Großer Aufschwung im Land

Spezial / 04.05.2015 • 20:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hermann Rhomberg: nach 1938 und nach 1945 einflussreich.  
Hermann Rhomberg: nach 1938 und nach 1945 einflussreich.  

Der Anschluss ans Dritte Reich brachte der Vorarlberger Wirtschaft einen merklichen Aufschwung.

Schwarzach. (VN-sca) Die 1930er-Jahre waren nicht nur politisch extrem, die zunehmende Radikalisierung in „Restösterreich“ rührte vor allem aus der wirtschaftlich prekären Lage im Land. Schon Anfang der 30er-Jahre haben allerdings die großen Vorarlberger Textilunternehmer eine Richtungsentscheidung getroffen.

Aufschwung im Gau

„Die Industrie unterstützte fast geschlossen den Nationalsozialismus“, stellt der Historiker und jetzige grüne Nationalratsabgeordnete Harald Walser fest, der die Rolle und Situation der Vorarlberger Wirtschaft im Dritten Reich eingehend untersucht hat. „Der Anschluss im Jahr 1938 war verbunden mit einem großen Aufschwung der Industrie in unserem Bundesland“, sagt Walser und zählt die großen Projekte der Nationalsozialisten auf.

Schon am 14. März sei eine Abordnung aus dem Altreich zur Silvretta hochgefahren, um sich ein Bild zu machen, wo und wie das Kraftwerks­projekt der Illwerke umgesetzt werden kann. Die Wasserkraft war für die Pläne des Regimes besonders wichtig. Immerhin zehn Prozent der Energie für das gesamte Reich sollten, so die Vorstellungen, aus dem Gau Tirol-Vorarlberg stammen. Bereits in den ersten Jahren des großdeutschen Reichs wurden rund 60 Millionen Reichsmark in das Kraftwerksprojekt gesteckt. Die Bauwirtschaft und das Baunebengewerbe boomten, zumal auch die Verkehrsinfrastruktur den großen Plänen angepasst werden musste. Die Arlbergpassstraße wurde ebenfalls in dieser Zeit in den Fels getrieben.

Gut für den Neustart

Die Großprojekte, die schließlich von Zwangsarbeitern umgesetzt wurden, erwiesen sich nach Kriegsende als eine wichtige Voraussetzung für das beispiellose Wachstum des Landes. „Die Kriegsschäden waren im Vergleich mit anderen Regionen gering und die Infrastruktur war sehr gut, um nach dem Krieg zu starten“, beschreibt Walser, der mehrere Arbeiten zu diesem Thema verfasste, die damalige Situation.

Der Anschluss Österreichs an Deutschland war auch der Startschuss für ein riesiges Wohnbauprogramm und damit zusammenhängend die Geburtsstunde der VOGEWOSI (die allerdings nach dem Krieg 1947 neu gegründet wurde). Vorarlberg war das einzige Land, in dem die Südtirolersiedlungen wie geplant gebaut wurden, in Nordtirol und in den deutschen Regionen blieb das Programm auf halbem Weg stecken. In Vorarlberg wurden 242 Zweizimmerwohnungen, 1068 Dreizimmerwohnungen, 602 Vierzimmerwohnungen und 93 Fünfzimmerwohnungen gebaut, die bis heute genutzt werden.

Die Vorarlberger Textilindustriellen, die reichlich Vorleistungen erbracht hatten, ernteten nach dem Anschluss entsprechend wichtige Positionen in den Wirtschaftsverbänden. Auch bei Arisierungen waren große Vorarlberger Unternehmen nicht zurückhaltend, so zählte zum Beispiel das noble Wiener Kaufhaus Herzmansky bald zum Reich von F. M. Hämmerle und F. M. Rhomberg.

Hermann Rhomberg, Gesellschafter und Geschäftsführer der Texilwerke F. M. Rhomberg, war Luftwaffenbeauftragter des Reichsluftwaffenministeriums und zugleich Bezirksbeauftragter des Rüstungskommandos im Wehrkreis XVIII und hatte dementsprechend Einfluss bei Auftragsvergaben wie Rohstoffzuwendungen. Zu den höchsten nationalsozialistischen Funktionären im Land zählte auch Karl Josef Otten, Reichsbeauftragter für die Textilindustrie und somit höchster Funktionär im gesamten Reich, der sich M. B. Neumanns Söhne in Hohen­ems „einverleibte“.

Die Materialversorgung war von Anfang an nicht einfach, im Verlauf des Krieges stellten auch viele kleinere Vorarlberger Unternehmen auf Kriegsproduktion um und machten damit erste Schritte in einer neuen Branche, der Metallindustrie. Die Firmen lieferten vor allem den grenznahen Rüstungsproduzenten Maybach, Dornier, Zeppelin und ZF Friedrichshafen zu, die schließlich Ziele der alliierten Bomberpiloten wurden. Nicht mehr zum Einsatz kam eine unterirdische Munitionsfabrik in Hohenems, die von den Franzosen gesprengt wurde.