Sozialistischer Kapitalistenschreck

Politik / 04.05.2015 • 22:22 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Sanders will ins Weiße Haus gewählt werden. FOTO: AP
Sanders will ins Weiße Haus gewählt werden. FOTO: AP

73-Jähriger Sozialist Bernie Sanders will sich gegen Hillary Clinton durchsetzen.

Washington. Mit einer unerwarteten Wendung ist der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf plötzlich spannender geworden: Der 73-jährige Bernie Sanders, ein leibhaftiger Sozialist und dienstältester Senator im Washingtoner Parlament, will Nachfolger von Präsident Barack Obama werden. Schon die Kandidaturanmeldung ist nicht weniger als ein politisches Erdbeben, dessen Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Denn in einem Land, in dem „liberal“ schon als Schimpfwort gilt, tritt der linke Feuerkopf und dezidiert „antikapitalistische“ Politiker gegen die bisherige Alleinkandidatin der Demokraten, Hillary Rodham Clinton, an. Die gratulierte dem „lieben Bernie“ und beeilte sich zur Mitteilung auf allen sozialen Netzwerken, dass sie praktisch auf allen politischen Feldern derselben Meinung wie Sanders sei. Was nicht die ganze Wahrheit ist, aber noch wahr werden kann.

In den kommenden 17 Monaten wird der eingefleischte Vorkämpfer der kleinen Leute und Verächter von Millionären und Milliardären Wahlkampf gegen die Multimillionärin Hillary Clinton machen. Vor allem auf drei politischen Feldern will Sanders kämpfen. Zuerst für mehr Arbeitnehmerrechte und einen „Mindestlohn, von dem Menschen wirklich leben können“. Gleichzeitig will er die Reichen des Landes stärker zur Kasse bitten. Als nächstes will er die gängige Parteien- und Kandidatenfinanzierung abschaffen. Denn die garantiere zur Zeit schließlich, „dass sich ein paar Superreiche den Präsidenten und Parlamentarier praktisch kaufen können“.

Schon in den ersten 24 Stunden nach der Anmeldung seiner Kandidatur sammelte Sanders bei rund 300.000 Begeisterten 1,5 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden ein. Mehr als jeder Möchtegern-Präsident der Republikaner im gleichen Zeitraum. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass der Sozialisten-Senator eine realistische Chance für einen Sieg über Hillary Clinton, geschweige denn auf einen Einzug ins Weiße Haus hat.

Wichtig für Hillary ist aber, dass Sanders die von der Obama-Politik der letzten Jahre enttäuschten Ganz-Linken US-Wähler wieder ins Demokraten-Lager und damit auch an die Wahlurnen treibt. Damit die Begeisterung anhält, bleibt Hillary Clinton nichts anderes übrig, als einen politischen Linksruck zu betreiben.

Von den Republikanern ist nach der Sanders-Kandidatur schon deutliches Zähneknirschen zu hören. Sie müssen befürchten, dass ein paar ihrer ultrakonservativen Präsidentschaftsbewerber Stammwähler so verschrecken, dass etliche von ihnen am Wahltag zu Hause bleiben. Kein Wunder dass sich die schon vorher als Favoritin gehandelte Hillary Clinton so über Kandidatur-Konkurrenz des sozialistischen Kapitalistenschrecks freut.