Geiseln versklavt und zum Kampf gezwungen

Politik / 04.05.2015 • 22:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Unterernährt und verzweifelt: Lami Musa und ihre vier Tage alte Tochter wurden befreit. Wo ihre anderen drei Kinder sind, weiß sie nicht. FOTO: AP
Unterernährt und verzweifelt: Lami Musa und ihre vier Tage alte Tochter wurden befreit. Wo ihre anderen drei Kinder sind, weiß sie nicht. FOTO: AP

Traumatisiert und krank: Frauen und Kinder in Nigeria von Boko Haram-Terror befreit.

Yola. Ihre Gesichter sind hager, ihre Bäuche aufgebläht, ihre Haare schimmern orange – alles Zeichen der Unterernährung. Am Wochenende kamen 275 der fast 700 Frauen und Mädchen, die das nigerianische Militär bei Einsätzen im Sambisa-Wald aus den Händen der radikal­islamischen Terrorgruppe Boko Haram befreit hat, in einem Flüchtlingslager nahe Yola im Nordosten des Landes an. Viele wirken verstört und traumatisiert, die meisten können die Wendung ihres Schicksals noch gar nicht fassen.

Die Beamten, die das Camp verwalten, hörten bisher heraus, dass unter den Befreiten wohl keines der mehr als 200 Mädchen ist, die im April 2014 aus einer Schule in Chibok verschleppt worden waren. Ihre Entführung hatte weltweite Proteste ausgelöst.

Konnte nicht laufen

„Boko Haram hat den Vater dieses Kindes getötet“, sagte Lami Musa der Nachrichtenagentur AP und hält ihre vier Tage alte Tochter im Flüchtlingscamp hoch. Sie habe noch drei andere Kinder, sagte die 27-Jährige unter Tränen. „Aber ich weiß nicht, wo sie sind.“ Bei einem Überfall auf ihr Dorf Lassa hätten die Extremisten ihren Mann getötet und sie verschleppt. Ihr jüngstes Kind kam zur Welt einen Tag, bevor die befreiten Frauen und Mädchen unter dem Schutz des Militärs die beschwerliche Reise im Laderaum klappriger Lastwagen antraten. Militärfahrzeuge eskortierten die Kolonne. Ein Wagen fuhr dabei auf eine Landmine, zwei Soldaten wurden verletzt, wie ein Augenzeuge berichtete. Bei ihrer Ankunft im Camp konnte Musa zunächst kaum laufen, ihre Füße waren auf ein gigantisches Maß angeschwollen. Sie habe keine Milch in ihrer Brust, um das noch namenlose Neugeborene zu ernähren. Zusammen mit Dutzenden anderer Mädchen und Frauen aus der Gruppe kam sie als erste in das Krankenhaus des Flüchtlingslagers. Der dortige Arzt schickte 22 gleich weiter zur Behandlung in ein Spital.

Viele der Befreiten dürften den Extremisten von Boko Haram als Sexsklavinnen gedient haben oder sie wurden zwangsverheiratet. Einige scheinen aber auch zum Kämpfen an der Seite der Islamisten gezwungen worden zu sein. Nigerianische Soldaten waren geschockt, dass einige der Frauen das Feuer auf sie eröffneten, als das Militär sie in der vergangenen Woche in dem Dorf Nbita befreien wollte. Ein Militärangehöriger berichtete der AP, die Frauen hätten sieben Soldaten getötet. Offenbar während der Gefechte starben seinen Worten zufolge auch zwölf Frauen.

Nach Schätzung von Amnesty International brachten die Extremisten der Boko Haram bei ihrem Vormarsch 2014 mindestens 2000 Frauen und Mädchen in ihre Gewalt. Mehr als 10.000 Menschen starben. Rund 1,5 Millionen Einwohner mussten fliehen.