Abschied und Neubeginn

Vorarlberg / 04.05.2015 • 20:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Seit einem Jahr wohnen Lydia und Josef Kastler gemeinsam im Seniorenheim. Das Ehepaar hat den Schritt nicht bereut. Foto. VN/Stiplovsek
Seit einem Jahr wohnen Lydia und Josef Kastler gemeinsam im Seniorenheim. Das Ehepaar hat den Schritt nicht bereut. Foto. VN/Stiplovsek

Das Pflegeheim Birkenwiese in Dornbirn ist das neue Zuhause des Ehepaars Josef und Lydia Kastler.

Dornbirn. (VN-kum) Josef Kastler (84) ist nach seinem alten Leben zumute. Er schiebt eine Kassette in den Videorekorder und schaut sich einen selbstgedrehten Film über seine „Ranch“ an. Seine „Ranch“, das war ein großes Grundstück, das er in Hohenems gepachtet hatte und aus dem er ein Garten- und Tierparadies gemacht hat. Dort feierte er mit seiner Familie das Leben. An Geburtstagen oder Grillfesten tummelten sich hier nebst 100 Hasen und 50 Hühnern um die 50 Menschen. Es wurde gegessen, getrunken, musiziert, getanzt, gesungen und gejodelt. Fürs Jodeln war seine Ehefrau Lydia zuständig, die viele Jahre dem Hohenemser Gesangsverein angehörte und so gut jodeln kann, dass ihr sogar einmal ein Jodel-Diplom ausgestellt wurde.

Schmerz der Vergangenheit

Josef bekommt feuchte Augen, als er die bewegten Bilder aus vergangenen Tagen sieht. Es schmerzt ihn noch heute, dass es mit seiner „Ranch“ keinen guten Ausgang nahm. Vor sechs Jahren musste der Dornbirner sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. „Danach wurde sie angezündet“, sagt er mit trauriger Miene. Zuerst verlor er die „Ranch“, die er 24 Jahre lang wie ein Kind hegte und pflegte. Danach sein Zuhause: die Wohnung, in der er 48 Jahre gelebt hat.

Die Abschiede taten weh. Aber das Leben ließ ihm keine Wahl, denn er und seine Frau Lydia waren nicht mehr imstande, für sich selbst zu sorgen. Lydia wurde immer vergesslicher, und er, dessen Herz durch drei Infarkte geschwächt war, war mit dem Haushalt überfordert. „Es ist mir zu streng geworden.“ Ihr Sohn riet ihnen, ins Altersheim zu ziehen. „Er sagte: ,Papa, du brauchst die Mama. Und die Mama braucht dich. Warum geht ihr nicht gemeinsam ins Heim?‘“ Genau vor einem Jahr ließ das Ehepaar Kastler das alte Leben hinter sich und quartierte sich im Pflegeheim ein.

„Wir haben nur das Sofa, zwei Stühle, den Kühlschrank, die Mikrowelle und den Fernseher mitgenommen“, zählt Lydia auf, die neben ihrem Mann auf der Couch sitzt. Die gehbehinderte 85-Jährige, die, wie sie sagt, in ihrem Leben „all schaffa“ musste, hat sich schnell wohl in ihrem neuen Zuhause gefühlt. Denn: „Hier muss ich nicht mehr viel tun. Ich muss kein Bett mehr machen und nicht mehr putzen. Die Wäsche wird uns gemacht und unser Essen haben wir auch.“

In guter Gesellschaft

Ihr Mann hingegen brauchte länger, um sich im neuen Heim einzugewöhnen. „Mich hat es anfangs geschreckt. Ich dachte, jetzt komme ich ins Gefängnis.“ Lydia wirft ein: „Und dabei ist es hier so schön.“ Josef nickt. Aus heutiger Sicht muss er seiner Frau recht geben. Der leutselige Mann schätzt vor allem die Gesellschaft, die er hier hat. „Wir sitzen jeden Tag beisammen.“ Schnell hat er sich zum Alleinunterhalter entwickelt. Stolz erzählt er, dass seine Mitbewohner froh sind, dass er hier ist. „Sie sagen: Seppi, wenn wir dich nicht hätten, hätten wir es nicht so lustig.“

Josef muss zugeben: „Daheim habe ich nicht so viel gelacht wie hier.“ Jeden Abend spielt er mit ein paar Frauen Mensch-ärgere-dich-nicht. Mit den „Puppis“, wie er sie scherzhaft nennt, hat er viel Spaß. Seine Frau ist kein bisschen eifersüchtig. „Ich kenne ihn ja und weiß, wie er ist.“ Aber man kann nicht den ganzen Tag Gaudi machen. Josef macht sich auch nützlich im Heim. Er leert Aschenbecher, räumt Tische ab oder hilft anderen betagten Bewohnern, sich hinzusetzen.

Es klopft an der Tür. Eine Pflegerin bittet die Kastlers, zum Singen zu kommen. „Man holt mich zum Jodeln“, freut sich Lydia. Ihr Mann schaltet den Fernseher ab. Denn jetzt ruft das neue Leben.