Vollgeld in Island

Vorarlberg / 03.05.2015 • 20:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Unverhofft kommt oft. Nachdem in der Schweiz eine BürgerInnen-Initiative für eine Vollgeld-Reform die Hälfte der nötigen Unterschriften beisammen hat, kommt aus Island ein Vorstoß zum selben Thema der Regierung. Das ist umso erstaunlicher, da der Widerstand aus dem konventionellen Bankensystem ebenso hart ist wie aus den Reihen der etablierten Wissenschaft.

Aber Island hat gute – schmerzhafte – Gründe, aus der konzertierten Orthodoxie auszubrechen. Die Finanzkrise hat das Land heftiger erschüttert als viele andere europäische Länder; alle drei Großbanken brachen zusammen, das Rettungspaket betrug fast 50% des BIP, die Staatsschuld schnellte von 25 auf rund 100% des BIP. Bis heute schützen Kapitalverkehrskontrollen vor andauernder Instabilität.

Einer der Krisenauslöser war einer Regierungsstudie zufolge, dass die Banken die Geldmenge in den 15 Jahren vor der Krise verneunzehnfacht hatten. Im gegenwärtigen Geldsystem können Banken dies tun, weil Geldschöpfung und Kreditvergabe ein und derselbe Vorgang sind. Steigt im Bubble-Boom die Nachfrage nach Finanzkrediten, wird auch das Geld mehr, obwohl die reale Wirtschaft kaum wächst. Die Vollgeld-Reform würde die Tätigkeit der Geldausgabe von jener der Kreditvergabe trennen. Alles Geld würde ausschließlich von der öffentlichen Zentralbank ausgegeben, nicht nur das Bargeld, sondern auch das Buchgeld – im Gleichschritt mit dem BIP-Wachstum. Banken würden nur noch Kredite vergeben aus Spareinlagen, die zuerst hereinkommen müssen: Also genau so, wie sich viele Menschen das Bankgeschäft eigentlich vorstellen. Im Unterschied zum heutigen „Schuldgeldsystem“ würde neues Geld ohne Zins und schuldfrei – als Geschenk – in Umlauf geraten. Das zusätzliche Geld käme direkt der Allgemeinheit zugute; es würde über Staatsausgaben auf den „Geldkonten“ der StaatsbürgerInnen landen. Diese würden zwar von den Banken verwaltet, genau gleich wie heute Girokonten, doch der Inhalt bliebe im Besitz der KundInnen und ginge nicht in die Bankbilanz ein. Dadurch bliebe Vollgeld im Fall einer Insolvenz der Bank ausfallsicher, Bank-Runs erübrigten sich ebenso wie eine „Spareinlagensicherung für Girokonten“ und Bankenrettungen mit Steuergeld, um den Zusammenbruch des Zahlungsverkehrs zu vermeiden. Nur wer „sein Geld“ bewusst in eine Sparform überträgt, geht ein Investitionsrisiko ein mit allen Konsequenzen. Im Falle der Bank-Insolvenz werden SparerInnen als GläubigerInnen an den Verlusten beteiligt, sie haben aber im Unterschied zu heute die Wahl.

Ein großes Zuckerl für alle winkt bei der Umstellung: Bei der Umwandlung des von den Banken geschaffenen Giralgeldes in Vollgeld käme es durch eine Umbuchung in der Zentralbankbilanz zu einer einmaligen Entlastung der Staatsfinanzen im Ausmaß der vorhandenen Giralgeldmenge, das sind in der Eurozone rund 50% des BIP. Um diesen Betrag könnten die Staatsschulden reduziert werden. Allein dieser Aspekt sollte der nun ausgereiften Vollgeld-Reform zu breiter Diskussion verhelfen.

Banken würden nur noch Kredite vergeben aus Spareinlagen, die zuerst hereinkommen müssen.

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Der Salzburger Christian Felber ist freier Publizist und Autor,
der die Idee der Gemeinwohl-Wirtschaft vertritt.