Gallen. Dauer: eineinhalb Stunden, www.theatersg.ch